Mit dem Amtantritt von Kevin Warsh als Chairman der Federal Reserve scheinen sich die US-Notenbanker gleichzeitg auf eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr vorzubereiten. Zwar ließ die Zentralbank die Zinsen letzten Mittwoch unverändert, aber angesichts der robusten Konjunktur und der hohen Inflation erwarten Analysten, dass eine Zinserhöhung immer wahrscheinlicher wird.
Während Warsh betonte, dass die Prognosen der Entscheidungsträger „mit Bleistiften erstellt wurden – mit solchen, die einen großen Radiergummi haben“, gehen neun der veröffentlichten 18 Prognosen von mindestens einer Zinserhöhung im Jahr 2026 aus. Zudem gab es im Gegensatz zu früheren Sitzungen keine Gegenstimmen bei der geldpolitischen Entscheidung. An den Anleihe-Futures-Märkten stieg die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in diesem Jahr im Anschluss an die Sitzung weiter auf jetzt über 85 %.
Die Sitzung bot zudem einen Einblick in das, was Analysten als den Beginn von Veränderungen in der Kommunikationspolitik der Fed unter Warsh ansehen. So wurde beispielsweise die Erklärung der Zentralbank zur Zinsentscheidung von mehr als 300 Wörtern nach der letzten Sitzung auf jetzt 114 Wörter gekürzt. Im Gegensatz zu den Erklärungen unter dem früheren Vorsitzenden Jerome Powell (der weiterhin als Gouverneur bei der Fed tätig ist) enthielt sie keine Prognose für den sogenannten „Dot Plot“. Zudem legte Warsh keine Prognose vor.
Dennoch sahen Analysten, die die Zeichen der Zeit deuten, vor allem eine Tendenz hin zu möglichen Zinserhöhungen. In der Erklärung der Fed wurde jegliche Erwähnung einer gegebenenfalls erforderlichen Zinssenkung vermieden. Stattdessen hieß es: „Die Inflation bleibt im Vergleich zum 2-Prozent-Ziel des Ausschusses weiterhin erhöht, was zum Teil auf Angebotsschocks zurückzuführen ist, die in bestimmten Sektoren, darunter im Energiebereich, zu Preisanstiegen geführt haben. Der Ausschuss wird für Preisstabilität sorgen.“
Alfonzo Bruno, stellvertretender Portfoliomanager bei Morningstar Wealth, erklärt: „Angesichts des nicht vorhandenen vorsichtigen Haltung in der Erklärung, der aktuellen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, der nach wie vor hartnäckigen Inflation und der sehr hohen Vermögenspreise hat man durchaus den Eindruck, dass die Fed damit beginnt, die Weichen für ihren nächsten Schritt – eine Zinserhöhung – zu stellen.“
Christopher Hodge, Chefökonom für die USA bei Natixis, bewertete Warshs Amtsantritt als „einen fulminanten Start“. Er schrieb, der neue Vorsitzende habe „eindeutig eine restriktive Haltung eingenommen und die Auffassung bekräftigt, dass ‚Inflation eine Entscheidung ist‘. Es ist klar, dass die Inflation in naher Zukunft im Fokus der Fed stehen wird und dass zahlreiche Veränderungen im Prozess, in der Analyse und in der Kommunikation bevorstehen.“
Da die Erklärung keine Prognosen zur künftigen Geldpolitik enthielt, richteten die Analysten ihr Augenmerk auf die „Summary of Economic Projections“ der Fed, auch bekannt als „Dot Plot“. Für Bruno „vermittelte dieser ein kämpferischeres Bild als die Abstimmung“. Er weist darauf hin, dass der Medianwert für das Jahresende 2026 von 3,4 % im März auf 3,8 % gestiegen ist, was seiner Meinung nach „den vom Ausschuss implizierten nächsten Schritt von einer Senkung zu einer Anhebung“ umkehrt. Darüber hinaus hob die Fed ihre Jahresendprognosen für ihren bevorzugten Inflationsmaßstab, den Index der persönlichen Konsumausgaben (PCE), deutlich von 2,7 % auf 3,6 % an. Dem steht die von der Fed angestrebte Inflationsprognose von 2 % gegenüber.
Leitzins der US-Notenbank: Historische Daten und Prognosen des FOMC

Rick Rieder, Chief Investment Officer für globale festverzinsliche Wertpapiere bei BlackRock, äußerte sich zurückhaltender hinsichtlich der Zinsaussichten. „Auch wenn wir nicht davon ausgehen, dass eine Zinserhöhung durch die Fed ab diesem Zeitpunkt als sicher gilt, müssen wir dieses geldpolitische Potenzial dennoch berücksichtigen“, schrieb er am Mittwoch.
Rieder erwartet jedoch, dass für die Fed bedeutendere operative Veränderungen bevorstehen, und schreibt, dass Warsh „eine künftige Politik signalisiert hat, die sich weniger auf Signale konzentrieren wird. Das bedeutet, dass die Forward Guidance für die Ausrichtung und Entwicklung der Geldpolitik eine geringere Rolle spielen wird. Darüber hinaus könnten wir auch weniger regelmäßige und seltenere Mitteilungen der Fed erleben, als wir es bisher gewohnt waren … Wir gehen nicht nur davon aus, dass sich diese Fed durch eine reduzierte Forward Guidance unterscheiden wird – einschließlich der möglichen Abschaffung des berühmten ‚Dot Plots‘ im Laufe der Zeit –, sondern auch dadurch, dass sie vorausschauend einschätzt, in welche Richtung sich Beschäftigung und Inflation entwickeln könnten, anstatt sich streng an den bisherigen Fokus auf Datenabhängigkeit zu halten.“

