Rüstungsaktien in ESG-Fonds: So verändert sich die nachhaltige Geldanlage in Europa

Der Krieg in der Ukraine hat langjährige Annahmen über ethisches Investieren grundlegend erschüttert.

Illustration der Europakarte mit blauem Wasser und grünem Land.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Europäische ESG-Fonds haben ihr Engagement im Verteidigungsbereich seit Russlands Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 deutlich erhöht.
  • Die Europäische Kommission und die ESMA betonen, dass nachhaltige Fonds unter bestimmten Bedingungen Rüstungsunternehmen enthalten können.
  • Vermögensverwalter sind sich nach wie vor uneins über die Definitionen, die Verwendung von Technologien mit doppeltem Verwendungszweck, Schwellenwerte und die Risiken der Aufnahme von Waffenherstellern in ihre Portfolios.

Mit der Zuspitzung der geopolitischen Lage überdenken auch Anleger die Rolle von Rüstungs- und Verteidigungsunternehmen in nachhaltigen Portfolios. Als die EU-Offenlegungsverordnung im März 2021 in Kraft trat, standen dieser Sektor sicher nicht im Fokus der Märkte. Doch im Juli 2025 ringt Europa damit, Nachhaltigkeitsziele mit neuen sicherheitspolitischen Realitäten in Einklang zu bringen. Anleger wie auch politische Entscheidungsträger hinterfragen seither lang gehegte Annahmen – darunter auch die Rolle von Verteidigungstiteln in Portfolios mit Umwelt-, Sozial- und Governance-Fokus.

Seit dem Großangriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 hat sich das Engagement europäischer ESG-Aktienfonds in Raumfahrt & Verteidigung (Aerospace and Defense, A&D) im Durchschnitt um den Faktor 2,7 erhöht, sagt Hortense Bioy, Head of Sustainable Investing Research bei Morningstar Sustainalytics. Dieser Trend hat sich nach der Ankündigung des ReArm Europe-Plans zu Beginn dieses Jahres weiter beschleunigt.

Nach Angaben von Morningstar haben rund 43 % der europäischen ESG-Aktienfonds ein gewisses Engagement Verteidigungstiteln, wodurch sich der Abstand zu den Nicht-ESG-Fonds verringert hat. Diese weisen ein Engagement von 56 % auf. “Während wir bei den Artikel-9-Fonds, die nur 4 % aller EU-Fonds ausmachen, keinen großen Anstieg des Engagements im Verteidigungsbereich feststellen konnten, ist das Engagement im Verteidigungsbereich bei den Artikel-8-Fonds gestiegen”, sagt Bioy.

Fonds nach Artikel 8 der Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) fördern ökologische oder soziale Merkmale, während die strengeren Fonds nach Artikel 9 (“dunkelgrüne” Fonds) ein Nachhaltigkeitsziel verfolgen und sich an strengere Offenlegungsstandards halten müssen. Artikel-6-Fonds hingegen fördern keine ESG-Merkmale und verfolgen keine Nachhaltigkeitsziele im Sinne der SFDR.

Was sagt die EU zu Rüstungsaktien in ESG-Fonds?

Diese Entwicklung spiegelt nicht nur den wachsenden Appetit der Anleger auf gut laufende Rüstungsaktien wider, sondern auch eine Neukalibrierung der aufsichtsrechtlichen Auslegungen. So stellte die Europäische Kommission explizit klar, dass die SFDR Investitionen in den Rüstungsbereich nicht ausschließt.

In einer kürzlich veröffentlichten Bekanntmachung betonte die Brüsseler Behörde, dass “der EU-Rahmen für nachhaltige Finanzierungen mit Investitionen im Verteidigungssektor vereinbar ist”. Die Nachhaltigkeitsangaben gelten “horizontal für alle Branchen” und der Rahmen “setzt keine Beschränkungen für die Finanzierung irgendeiner Branche, einschließlich des Verteidigungssektors”. Jede Investition sollte individuell bewertet und nicht allein aufgrund der Branchenzugehörigkeit abgelehnt werden.

Diese Klarstellung ist entscheidend, sagt Bioy von Morningstar: Die Kommission will jeden Zweifel ausräumen, dass nachhaltige Fonds unter bestimmten Bedingungen Rüstungsunternehmen einbeziehen können.

Rallye der Verteidigungs- und Rüstungsaktien

Die jüngste Rallye des Sektors hat sich für Fondsmanager als starker Anreiz erwiesen. So haben europäische Rüstungsaktien sind seit 2022 rasant zugelegt, und das ist auch an ESG-Fondsmanagern nicht vorbeigegangen. Aktive europäische ESG-Aktienfonds haben ihr Engagement in diesem Sektor besonders hochgefahren und in den letzten drei Jahren verdreifacht.

Im März 2025 hielten diese Fonds eine durchschnittliche Allokation von 1,9 % in Rüstungs-Aktien, verglichen mit 2,3 % der Nicht-ESG-Fonds. Die einst große Kluft zwischen ESG- und konventionellen Strategien schmilzt somit dahin.

Passive ESG-Fonds investieren nur 0,6 % in den Sektor, verglichen mit 1,7 % bei den passiven Fonds ohne ESG-Ausrichtung. Dennoch ist dies ein Anstieg gegenüber den Vorjahren. Kein Wunder: Der Verteidigungs-Sektor macht inzwischen etwa 4 % des Morningstar Developed Europe Index aus - vor drei Jahren waren es noch 1,5 %.

Der Wandel ist zum Teil ein Resultat der Performance. So sind die Aktien von Unternehmen wie Rheinmetall, Saab oder Leonardo sind seit Anfang 2022 rasant gestiegen. “Wenn man sich die Performance anschaut, ist es klar, dass der Ausschluss oder die Untergewichtung des Verteidigungssektors die Rendite beeinträchtigt hat. Und das gilt sowohl für ESG-Fonds als auch für Nicht-ESG-Fonds”, sagt Bioy.

Der Anstieg des Engagements sei aber auch darauf zurückzuführen, dass die Fondsmanager proaktiv mehr dieser Aktien kauften, fügt sie hinzu.

Einige Waffen sind kontroverser als andere

Trotz dieses Trends bleiben die Fondsmanager bei den so genannten kontroversen Waffen zurückhaltend. Das EU-Verteidigungs-Omnibus-Paket und die Finanzmarktaufsicht ESMA halten Anti-Personen-Minen, biologische und chemische Waffen sowie Streumunition nach wie vor nicht für vereinbar mit nachhaltigen Investitionen.

“Artikel 8 und Artikel 9 schließen in der Regel kontroverse Waffen aus. Aber militärische Waffen - die von staatlichen Verteidigungskräften verwendet werden - sind im Allgemeinen nicht ausgeschlossen”, sagt Bioy.

Die Definitionen sind durchaus unterschiedlich: Einige Vermögensverwalter schließen beispielsweise alle Unternehmen aus, die mit Atomwaffen zu tun haben, während andere Beteiligungen an Firmen mit Sitz in Ländern, die den Atomwaffensperrvertrag (NVV) unterzeichnet haben, zulassen. Weitere Unterscheidungen beruhen darauf, ob ein Unternehmen ganze Waffen herstellt oder lediglich Komponenten oder Logistik bereitstellt.

In Europa gibt es keine börsennotierten Unternehmen, die an der Herstellung von völkerrechtlich geächteten Waffen wie chemischen Waffen oder Anti-Personen-Minen beteiligt sind. Airbus AIR und Safran SAF, deren Joint Venture ArianeGroup nuklearfähige Raketen für Frankreich herstellt, fallen bei manchen ESG-Ansätzen nicht unter den Ausschluss, da Frankreich als NPT-Unterzeichnerstaat offiziell über Atomwaffen verfügen darf.

“Die Beteiligung an umstrittenen Waffen und militärischen Aufträgen ist bei den Artikel 8-Fonds seit 2022 um den Faktor 2,4 bzw. 2,6 gestiegen”, sagt Bioy. “Dennoch ist ihre Beteiligung nur etwa halb so groß wie die der Artikel 6-Fonds.”

Artikel 9-Fonds haben ihre Ausschlusspolitik und ihr Engagement indes kaum verändert. Das heißt aber nicht, dass es keine Artikel 9-Fonds mit Engagements in der Luft- und Raumfahrt und im Verteidigungsbereich gibt. Anhand von Daten von Morningstar Sustainalytics identifizierten Bioy und ihr Team 17 Artikel-9-Fonds in der Kategorie europäische Aktien, die Verteidigungswerte halten. Darunter sind auch Fonds mit Klima-, Impact- und Sozialmandaten.

“Technologien mit doppeltem Verwendungszweck sind eine weitere Grauzone”, fügt Bioy hinzu. “Technologien wie KI, Satellitensysteme oder Antriebe können sowohl zivile als auch militärische Anwendungen haben. Ob diese zum Ausschluss zählen, hängt davon ab, wie streng ein Fonds die Beteiligung definiert.”

Wie integrieren Asset Manager Rüstungstitel in Nachhaltigkeitsfonds?

Europäische Asset Manager haben ihre Strategien an die neuen Gegebenheiten angepasst. DWS und Allianz Global Investors haben offiziell dargelegt, warum bestimmte Artikel-8-Fonds jetzt Rüstungsaktien enthalten können - und warum sie umstrittene Waffen weiterhin ausschließen.

Die DWS unterscheidet zwischen Artikel 8-Fonds, die lediglich ESG-Merkmale offenlegen, und solchen, die ESG oder nachhaltigkeitsbezogene Begriffe im Namen führen. Bei Fonds, die den “DWS ESG Investment Standard” anwenden, schließen Unternehmen aus, die mehr als 5 % Umsatzes mit der Herstellung von Produkten und/oder der Erbringung von Dienstleistungen in der Rüstungsindustrie generieren oder an der Produktion von Nuklearwaffen sowie Munition aus abgereichertem Uran beteiligt sind, erläutert die DWS. Daran ändere sich nichts. Andere Artikel 8-Fonds folgen jedoch einem grundlegenden Ausschlussfilter, der zuletzt überarbeitet wurde.

In ähnlicher Weise hat Allianz Global Investors seine Artikel 8-Politik angepasst. Im März 2025 kündigte sie Änderungen an, nach denen Rüstungsunternehmen für die Aufnahme in Fonds in Frage kommen, die die verbindlichen Nachhaltigkeitselemente von AllianzGI erfüllen.

“Mit dem in Frankreich domizilierten Fonds Allianz Actions Euro Innovation bietet AllianzGI bereits einen Artikel-8-Fonds an, der in Rüstungsunternehmen investiert. Weitere Artikel-8-Fonds werden ihre Anlagepolitik im Laufe des dritten Quartals 2025 anpassen”, so AllianzGI gegenüber Morningstar.

“Angesichts knapper öffentlicher Haushalte in Europa wird privates Kapital erforderlich sein, um den Finanzierungsbedarf zu decken”, heißt es in einem Blogbeitrag der AllianzGI. Das Ziel sei nicht nur, diesen Übergang zu unterstützen, sondern auch die Unternehmen zu einer transparenteren Offenlegung und zu verantwortungsvollen Praktiken anzuleiten.

Die Helaba Invest vertritt eine restriktivere Linie. “Das Ziel von Verteidigung ist nicht nachhaltig. Daher kann Verteidigung nicht als nachhaltiges Merkmal eines Artikel 8-Fonds angesehen werden”, sagt Katharina Drexler, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Helaba Invest.

“Das bedeutet nicht, dass Waffen gänzlich ausgeschlossen sind: Wenn beispielsweise keine umstrittenen Waffen involviert sind, kann ein Verteidigungstitel in einen unserer Artikel 8-Fonds aufgenommen werden - solange die 25%-Schwelle für nachhaltige Investitionen im Fonds nicht überschritten wird.” Der Schwellenwert von 25 % bezieht sich auf den Anteil des Fondsvermögens, den ein Fondsmanager als “nachhaltige Anlagen” im Sinne der SFDR ausweisen muss.

Drexler fügt hinzu, dass institutionelle Kunden oft ihre eigenen Definitionen und Erwartungen haben, wenn es um ESG geht, insbesondere kirchliche oder öffentliche Investoren. Ein Kernproblem ist die Definition dessen, was ein “Verteidigungsunternehmen” ausmacht, erklärt sie und erinnert an die Bedenken von Unternehmen mit doppeltem Verwendungszweck, die Technologien mit sowohl zivilen als auch militärischen Anwendungen herstellen, z. B. in den Bereichen Elektronik, Maschinenbau oder Raumfahrt.

Da Kapitalmarktinvestoren in der Regel in das Unternehmen als Ganzes und nicht in einzelne Geschäftsbereiche investieren, ist es oft unmöglich, das Verteidigungs-Engagement herauszufiltern, sagt Drexler. In solchen Fällen nutzt auch die Helaba den prozentualen Anteil des Umsatzes aus dem Verteidigungsbereich als Schlüsselfaktor bei der ESG-Bewertung.

Verteidigungsinvestitionen und Nachhaltigkeit: Eine komlexe Debatte

Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Klassifizierung von Waffentypen. “Es besteht allgemeines Einvernehmen darüber, Unternehmen auszuschließen, die an der Herstellung oder dem Verkauf von international geächteten Waffen beteiligt sind”, sagt sie. “Aber Begriffe wie ‘umstrittene Waffen’ - wie Atomwaffen oder autonome Systeme - sind weniger klar definiert, was zu Unsicherheiten führt.”

Auch das Reputationsrisiko und die Datenqualität seien nach wie vor ein großes Problem.

Bioy meint: “Man kann durchaus sagen, dass Anleger weiterhin geteilter Meinung darüber sein werden, ob Verteidigung mit Nachhaltigkeitszielen vereinbar ist, und viele nachhaltige Fonds - insbesondere solche, die sich auf positive Auswirkungen konzentrieren - werden in der Verteidigungsindustrie weiterhin untergewichtet sein.”

Einige Investoren sehen in der Finanzierung der europäischen Verteidigung sowohl eine soziale Verantwortung als auch eine Quelle langfristiger Renditen, während andere weiterhin argumentieren werden, dass Verteidigung grundsätzlich nicht mit nachhaltigen Investitionen vereinbar ist.

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