Wie geht es weiter an den europäischen Märkten? Diese Sektoren und Aktien gilt es im Auge zu behalten

Energie- und Verteidigungsaktien stehen bei Investoren weiter im Fokus, doch Morningstar sieht Chancen bei Software und im Gesundheitswesen

Wichtigste Erkenntnisse

  • In der zweiten Jahreshälfte 2026 sind die europäischen Aktienmärkte nicht günstig, da sich die wichtigsten Indizes nahe ihren Rekordhöhen bewegen.
  • Trotz der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten zwischen den USA und dem Iran sind die meisten von Morningstar beobachteten Rüstungsaktien nach wie vor unterbewertet – aber Anleger stehen den Ausgabenplänen skeptisch gegenüber.
  • Das gestiegene Ölangebot gleicht etwaige durch den Konflikt bedingte Versorgungsstörungen aus, was Aktien aus dem Energiebereich weniger attraktiv macht.

Weil das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran nun offiziell hinfällig ist, verfolgen Anleger zu Beginn der zweiten Jahreshälfte erneut mit Besorgnis die Schlagzeilen. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die störenden Auswirkungen dieses Konflikts nachlassen, zumindest im Energiebereich.

Zum jetzigen Zeitpunkt des Jahres sind die europäischen Aktienmärkte nicht günstig, da wichtige Indizes wie der STOXX Europe 600 und der FTSE 100 nahe ihren Allzeithochs notieren. Der Morningstar Europe Index notiert lediglich mit einem Abschlag von 4 Prozent gegenüber seiner Fair Value-Schätzung, was angesichts der weltweiten Unsicherheit nur eine geringe Sicherheitsmarge darstellt.

Dennoch gibt es zahlreiche Branchen mit attraktiven Aktien, die für einen Kauf in Frage kommen.

Unterbewertete europäische Aktien

Rüstungsaktien kaufen oder verkaufen?

Angesichts der zahlreichen aktuellen Konflikte, darunter die Kriege in der Ukraine und im Iran, scheinen Rüstungsaktien durch die aktuellen Ereignisse gut gestützt zu sein. Doch nach einer langen Phase positiver Mittelzuflüsse in Verteidigungsfonds kam es in zwei der letzten drei Quartale zu Mittelabflüssen, da das Interesse der Anleger an diesem Thema nachgelassen hat.

Das ist vor allem auf das mangelnde Vertrauen zurückzuführen, dass die Regierungen ihre Ausgabenpläne auch tatsächlich umsetzen. Unter dem Druck von Präsident Donald Trump im letzten Jahr einigten sich die NATO-Mitglieder darauf, die Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5 Prozent des BIP zu erhöhen. Da das derzeitige Ausgabenniveau jedoch deutlich darunter liegt, sind die Anleger skeptisch.

Unabhängig davon, ob die Länder die genauen Zahlen erreichen, sind wir der Ansicht, dass die Entwicklung positiv verläuft, die Verteidigungsausgaben steigen und viele Länder, wie beispielsweise Deutschland, keine andere Wahl haben, als Mittel auszugeben, um die an die Ukraine gelieferten Waffen wieder aufzustocken. Die obige Grafik verdeutlicht den deutlichen Anstieg der von europäischen Anlegern gehaltenen Vermögenswerte in Rüstungsaktien. Die meisten von Morningstar beobachteten Titel erscheinen derzeit äußerst attraktiv, und die bevorstehende Berichtssaison wirkt möglicherweise für Anleger als Auslöser, ihre Meinung über den Sektor zu revidieren.

Ist der Ausblick für den Ölpreis negativ?

Der Morningstar Global Energy Index gab im zweiten Quartal um fast 12 Prozent nach, weil die Ölpreise infolge der Vereinbarung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten zur Beendigung des Krieges sanken. Nun, da das Friedensabkommen gescheitert ist und die Ölpreise erneut in die Höhe schnellen, kommen einige Anleger möglicherweise zu dem Schluss, dass es ratsam wäre, weiterhin in diesem Sektor investiert zu bleiben – in der Hoffnung, dass anhaltende Turbulenzen die Ölpreise auf einem hohen Niveau halten und den Energieunternehmen weiterhin Gewinne bescheren.

Wir vertreten jedoch die Auffassung, dass die störenden Auswirkungen mit fortschreitender Dauer des Konflikts nachlassen, während gleichzeitig das Angebot aus anderen Quellen zunimmt. Wir gehen davon aus, dass bis September dieses Jahres das gestiegene Ölangebot etwaige Versorgungsengpässe überwinden wird, was die Ölpreise dämpfen dürfte. Angesichts der aktuellen Lage im europäischen Energiebereich sehen wir nur wenige attraktive Anlagemöglichkeiten.

Bessere Aussichten für Aktien aus dem Gesundheitswesen

Ein weiterer Sektor, der sowohl im letzten Quartal als auch im letzten Jahr deutlich hinter dem Markt zurückgeblieb, ist das Gesundheitswesen. Als traditionell defensiver Sektor gilt das Gesundheitswesen oft als guter Ort, um in unsicheren Zeiten Liquidität anzulegen. Das war jedoch nicht der Fall, da andere Faktoren – namentlich die Arzneimittelregulierung, auslaufende Patente und die Androhung von Zöllen – die Anleger abschreckten.

Wir sind der Ansicht, dass diese Bedenken allmählich nachlassen oder größtenteils ausgeräumt wurden. Die Befürchtungen, dass die US-Regierung die Preise für Arzneimittel festlegen könnte, bestehen zwar weiterhin, scheinen sich jedoch auf bestimmte hochpreisige Medikamente zu beschränken und sind kein weit verbreitetes Konzept. Spezifische Bedenken hinsichtlich Zöllen in der Pharmaindustrie sind so gut wie verschwunden, da sich die großen Unternehmen dazu verpflichtet haben, in Produktionsstätten in den USA zu investieren, um die US-Regierung erfolgreich zu beschwichtigen.

Schließlich bestehen nach wie vor Bedenken hinsichtlich des Auslaufens von Patenten. Unsere Analyse deutet jedoch auf steigende Umsätze bei bestehenden Produkten und eine starke Pipeline an neuen Medikamenten hin, was zusammen den Verlust durch den Ablauf von Patenten bestimmter Medikamente in den nächsten Jahren mehr als ausgleicht.

Die Bewertungen von Aktien des Gesundheitswesens sind gestiegen, sodass der Sektor derzeit nur noch mit einem Abschlag von 10 Prozent gegenüber unserer Fair Value-Schätzung gehandelt wird. Eine starke Berichtssaison verringert diesen Abschlag möglicherweise weiter.

Lebenszeichen bei Softwareaktien

Das schwache Umsatzwachstum in den Bereichen IT-Dienstleistungen und Software hat Spekulationen verstärkt, dass KI die Nachfrage untergraben habe. Hinzu kam Anfang des Jahres die Veröffentlichung eines Claude-Plug-ins durch Anthropic, das es Unternehmen praktisch ermöglichte, ihre eigene Software zu programmieren. Vor dem Hintergrund der „SaaScocalypse“ zu Jashresbeginn überprüfte Morningstar sein gesamtes Analyseuniversum und stufte daraufhin die Moat-Ratings vieler unserer IT-Dienstleistungs- und Softwareaktien herab.

Das Umsatzwachstum im Softwarebereich war bislang rückläufig, stabilisiert sich nun jedoch

Im Gegensatz zu Anlegern, die sich von diesem Sektor zurückziehen, sind wir der Ansicht, dass es in beiden Kategorien zahlreiche Aktien gibt, die von diesen Trends nicht wesentlich beeinträchtigt werden. Die Umsätze entwickelten sich zwar negativ, doch liegt das eher daran, dass Unternehmen unter Budgetzwängen versuchen, „mit weniger mehr zu erreichen“, als daran, dass diese Dienstleistungen und Produkte nicht mehr benötigt werden. Wir gehen davon aus, dass sich Software-Umsätze in naher Zukunft positiver entwickeln, während sich die bereits zu beobachtenden positiven Trends im Bereich der IT-Dienstleistungen unserer Einschätzung nach fortsetzen.

Der Autor/Autorin oder die Autoren besitzen keine Aktien der in diesem Artikel erwähnten Wertpapiere. Informieren Sie sich hier Redaktions-Richtlinien von Morningstar.