Anleiherenditen: Warum sie steigen - und kein Ende in Sicht ist

Die wichtigsten Anleihemärkte stehen aufgrund massiver Verkäufe von Anleihen durch KI, Haushaltssorgen und Inflation unter Druck.

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Wichtigste Erkenntnisse

  • Die globalen Anleihemärkte sind stark unter Druck geraten, wodurch die Renditen auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gestiegen sind.
  • Anleger zufolge reagieren die Anleihemärkte in den USA, Japan und Europa auf eine Reihe von Faktoren, darunter wachsende Staatsdefizite und eine stark zunehmende Verschuldung im Zusammenhang mit KI-Investitionen.
  • Der jüngste Ausverkauf folgt auf einen bereits seit Längerem anhaltenden Anstieg der Anleiherenditen. Analysten gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte.

Die wichtigsten Staatsanleihemärkte – von den USA bis Japan – sind zuletzt deutlich unter Druck geraten. Dadurch sind die Renditen auf den höchsten Stand seit vielen Jahren gestiegen.

Hinter dem Rückgang der Anleihekurse und steigenden Finanzierungskosten für Staaten, Unternehmen und Privatpersonen sehen Analysten eine ganze Reihe starker Einflussfaktoren. Dazu zählen steigende Haushaltsdefizite, ein massiver Anstieg der Unternehmensverschuldung zur Finanzierung des Ausbaus der KI-Infrastruktur sowie Inflationssorgen, die durch den kräftigen Anstieg der Energiepreise infolge des Iran-Kriegs ausgelöst wurden.

„Das Phänomen ist vielschichtig“, sagt Brad Collins, Senior Fixed-Income Client Portfolio Manager bei Vanguard. „Es wirken derzeit sehr viele verschiedene Komponenten zusammen.“

Auf dem US-Anleihemarkt stieg die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe von unter 5,00 Prozent Ende Juni auf über 5,31 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten. In Europa erreichten oder übertrafen die Renditen einiger Staatsanleihen die Werte, die während der Eurokrise 2011 zu beobachten waren. Die Rendite der 30-jährigen deutschen Bundesanleihe erreichte erstmals seit 2011 wieder 3,75 Prozent, die französischen Kreditkosten stiegen auf einen Höchststand, der zuletzt im Jahr 2008 gesehen wurde, und die Rendite der 30-jährigen britischen Staatsanleihe näherte sich ihrem Höchststand vom Mai von 5,85 Prozent – dem höchsten Stand seit 1998. In Japan näherten sich die Renditen mit vergleichbarer Laufzeit einem Allzeithoch.

In Bezug auf langfristige Anleihen „handelt es sich um eine weltweite Neubewertung“, sagt Steve Boothe, Portfoliomanager und Leiter für globale Investment-Grade-Anleihen bei T. Rowe Price.

Der Anstieg der Anleiherenditen war so stark, dass das US-Finanzministerium am Mittwochmorgen den Anleihemarkt mit der Ankündigung überraschte, im Rahmen eines bestehenden Rückkaufprogramms den Umfang der Käufe älterer langfristiger Staatsanleihen „mindestens zu verdoppeln“. Analysten zufolge soll damit versucht werden, die langfristigen Renditen wieder zu drücken.

Zwar gaben die Renditen nach der Ankündigung leicht nach. John Briggs, Leiter der US-Zinsstrategie bei Natixis, weist jedoch darauf hin, dass das geplante Kaufvolumen weniger als 3 Prozent der ausstehenden langfristigen US-Staatsanleihen und weniger als 30 Prozent der für dieses Jahr erwarteten Neuemissionen ausmacht. „Wichtiger ist das Signal, das davon ausgeht. Wenn die Renditen zu stark steigen, wird das Finanzministerium versuchen gegenzusteuern – und jetzt wissen wir, wo einige der Schmerzgrenzen liegen“, sagt er. „Die längerfristigen strukturellen Belastungsfaktoren haben sich allerdings nicht verändert und werden die Renditen weiterhin unter Druck setzen.“

Trotz des unerwarteten Eingreifens der US-Regierung bereitet der Renditeanstieg Fondsmanagern und Analysten keine größeren Sorgen. „Der Anstieg der Renditen lang laufender Staatsanleihen ist real, aber wir halten ihn für eine notwendige Normalisierung und nicht für eine Krise“, schrieb Lawrence Gillum, Chefstratege für Anleihen bei LPL Financial, am Mittwochnachmittag in einer Mitteilung.

Inflations- und Wachstumsdruck treibt die Renditen

Der jüngste Anstieg der langfristigen Renditen vollzieht sich vor dem Hintergrund eines anhaltenden Aufwärtsdrucks auf die Inflation infolge der höheren Energiepreise durch den Iran-Krieg. Anleiheanleger mussten in dieser Woche ihre Inflationserwartungen nach oben korrigieren, nachdem US-Präsident Donald Trump erklärt hatte, die Gespräche mit dem Iran seien beendet, und der Preis für Rohöl der Sorte Brent erneut über 90 US-Dollar je Barrel gestiegen war.

Die US-Wirtschaft ist zwar aufgrund der Rolle des Landes als Exporteur von Öl und Erdgas bis zu einem gewissen Grad vor den Auswirkungen kriegsbedingter Energiepreisschocks geschützt. Für Großbritannien, Europa und Japan stellen diese jedoch ein erhebliches Problem dar. Inflationsrisiken seien für Anleger ein „entscheidender Faktor“, sagt Fraser Lundie, Global Head of Fixed Income bei Aviva Investors.

Im Vereinigten Königreich etwa trieben höhere Energiepreise die Inflation im Juli auf ein Viermonatshoch von 2,9 Prozent, wie am Mittwoch veröffentlichte Daten zeigten. Auch in der Eurozone stieg die Inflationsrate auf 2,9 Prozent und lag damit 0,1 Prozentpunkte über dem Vormonat. Ausschlaggebend waren auch hier die höheren Energiepreise. Vor diesem Hintergrund rechnen die Märkte weiterhin mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Zinserhöhung der EZB um 25 Basispunkte im September. Laut ECB Watch liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei 96 Prozent.

Am US-Anleihemarkt zeigt sich ein etwas anderes Bild. Der jüngste Anstieg der Renditen langfristiger US Treasuries erfolgt trotz erfreulicher Inflationsdaten und obwohl die Erwartungen an Zinserhöhungen der US-Notenbank in diesem Jahr zurückgegangen sind. Zwar liegt die Gesamtinflation weiterhin über dem 2-Prozent-Ziel der Fed, doch Ökonomen sehen bislang kaum Anzeichen dafür, dass die höheren Benzinpreise auf andere Bereiche der Wirtschaft durchschlagen. Stattdessen scheint der Preisdruck allmählich nachzulassen. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Fed im September laut dem CME FedWatch Tool von mehr als 50 Prozent vor einem Monat auf 35 Prozent gesunken.

Die jüngsten Inflationsdaten seien „relativ unauffällig“ gewesen, sagt Boothe von T. Rowe Price. Auch die an inflationsindexierten US-Staatsanleihen ablesbaren Inflationserwartungen hätten sich „weitgehend stabil entwickelt“.

Collins von Vanguard führt den Renditeanstieg vor allem auf die Stärke der US-Wirtschaft zurück. Zu Beginn des Jahres 2026 sei noch mit einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums und Zinssenkungen der Fed im Jahresverlauf gerechnet worden. Stattdessen „läuft die Wirtschaft weiter rund“, sagt er. Das lange Ende der Zinskurve „reagiert auf die robuste Konjunktur. Treiber sind die Investitionsausgaben für KI, die die Wachstumserwartungen hoch halten.“

Sorgen über die Staatsfinanzen

Ein weiterer Faktor, der den Druck erhöht, sind die wachsenden Haushaltsdefizite. In den USA steigt bereits seit Jahren der Bedarf, zur Finanzierung des Defizits mehr Staatsanleihen auszugeben. Am Mittwoch teilte das US-Finanzministerium mit, dass die Gesamtverschuldung der USA 40 Billionen US-Dollar erreicht habe, nachdem sie erst im März die Marke von 39 Billionen US-Dollar überschritten hatte.

In Europa veranlasst der Ukraine-Krieg einige Regierungen dazu, ihre Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen, wodurch die Haushaltsdefizite weiter steigen könnten.

Im Vereinigten Königreich spiegeln die heimischen Staatsanleihen, die sogenannten Gilts, schon seit Längerem die Sorgen über die angespannte Haushaltslage der Regierung wider. Die Regierung muss zwei Fiskalregeln einhalten: Die Staatsverschuldung muss bis 2029/30 im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sinken, und die laufenden Staatsausgaben müssen „ausgeglichen“ sein, sodass der Staat nicht dauerhaft neue Schulden aufnimmt, um seine laufenden Ausgaben zu finanzieren.

Bislang sind die Anzeichen nicht gerade ermutigend. Zwar gab das Office for Budget Responsibility in seinem Bericht vom Juni an, dass die Kreditaufnahme in den ersten drei Monaten des Haushaltsjahres 2026/27 um 3,7 Milliarden GBP unter dem Vorjahreszeitraum lag, doch liegen die Ausgaben der Regierung aufgrund „höherer Zinsaufwendungen für Schulden und Netto-Sozialleistungen“ weiterhin um 3,6 Milliarden GBP über den Prognosen.

Auch in Japan steigen die Renditen – vor dem Hintergrund von Inflations- und Haushaltssorgen. Die Staatsverschuldung liegt bereits bei mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das könnte sich auch auf US-Staatsanleihen auswirken. Die Rendite japanischer Staatsanleihen von 4 Prozent macht diese zunehmend für heimische Anleger attraktiv, die traditionell zu den großen Käufern von US-Staatsanleihen gehören. Japan ist mit einem Bestand von mehr als 1,2 Billionen US-Dollar der größte ausländische Gläubiger der USA.

Laut Fabrizio Quirighetti, CIO und Head of Multi Asset bei Decalia, würde „eine Rückführung von Kapital nach Japan, sobald sie in größerem Umfang einsetzt, zulasten von US-Staatsanleihen gehen und zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Finanzierungskosten der USA ausüben.“

Rasant wachsende KI-Verschuldung verstärkt die Sorgen

Noch deutlich dynamischer als der schleichende Anstieg der Staatsdefizite entwickelt sich die Verschuldung im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Boothe von T. Rowe Price zufolge spiegeln der Ausverkauf und der Anstieg der Anleiherenditen ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wider – sowohl an den globalen Staatsanleihemärkten als auch am Markt für Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating.

Bei US-Treasuries und anderen Staatsanleihemärkten „konzentrieren sich viele gerne auf die Inflationsdaten oder die ausbleibende Inflation, auf Defizite und Ähnliches. Tatsächlich hat sich aber die Zusammensetzung der Nachfrage deutlich verändert“, sagt Boothe. Gleichzeitig habe sich die Angebotsseite am Markt für Investment-Grade-Unternehmensanleihen drastisch verändert. Grund dafür sei die massive Welle von Anleiheemissionen der Hyperscaler, mit denen diese den Ausbau der KI-Infrastruktur finanzieren. Dies führe „ganz einfach zu einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das nun über den Preis ausgeglichen wird“.

Obwohl Analysten des Anleihemarktes für das Jahr 2026 einen Anstieg der Emissionen von Unternehmen wie Amazon AMZN, Alphabet GOOGL, Microsoft MSFT, Meta Platforms META und Oracle ORCL erwartet hatten, haben die Volumina die Erwartungen bereits bei weitem übertroffen.

Analysten von Goldman Sachs hatten beispielsweise für 2026 mit KI-bezogenen Finanzierungen im Umfang von 322 Milliarden US-Dollar über Investment-Grade- und Hochzinsanleihen sowie Leveraged Loans gerechnet. Ende Juli näherte sich das Volumen bereits 500 Milliarden US-Dollar. Analysten von J.P. Morgan erwarten für 2026 Finanzierungen von Hyperscalern und Rechenzentren in Höhe von rund 400 Milliarden US-Dollar – gegenüber einer Prognose von 320 Milliarden US-Dollar Ende vergangenen Jahres.

Im Zuge dieser Entwicklung sind Hyperscaler zu bedeutenden Emittenten in Märkten geworden, die sie normalerweise nicht erschließen, wie beispielsweise dem auf Euro lautenden Investment-Grade-Markt. In einigen kleineren Märkten machen diese Unternehmen mittlerweile einen überproportionalen Anteil der Emissionen aus, wie Goldman in einem Bericht von Ende Juli feststellte. Den Daten zufolge entfielen auf Hyperscaler 21 Prozent des gesamten Bruttoemissionsvolumens am kanadischen Markt und 19 Prozent der auf Schweizer Franken lautenden Investment-Grade-Unternehmensanleihen. Diese Anteile dürften in den kommenden Jahren weiter steigen.

„Wenn sich das im kommenden Jahr wiederholt, werden wir in der zweiten Jahreshälfte eine höhere Volatilität am Anleihemarkt erleben, und die Renditen dürften weiter steigen“, sagt Boothe.

Ollie Smith hat zu diesem Artikel beigetragen.

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