Die wichtigsten Erkenntnisse
- Zwei Tage nach der Veröffentlichung der Geschäftszahlen von SpaceX werden die meisten Investoren, die vor dem Börsengang eingestiegen sind (Pre-IPO-Investoren) berechtigt sein, ihre Aktien zu verkaufen.
- Mit dem Auslaufen dieser Sperrfristen dürften in den kommenden Monaten Milliarden von SpaceX-Aktien auf den Markt kommen.
- Da die Zahl der frei handelbaren Aktien steigt, dürfte auch die Gewichtung der SpaceX-Aktie in Indexfonds deutlich zunehmen.
SpaceX mag am 4. August zwar erstmals als börsennotiertes Unternehmen Geschäftszahlen vorlegen, doch ein mindestens ebenso wichtiges Ereignis folgt nur zwei Börsentage später. Dann haben Investoren, die bereits vor dem Börsengang in das Unternehmen investiert haben, die Möglichkeit, fast 1 Milliarde Aktien zu verkaufen – weit mehr, als beim Börsengang verkauft wurden.
Sperrfristen (Lock-ups) beschränken den Verkauf von Aktien durch frühe Investoren unmittelbar nach einem Börsengang. Die erste Sperrfrist von SpaceX endet Anfang August, weitere folgen im Laufe des kommenden Jahres. Insgesamt könnten mehr als 6,4 Milliarden Aktien auf den Markt kommen. Beim Börsengang am 12. Juni wurden knapp 629 Millionen Aktien verkauft.
Natürlich ist unklar, wie viele dieser Aktien tatsächlich verkauft werden. Nicolas Owens, Aktienanalyst bei Morningstar, der SpaceX analysiert, hält eine Verkaufswelle jedoch für wahrscheinlich. „Wir gehen davon aus, dass der Großteil der verfügbaren Aktien auf den Markt kommen wird, da die bisherigen Anteilseigner zu niedrigen Einstiegspreisen investiert haben und ihre Beteiligungen schon lange halten“, erklärt er.
Dieser kontinuierliche Strom potenzieller Aktienverkäufe könnte den Kurs der SpaceX-Aktie belasten. Gleichzeitig dürfte SpaceX mit der steigenden Zahl frei handelbarer Aktien in den Portfolios vieler Indexfonds an Gewicht gewinnen.
SpaceX-Aktie: Geringer Streubesitz und großes Verkaufspotenzial
Beim Börsengang verkaufen Unternehmen in der Regel nur einen Teil ihrer Aktien an die Öffentlichkeit. Unternehmenslenker, andere Insider und frühe Investoren dürfen ihre Anteile meist erst nach Ablauf festgelegter Sperrfristen veräußern. Die Zahl der Aktien, die frei an der Börse gehandelt werden können, wird als Streubesitz (Float) bezeichnet.
Nach dem ersten Auslaufen einer Sperrfrist am 6. August endet nach der Vorlage der Quartalszahlen die nächste Sperrfrist voraussichtlich um den 20. August. Dann könnten weitere 455,8 Millionen Aktien auf den Markt kommen. Im September folgen zwei weitere Termine, weitere Sperrfristen laufen bis zum ersten Jahrestag des Börsengangs.
Die meisten dieser Sperrfristen gelten jedoch nicht für die Aktien von CEO Elon Musk, bestimmten Topmanagern und Mitgliedern des Vorstandes. Musks Beteiligung kann voraussichtlich erst Anfang Juni 2027 verkauft werden, auch wenn er erklärt hat, dies nicht zu beabsichtigen.
Wie fast alles rund um den Börsengang von SpaceX sind auch die bevorstehenden Verkäufe nach Ablauf der Sperrfristen außergewöhnlich. Bei einem durchschnittlichen Börsengang werden in der Regel etwa 20 Prozent der Aktien frei handelbar, erklärt Matthew Kennedy, Senior-Stratege bei Renaissance Capital. „SpaceX hat lediglich etwa 5 % seiner Aktien in den Streubesitz gebracht. Entsprechend ist die Zahl der noch gesperrten Aktien deutlich höher als bei einem typischen Börsengang“, sagt er. „Angesichts der Unternehmensgröße ist das nachvollziehbar, dennoch stellt es einen erheblichen technischen Überhang dar.“
Ungewöhnlich ist jedoch nicht nur die Zahl der potenziell zum Verkauf stehenden Aktien. „SpaceX hat die längste Serie von Sperrfristabläufen, die wir je gesehen haben“, sagt Kennedy.
Die SpaceX-Aktie schießt in die Höhe - und stürzt dann ab
Seit dem Börsengang hat sich die SpaceX-Aktie äußerst volatil entwickelt. Der Ausgabepreis lag bei 135 US-Dollar, und der Kurs stieg bereits in der ersten Woche als börsennotiertes Unternehmen rasch auf über 201 USD. Seitdem ging es auf einer holprigen Talfahrt nach unten. Mitte Juli fiel der Kurs unter den Ausgabepreis, zuletzt lag er zeitweise bei etwas über 111 US-Dollar. Wer am Höchststand eingestiegen ist, liegt damit rund 45 Prozent im Minus.
Morningstar-Analyst Owens, der die Aktie trotz der jüngsten Kursverluste weiterhin für deutlich überbewertet hält, sieht den bevorstehenden Ablauf der Sperrfristen als einen möglichen Grund für den Kursrückgang: „Es ist durchaus denkbar, dass der jüngste Kursrutsch der SpaceX-Aktie zu einem großen Teil die erwartete Verwässerung durch das Auslaufen der Sperrfristen vorwegnimmt.“
Indexfonds dürften weitere SpaceX-Aktien aufnehmen
Der steigende Streubesitz wird sich auch auf Indexfonds auswirken, die SpaceX-Aktien halten. Da die Gewichtung der Aktie in den zugrunde liegenden Indizes mit dem höheren Streubesitz zunimmt, müssen diese Fonds zusätzliche Aktien kaufen. Für Fondsanleger bedeutet das: Der Anteil von SpaceX in ihren Portfolios dürfte steigen.
Der Grund für diesen Dominoeffekt liegt in der Art und Weise, wie die Gewichtung einer Aktie in Indizes berechnet wird. Diese basiert auf der Marktkapitalisierung eines Unternehmens, die um den Streubesitz bereinigt wird. Bleibt der Aktienkurs unverändert, würde eine Verdreifachung des frei handelbaren Aktienbestands – wie sie bei SpaceX bis Ende September möglich wäre – auch die streubesitzbereinigte Marktkapitalisierung verdreifachen. Dies bedeutet wiederum, dass sich auch die Gewichtung von SpaceX verdreifacht. Allerdings geschieht dies nicht unmittelbar, da Indexanbieter den Streubesitz in der Regel nur vierteljährlich überprüfen.
Der Morningstar-Analyst Zachary Evens, der sich mit passiven Strategien befasst, nennt den Invesco QQQ Trust (QQQ) als Beispiel dafür, wie sich die Sperrfristen bei einem Indexfonds auswirken könnten. Der ETF hielt am 22. Juli rund 39,7 Millionen SpaceX-Aktien im Wert von 4,57 Milliarden US-Dollar. Das entsprach einem Portfolioanteil von 0,98 %. Verdreifacht sich die streubesitzbereinigte Marktkapitalisierung von SpaceX, würde der Nasdaq-Index das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von rund 675 Milliarden US-Dollar berücksichtigen – zwischen Walmart und Intel. Walmart war am 22. Juli die zwölftgrößte Position im Portfolio des Invesco QQQ Trust.
„Mit jedem Auslaufen einer Sperrfrist hat SpaceX die Chance, einen größeren Anteil an kapitalisierungsgewichteten Indexfonds einzunehmen“, sagt Evens. „Normalerweise gewinnen Aktien in solchen Portfolios an Gewicht, weil ihr Kurs steigt. Bei SpaceX ist das anders: Die Gewichtung kann nicht nur durch einen höheren Aktienkurs zunehmen, sondern auch durch einen steigenden Streubesitz.“
Das sei ein entscheidender Punkt. „Im Laufe des nächsten Jahres dürfte der Streubesitz von SpaceX weiter steigen. Dadurch erhöht sich die streubesitzbereinigte Marktkapitalisierung und damit auch die Gewichtung der Aktie in vielen Indexfonds. Aufgrund des bislang sehr geringen Streubesitzes und der aktuellen Gesamtmarktkapitalisierung von rund 1,5 Billionen US-Dollar dürfte SpaceX allerdings in absehbarer Zeit noch nicht zu den größten Positionen vieler Indexfonds gehören.“
Die steigende Gewichtung in Indexfonds bedeutet zwar, dass diese Strategien einen Teil der zusätzlich auf den Markt kommenden Aktien aufnehmen werden. Für Owens reicht das jedoch nicht aus. „Sofern sich an den Fundamentaldaten oder der Marktstimmung nichts zum Positiven ändert, wird das zusätzliche Angebot aus den auslaufenden Sperrfristen die Nachfrage – selbst von Indexfonds – übersteigen“, sagt er.

