Die Gasspeicher in der Europäischen Union waren am 25. August zu 63 Prozent gefüllt und lagen damit 17 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Dies hat die kurzfristigen Gas- und Strompreise in Europa nach oben getrieben.
Warum das wichtig ist: Da die LNG-Exporte aus Katar stark eingeschränkt sind und Europa bei US-amerikanischem verflüssigtem Erdgas im intensiven Wettbewerb mit asiatischen Käufern steht, rechnen wir damit, dass die EU-Gasspeicher am 1. November mit einem Füllstand von nur 69 Prozent ein Allzeittief erreichen werden. Dies entspräche 37 Prozent des Gasverbrauchs in einem durchschnittlichen Winter – dem niedrigsten Stand seit der Energiekrise 2021/22.
- Um den kommenden Winter mit einer angemessenen Mindestvorratsreserve zu beenden,müssten die europäischen TTF-Gaspreise bei etwa 60 bis 70 Euro pro Megawattstunde bleiben. Bei diesem Preisniveau würde bei normalen Wetterbedingungen deutlich mehr US-LNG importiert als im letzten Jahr. Ein kalter Winter würde den TTF-Preis wahrscheinlich auf 90 bis 120 Euro pro Megawattstunde steigen lassen.
- Auch wenn wir davon ausgehen, dass sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage am globalen LNG-Markt 2027 entspannen wird, dürfte die Gasversorgungslage in Europa angespannt bleiben. Dies dürfte die Gaspreise und die deutschen Strompreise in der Nähe ihrer derzeitigen Terminpreise für 2027 von 49 Euro beziehungsweise 110 Euro je Megawattstunde halten.
Fazit: Anhaltend hohe Energiepreise beschleunigen die Deindustrialisierung und den Nachfragerückgang. Europäische Versorger profitieren von diesen Preissprüngen und können die daraus resultierenden zusätzlichen Gewinne in hochwertige Anlagen wie die Stromnetze oder in erneuerbare Energien in den USA reinvestieren.
- Die Zinsen müssten sich stabilisieren, damit die Branche eine überdurchschnittliche Performance erzielt. Die Unternehmen Engie, RWE und Naturgy, die ohne Moat bewertet werden, sind am besten positioniert, um von höheren Energiepreisen zu profitieren. Da die zusätzlichen Gewinne die Cashflows erhöhen, kommt der Kapitalallokation eine entscheidende Bedeutung zu.
- Engie und RWE können in dieser Hinsicht eine starke Erfolgsbilanz vorweisen. Engie ist aufgrund der politischen Risiken in Frankreich unterbewertet. Bei RWE hingegen unterschätzt der Markt die günstige Positionierung des Konzerns angesichts des starken Wachstums der Stromnachfrage in den USA.
Das große Ganze: Diese zweite europäische Gaskrise innerhalb von vier Jahren verdeutlicht die Anfälligkeit der EU für externe Schocks. Die Dekarbonisierungsziele und die Unsicherheit über die langfristige Gasnachfrage begrenzen den Abschluss langfristiger LNG-Lieferverträge. Dadurch ist Europa dem Risiko ausgesetzt, dass LNG-Ladungen nach Asien umgeleitet werden, wenn die asiatischen JKM-Preise über den europäischen TTF-Preisen liegen.

