Wichtigste Erkenntnisse
- Die DWS positioniert ihren Deutschlandfonds DWS ESG Investa defensiver.
- Zykliker und Banken sind unter Druck, doch Industriewerte bieten Chancen.
- Deutsche Aktien bieten globales Wachstum zu günstigen Bewertungen, so Managerin Sabrina Reeh.
Der Krieg im Nahen Osten treibt Energiepreise und Unsicherheit, was deutsche Aktien unter Druck setzt. Gleichzeitig bleiben strukturelle Trends wie KI und Industrialisierung intakt. Wie sollten sich Anleger in diesem Umfeld positionieren? Sabrina Reeh, Senior Portfolio Managerin bei DWS, erklärt im Interview, warum sie den Deutschlandfonds DWS ESG Investa defensiver ausgerichtet hat, welche Sektoren sie derzeit meidet – und wo sie weiterhin Chancen sieht.
Wichtige Morningstar-Kennzahlen für DWS ESG Investa
- Morningstar Medalist Rating: Neutral
- Morningstar Rating: ★★★
Antje Schiffler: Durch den Iran-Krieg hat sich das Umfeld in den letzten Wochen deutlich verändert. Was bedeutet das für deutsche Aktien?
Sabrina Reeh: Das Umfeld hat sich in der Tat deutlich verändert. Unser Fokus und der vom breiten Markt liegt derzeit sehr viel stärker auf Top-down-Themen, also auf Makroökonomie, Geopolitik und der weiteren Entwicklung der Kriegssituation.
In unserer täglichen Arbeit denken wir deshalb stark in Szenarien. Unser ursprüngliches Basisszenario war, dass der Konflikt nicht lange anhält. Zwischenzeitlich hatte sich die Lage stärker zugespitzt, als zunächst erwartet. Die Lage bleibt von hoher Dynamik geprägt.
Defensivere Positionierung für den Deutschlandfonds
AS: Wie haben Sie darauf in der Steuerung Ihrer Fonds reagiert?
SR: Wir hatten uns bereits davor etwas vorsichtiger positioniert, nachdem der DAX einen guten Jahresstart und auch ein starkes Jahresende hatte. Entsprechend hielten wir schon etwas mehr Kasse, was uns jetzt zugutekommt. Nach Ausbruch des Krieges am 27. Februar haben wir die Deutschlandfonds dann nochmals defensiver ausgerichtet.
Der Grund ist einfach: Man kann verschiedene Szenarien formulieren und analysieren, wer in welchem Szenario profitiert oder verliert. Aber am Ende kennt keiner den Ausgang. Wir sprechen natürlich intensiv mit unseren Volkswirten, Strategen und anderen Experten. Aber auch dort erhalten wir natürlich Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten.
Mehr Kasse zu halten bedeutet für uns: Wenn sich die Lage verbessert oder zumindest Anzeichen dafür sichtbar werden, können wir selektiv Positionen aufstocken, bei denen wir ohnehin eine hohe Überzeugung haben.
AS: Was haben Sie konkret verändert?
SR: Im Finanzsektor hatten wir zuvor Banken deutlich übergewichtet. Diese Positionierung haben wir reduziert. Wir sind in einzelnen Banken zwar noch übergewichtet, aber nicht mehr so breit wie zuvor. Stattdessen haben wir uns innerhalb des Finanzsektors defensiver aufgestellt und Rückversicherer aufgebaut, die in diesem Umfeld einen defensiveren Charakter haben.
Außerdem haben wir Versorger etwas erhöht — ebenfalls als defensivere Komponente im Fonds. Insgesamt ist der Fonds zwar weiterhin fast vollständig investiert, für einen Deutschlandfonds ist die Positionierung aber trotzdem defensiv. Ich halte aktuell rund 5 % Kasse. Das ist für unsere Deutschlandfonds eher viel, weil wir in positiven Marktphasen auch über 100 % investiert sein können.
Deutsche Konzerne sind global aufgestellt
AS: Die Wachstumsprognosen für Deutschland wurden zuletzt vor dem Hintergrund der Energiekrise als Folge des Krieges gesenkt. Wie ordnen Sie das ein?
SR: Natürlich ist eine Senkung der BIP-Prognose zunächst negativ. Aber man muss auch festhalten: Wir sprechen immer noch über Wachstum, wenn auch nur über sehr geringes. Anfang des Jahres hatten wir auf eine Stabilisierung und dann eine konjunkturelle Erholung in der zweiten Jahreshälfte gehofft. Die Frage ist nun, wie viel von dieser Erholung noch übrig bleibt. Das hängt stark von der Dauer des Konflikts ab.
Wichtig ist außerdem: Für deutsche Unternehmen zählt nicht nur das inländische Wachstum. Viele DAX-Konzerne sind global aufgestellt. Entscheidend ist daher die Entwicklung der Weltwirtschaft. Und genau hier belastet die Kriegssituation zusätzlich.
AS: Wo sind Sie aktuell besonders vorsichtig?
SR: Vorsichtiger sind wir bei konsumnahen Bereichen. Höhere Inflation belastet den Endkonsumenten, und besonders betroffen sind Unternehmen, die nur begrenzte Preissetzungsmacht haben und steigende Kosten nicht gut weitergeben können.
AS: Gehören Autobauer für Sie in diese Kategorie?
SR: Ja. Die Automobilindustrie würde ich hier grundsätzlich mit einordnen. Sie waren allerdings schon vorher strukturell angeschlagen. Der Wettbewerb aus China belastet nach wie vor, und in einem inflationären Umfeld ist die Bereitschaft der Verbraucher, ein neues Auto zu kaufen, eher gering — zumindest, wenn es kein notwendiger Ersatzkauf ist. Deshalb bleiben wir bei Automobilwerten vorsichtig.
Chemieaktien: Kursrallye im Iran-Krieg
AS: Wie sehen Sie die Chemiebranche?
SR: Das ist derzeit etwas komplexer. Langfristig hängt viel davon ab, wie lange die aktuelle Situation anhält. Je länger der Konflikt dauert und je stärker die Nachfrage in der Weltwirtschaft einbricht, desto problematischer ist es für Chemiekonzerne. Die Branche braucht eine wirtschaftliche Erholung.
Kurzfristig sehen wir allerdings ein anderes Bild: Aktien wie BASF BAS, Lanxess LXS oder Evonik EVK haben zwischenzeitlich sogar profitiert. Der Hintergrund ist, dass asiatische Zulieferer wegen der aktuellen Situation vermehrt höhere Ausfälle und Lieferprobleme haben, zum Teil auch mit Force-Majeure-Meldungen. Dadurch können europäische Chemiekonzerne ihre Preise derzeit stärker anheben, in einzelnen Bereichen durchaus in erheblichem Umfang. Der Grund ist keine Nachfragestärke, sondern eine Angebotsverknappung.
Kurzfristig profitieren einige Unternehmen also davon, vor allem über die Preisseite. Der größere Effekt dürfte sich in den Zahlen zum zweiten Quartal zeigen. Langfristig bleibt die Lage aber herausfordernd, sofern die konjunkturelle Erholung ausbleibt.
AS: Gibt es für europäische Chemieunternehmen langfristig auch einen positiven strukturellen Fall, weil Kunden ihre Lieferketten überdenken?
SR: Ja, das kann durchaus ein positiver Effekt sein. Wenn Kunden, die bisher vor allem wegen niedrigerer Preise aus Asien bezogen haben, die Störanfälligkeit dieser Lieferketten neu bewerten, könnte das europäischen Anbietern zugutekommen. Dann wären Kunden womöglich eher bereit, einen höheren Preis zu zahlen, wenn sie dafür mehr Versorgungssicherheit bekommen. Das wäre langfristig ein positiver Nachwirkungseffekt für europäische Produzenten.
AS: Sie haben auch Versorger erwähnt. Warum gelten sie in diesem Umfeld als defensiv?
SR: Das ist vor allem eine relative Betrachtung. Investoren suchen in unsicheren Marktphasen nach Bereichen, die sie als defensiven Anker nutzen können. Versorger gehören oft dazu. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen: Der Sektor ist reguliert. Stark steigende Einkaufskosten lassen sich nicht einfach eins zu eins weitergeben. Deshalb ist das kein perfekter Inflationsschutz und in einem Umfeld von sehr hoher Inflation und steigenden Zinsen schwächt sich die defensive Wirkung. Aber relativ zum Gesamtmarkt wirken Versorger derzeit defensiver.
Industrie profitiert von KI, Automatisierung und Infrastruktur
AS: Welche Sektoren sehen Sie noch auf der Gewinnerseite mit Blick auf die kommenden Monate?
SR: Besonders interessant finden wir den Industriesektor, allerdings sehr selektiv. Entscheidend ist, dass es sich um Unternehmen mit starker Marktposition und guter Preissetzungsmacht handelt. In einem inflationären Umfeld ist es wichtig, ob Unternehmen höhere Inputkosten an Kunden weitergeben können.
Der Industriesektor ist zyklisch und wird sich in einem Rezessionsszenario schwerer tun. Gleichzeitig sehen wir aber klare strukturelle Treiber. Dazu zählen Elektrifizierung, Automatisierung und der Ausbau von Infrastruktur rund um Rechenzentren. Gerade für Europa und Deutschland sehen wir im Industriesektor auch langfristig Chancen entlang der KI-Wertschöpfungskette. Europa hat im Vergleich zum US-Markt einen deutlich höheren Industrieanteil. Daraus ergibt sich Potenzial, von „physischer KI“ zu profitieren — also von Anwendungen in Produktion, Automatisierung und industriellen Prozessen.
Ein Beispiel sind digitale Zwillinge, mit denen Produktionsprozesse vorab simuliert und optimiert werden können. So lässt sich vor dem Bau einer Anlage testen, ob ein Prozess sinnvoll geplant ist. Das spart Kosten und reduziert Stop-and-go in der Produktion. Auch Wartungszyklen lassen sich mithilfe von KI besser steuern, was Stillstandszeiten verringern kann. Das sind ganz konkrete Effizienzgewinne.
AS: Wir haben auch starke Verlierer durch die KI gesehen, ich denke da speziell an Softwarewerte wie zum Beispiel SAP SAP.
SR: Der Markt hinterfragt derzeit in diesem Sektor die langfristigen Margen und damit auch die Bewertungsniveaus. Softwareunternehmen hatten über Jahre hinweg hohe Multiples, weil man davon ausging, dass sie sehr profitable und skalierbare Geschäftsmodelle haben. Jetzt stellt sich die Frage: Können diese Margen überhaupt gehalten werden? Oder führt KI dazu, dass der Wettbewerb zunimmt und die Margen sinken?
Das ist aus meiner Sicht die zentrale offene Frage. Unternehmen müssen nun glaubwürdig erläutern, wie ihre Strategie im KI-Zeitalter aussieht, wie sie ihre Kundenmodelle anpassen und wie sie ihre Marktstellung verteidigen wollen. Irgendwann wird es sicher wieder einen Punkt geben, an dem Software attraktiv bewertet ist. Aber aktuell ist es dafür noch zu früh.
Verteidigung bleibt struktureller Gewinner – doch ESG begrenzt Investitionen
AS: Welche Rolle spielt der Verteidigungssektor? Rheinmetall RHM zum Beispiel gehört ja zu den Kursgewinnern.
SR: Verteidigung ist derzeit klar ein strukturelles Thema. Die Verteidigungsbudgets steigen, und dadurch gibt es in dem Sektor eine hohe Visibilität. Für meinen Fonds ist das allerdings kein direkt investierbares Thema, weil Verteidigungswerte im DWS ESG Investa aufgrund seiner ESG-Ausrichtung ausgeschlossen sind.
AS: DWS hatte seine Regeln für Rüstungswerte teilweise gelockert. Gilt das nicht für alle Fonds?
SR: Nein, man muss innerhalb der Produktpalette unterscheiden. Im vergangenen Jahr hat die DWS einige Fonds, die nach Artikel 8 SFDR berichten, für Rüstungsinvestitionen geöffnet. Investitionen in Hersteller kontroverser Waffen bleiben jedoch weiterhin ausgeschlossen. Für Fonds, die nach Artikel 8 SFDR berichten und “ESG” oder einen Nachhaltigkeitsbezug im Namen führen, hat sich nichts geändert: Bei diesen Fonds investieren wir unverändert nicht in Unternehmen, die mehr als fünf Prozent des Umsatzes mit der Herstellung von Produkten und/oder der Erbringung von Dienstleistungen in der Rüstungsindustrie generieren oder an der Produktion von Nuklearwaffen sowie Munition aus abgereichertem Uran beteiligt sind.
AS: Die Dividendensaison läuft an. Viele DAX-Unternehmen erhöhen ihre Ausschüttung. Wie bewerten Sie das?
SR: Grundsätzlich ist das ein positives Zeichen. Im Vergleich zu früheren großen Krisen, etwa der Finanzkrise, stehen die Unternehmen heute insgesamt besser da. Die Bilanzen sind solider, auch viele Automobilhersteller haben hohe Cashflows und insgesamt robustere Finanzstrukturen. Unternehmen haben aus früheren Krisen gelernt.
Wenn Firmen ihre Dividenden kürzen müssten, wäre das für uns eher ein Warnsignal. Dass viele Unternehmen weiter ausschütten oder die Dividende erhöhen, zeigt dagegen finanzielle Stärke. Es spricht dafür, dass weiterhin genug freier Cashflow vorhanden ist, um Ausschüttungen oder Aktienrückkäufe zu finanzieren.
Ausblick Q2: Was die kommende Gewinnsaison für deutsche Unternehmen verspricht
AS: Was erwarten Sie von der Gewinnsaison im gerade angelaufenen Quartal?
SR: Das größte Risiko bleibt die Konjunktur. Entscheidend ist, was die aktuellen Entwicklungen für die Gewinnschätzungen der Unternehmen bedeuten. Für den DAX werden zwar immer noch steigende Gewinne erwartet, aber die Erwartungen dürften angepasst werden müssen. Wenn nun die Quartalsberichte kommen, wird wahrscheinlich kaum ein Unternehmen sehr offensiv für das zweite Halbjahr auftreten. Ich rechne eher mit vorsichtigeren Tönen.
Gleichzeitig entstehen in volatilen Märkten Chancen. Wer auf Unternehmen setzt, die strukturelle Treiber haben - etwa durch Data-Center-Infrastruktur, Elektrifizierung oder Automatisierung - und die zusätzlich über Preissetzungsmacht verfügen, könnte solche Phasen auch nutzen.
AS: Was wäre denn das Bullenszenario für deutsche Unternehmen?
SR: Das Bullenszenario wäre ein echter Frieden im Nahen Osten - nicht nur kurzfristige Entspannung. Positiv wäre außerdem, wenn es im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu substanziellen Fortschritten käme. Davon könnten zahlreiche Unternehmen profitieren, etwa im Zusammenhang mit einem möglichen Wiederaufbau. Dieses Thema ist zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt, wäre aber natürlich ein klar positiver Impuls.
AS: Also bleiben deutsche Aktien für Sie attraktiv?
SR: Ja. Man darf nicht vergessen: Bis zum Ausbruch des Krieges hatte sich der DAX im Vergleich zum S&P 500 sehr gut gehalten. Deutschland und Europa verfügen weiterhin über viele gute Unternehmen mit starken Geschäftsmodellen. Der Markt ist zyklisch, keine Frage. Aber wir sehen nach vorne weiter Potenzial - auch, weil Europa und Deutschland in der zweiten Ableitung der KI-Wertschöpfungskette profitieren könnten. Zusätzlich sollten die im vergangenen Jahr angestoßenen Konjunkturimpulse, insbesondere das Infrastrukturpaket, in der zweiten Jahreshälfte zunehmend in den Unternehmenszahlen sichtbar werden.
Hinzu kommt die Bewertung. Mit dem DAX kauft man globales Wirtschaftswachstum zu europäischer Bewertung - und die ist im internationalen Vergleich attraktiv.

