Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die europäischen Märkte sind gefallen und sind nun unterbewertet, doch das bedeutet nicht immer, dass es ein guter Zeitpunkt zum Investieren ist.
- Selbst wenn der Konflikt im Nahen Osten endet, wird es noch einige Zeit dauern, bis sich die Auswirkungen gelegt haben.
- Nach dem Kursrückgang bieten einige Konsumaktien nun ein beträchtliches Aufwärtspotenzial.
Nachdem die europäischen Aktienmärkte in den Wochen nach Ausbruch des Nahostkonflikts erhebliche Verluste hinnehmen mussten, befinden sie sich nun in einer Art Warteschleife: Anleger verarbeiten die täglichen Entwicklungen und passen ihre Positionen je nach den Signalen, wann sich die Energieexporte aus der Region wieder normalisieren könnten, leicht nach oben oder unten an.
Die europäischen Aktienmärkte haben von ihrem Höchststand bis zum Tiefpunkt rund 10 % verloren, und der März war für den Morningstar Europe Index der schlechteste Monat seit März 2020 – eine deutliche, aber für Anleger nicht verheerende Entwicklung. Deutlichere Verluste sind auf Sektorebene zu verzeichnen. Zyklische Konsumaktien mussten die größten Einbußen hinnehmen und verloren im Quartalsverlauf 17 %, gefolgt von Finanzwerten mit einem Minus von fast 7 % und dem Gesundheitswesen mit einem Rückgang von rund 5 %.
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um europäische Aktien zu kaufen?
Die Märkte sind deutlich eingebrochen, doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass dies ein guter Zeitpunkt für Investitionen ist. In meinen Gesprächen mit Kunden in der letzten Woche haben mir viele von den Chancen berichtet, die sie branchenübergreifend nutzen – Chancen, die sich erst aufgrund des jüngsten Marktschocks ergeben haben. Andere hingegen teilten mir mit, dass sie seit Beginn des Konflikts keine einzige Aktie gekauft haben, was angesichts der Unsicherheit an den Märkten verständlich ist.
Die europäischen Aktienmärkte sind wieder günstig
Europäische Aktien werden derzeit mit einem Abschlag von fast 10 % gegenüber ihrer Fair Value-Schätzung gehandelt, während sie noch vor einem Monat einen leichten Aufschlag verzeichneten. Die wirtschaftliche Lage hat sich im Vergleich zum Vormonat dramatisch verändert.
Die Inflation, die in Europa bislang stets unter 2 % geblieben war, lag im März bei 2,5 % und sie dürfte weiter steigen, sobald sich die Auswirkungen des Ölpreisanstiegs voll auswirken. Zudem werden sich die steigenden Kosten für Düngemittel und Chemikalien in der gesamten Lebensmittelversorgungskette niederschlagen und sich in den Geldbeuteln der Verbraucher bemerkbar machen.
Die Zinsen waren sowohl in der Eurozone als auch im Vereinigten Königreich auf dem Weg nach unten, und Ökonomen hatten für dieses Jahr Zinssenkungen erwartet. Seit Beginn des Konflikts hat sich dieser Trend umgekehrt, und Zinserhöhungen sind nun für alle wichtigen Märkte eingepreist. Es spielt keine wesentliche Rolle, dass die Erhöhungen nicht besonders hoch ausfallen; entscheidend ist, dass sich die Zinsen in die falsche Richtung bewegen. Die von uns für 2026 erwartete starke Erholung des Konsums könnte sich nun im besten Fall bis 2027 verzögern.
Welche Aktien sind derzeit unterbewertet?
Anleger zögern möglicherweise, selbst bei den aktuellen Bewertungen in den Konsumgütersektor zu investieren. Irgendwann werden jedoch viele Aktien dieses Sektors so günstig, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. Reckitt Benckiser (RKT) bietet derzeit ein Aufwärtspotenzial von 33 %, während Diageo (DGE) sogar ein noch deutlicheres Aufwärtspotenzial von 50 % aufweist.
Für risikoscheue Anleger bieten sich einige konservative Anlagemöglichkeiten in Sektoren wie dem Gesundheitswesen an, wo Titel wie Sanofi (SAN ) ein Aufwärtspotenzial von 30 % und Roche (ROG ) von 17 % bieten.
Auch Sektoren, die zuletzt einen Aufschwung erlebt haben, wie beispielsweise die Verteidigungsbranche, sind von der Verkaufswelle erfasst worden, wobei sich die Aktien in die falsche Richtung bewegen, obwohl der Konflikt in den kommenden Jahren wahrscheinlich zu höheren Verteidigungsausgaben führen wird. Hier bieten Giganten wie Rheinmetall (RHM) ein Aufwärtspotenzial von bis zu 70 % und BAE Systems (BA) von mehr als 20 %.
Was wird der nächste globale Impulsgeber für die Aktienmärkte sein?
Seit Beginn der Pandemie gab es im Durchschnitt einen großen Schock pro Jahr, von denen einige länger andauerten als andere. Die Märkte zeigen sich zunehmend optimistisch angesichts der Aussicht auf ein rasches Ende des Konflikts im Nahen Osten. Die positiven Nachrichten sollten begrüßt werden, doch ist der Kontext von Bedeutung. Es könnte einige Zeit dauern, bis sich die Auswirkungen wieder normalisieren, sowohl hinsichtlich der höheren Ölpreise als auch möglicher Änderungen der Zinspolitik durch die Zentralbanken.
Da es in den USA sehr wahrscheinlich ist, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Repräsentantenhaus erlangen, steht die Trump-Regierung unter Zeitdruck, ihre politischen Ziele zu erreichen.
Auch wenn es in diesem Jahr wohl kaum zu einem weiteren marktbeeinträchtigenden Ereignis wie dem Nahostkonflikt kommen dürfte, besteht mit Blick auf diesen wichtigen Termin durchaus das Potenzial für erhöhte Volatilität. Anleger sollten wachsam sein, aber auch die sich bietenden Chancen im Auge behalten.

