Bert Flossbach über den KI-Boom, Gold und die Abflüsse beim FvS Multiple Opportunities

Hohe Ölpreise, KI-Rally und geopolitische Risiken: Bert Flossbach erklärt, warum er weiter auf Aktien und Gold setzt — und weshalb sein Flaggschiff-Fonds Multiple Opportunities derzeit Mittelabflüsse verzeichnet

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Wichtigste Erkenntnisse

  • Der Iran-Krieg belastet die US-Börsen bislang weniger als viele Anleger erwartet hatten, weil die KI-Rally das Marktgeschehen dominiert. Das birgt laut Flossbach jedoch auch Risiken.
  • Der Manager sieht Chancen bei defensiven Qualitätsaktien, die wegen des Fokus auf KI- und Chipwerte derzeit vergleichsweise günstig bewertet sind. Gold bleibt für ihn ein wichtiger Stabilisator im Portfolio.
  • Flossbach erläutert zudem, was seiner Einschätzung nach hinter den Mittelabflüssen beim Flossbach von Storch SICAV - Multiple Opportunities steckt.

Die letzten Monate waren geprägt vom Krieg im Iran, hohen Ölpreisen und neuen Inflationssorgen. Dennoch zeigen sich die Börsen bislang erstaunlich robust — vor allem in den USA. Der Morningstar US Market Index erreichte Mitte Mai sein Allzeithoch. Laut Bert Flossbach, Mitgründer und Vorstand bei Flossbach von Storch, liegt das unter anderem daran, dass der anhaltende KI-Boom derzeit viele andere Risiken überlagert.

Im Morningstar-Interview erklärt Flossbach, warum er weiterhin auf Aktien, Gold und andere Sachwerte setzt, weshalb defensive Qualitätsunternehmen aus seiner Sicht derzeit unterschätzt werden und warum Anleihen trotz höherer Renditen noch keine überzeugende Alternative darstellen. Außerdem erläutert er seine Sicht auf die anhaltenden Mittelabflüsse beim FvS-Flagschiff Flossbach von Storch SICAV - Multiple Opportunities.

Mit einem Fondsvolumen von rund 21 Mrd. EUR zählt der Multiple Opportunities zu den größten aktiv verwalteten Mischfonds im deutschsprachigen Raum. Bert Flossbach managt den Fonds bereits seit seiner Auflegung 2007, und das zunächst recht erfolgreich: Auf Sicht von zehn Jahren erzielte der Fonds eine annualisierte Rendite von 4,4 Prozent. Doch zuletzt entwickelte sich der Fonds schwächer. Mit einem Einjahresertrag von knapp einem Prozent fällt der Fonds im Vergleich zu anderen Produkten seiner Vergleichsgruppe zurück.

“Trotz der wenig beeindruckenden relativen Renditen der letzten Jahre untermauern die Kernstärken der Strategie weiterhin ihr langfristiges Potenzial”, sagt Natalia Wolfstetter, Senior Principal Manager Research bei Morningstar. So bremste beispielsweise die Zurückhaltung bei Investments in Top-Performer wie Nvidia NVDA oder Meta Platforms META, die Anfang 2023 verkauft wurden, die Performance in den Jahren 2023–24.

Flossbach von Storch SICAV - Multiple Opportunities

Antje Schiffler: Die Märkte bewegen sich derzeit zwischen geopolitischer Unsicherheit im Nahen Osten, hartnäckiger Inflation angesichts hoher Ölpreise und teilweise sehr ambitionierten Bewertungen — insbesondere in den USA. Welche Risiken halten Sie aktuell für am stärksten unterschätzt?

Bert Flossbach: Die Erfahrung lehrt, dass sich das immer erst rückblickend beurteilen lässt – alles andere wäre Kaffeesatzleserei. Fest steht, dass die geopolitischen Risiken und der gestiegene Ölpreis derzeit hinter dem KI-Boom und der damit verbundenen Fantasie der Investoren zurückbleiben. Auch wenn es zynisch klingen mag, aber die Auswirkungen des Iran-Krieges etwa auf die US-Wirtschaft, insbesondere den Tech-Sektor, sind überschaubar. Insofern ist der Blick der Börse auf die Welt ein sehr nüchterner - zumindest derzeit.

AS: Wo sehen Sie auf Sicht der nächsten Monate Chancen — und wo unterscheidet sich Ihre Einschätzung vom Marktkonsens? Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für die Portfolioallokation?

BF: Der Markt gibt derzeit ein sehr heterogenes Bild ab. Zum einen die offenkundigen Gewinner, die großen KI-Profiteure und Energiekonzerne. Zum anderen viele ertragsstarke Unternehmen aus defensiveren Branchen, die schon seit längerem von den Investoren links liegen gelassen werden, etwa aus den Bereichen nicht-zyklischer Konsum oder Gesundheit.

Die daraus resultierenden niedrigen Bewertungen reduzieren die Fallhöhe und bieten Potenzial für eine Erholung. Es braucht jedoch Geduld, bis der Markt die Bewertungsabschläge korrigiert. Als langfristige Investoren schauen wir nicht zuletzt auf diese Unternehmen. Das spiegelt auch die Zusammenstellung des Portfolios wider.

AS: Der Multiple Opportunities setzt weiterhin stark auf Aktien und Sachwerte, während Anleihen nur eine vergleichsweise kleine Rolle spielen. Was gibt Ihnen derzeit genug Zuversicht für Aktien — und unter welchen Bedingungen würden Sie Ihre Skepsis gegenüber Anleihen überdenken?

BF: Ich würde nicht von genereller Skepsis sprechen. Letztlich geht es immer um das Chance-Risiko-Profil einer Anlage. Eine zehnjährige Bundesanleihe etwa bietet derzeit drei Prozent Rendite, bei niedrigem Risiko. Davon frisst allerdings die Inflation den Großteil auf. Unternehmensanleihen mittlerer Bonität bieten etwas mehr, rund einen Prozentpunkt. Mit Blick auf das höhere Risiko ist auch das nicht sonderlich attraktiv. Sollten die Renditen aber weiter steigen, würden Anleihen auch wieder interessanter werden.

AS: Wie beurteilen Sie die Zinsrisiken und die Geldpolitik der Zentralbanken?

BF: Die Notenbanken sind alarmiert, was die Inflation betrifft – denn den letzten großen Schub 2022 hatten sie viel zu spät erkannt. Das Problem ist: Auch sie wissen nicht, wie lange die kriegsbedingt hohen Ölpreise und die Lieferengpässe bei wichtigen Rohstoffen anhalten werden.

Sie dürften deshalb zunächst abwarten und die Datenlage im Blick halten. Das Signal der Notenbanken an die Finanzmärkte ist dennoch wichtig: Diesmal passen wir auf und heben die Zinsen im Zweifel rechtzeitig an. Zugegeben, das klingt sehr viel leichter als es ist.

AS: Der Multiple Opportunities hält traditionell viel Gold. Hat sich Ihre Sicht auf Gold angesichts hoher Realzinsen und Staatsverschuldung zuletzt verändert?

FS: Auch wenn wir zuletzt unsere Bestände leicht reduziert haben, hat sich an unserer grundsätzlichen Einschätzung zu Gold nichts verändert. Die geopolitischen Unsicherheiten, vor allem aber die steigende Staatsverschuldung und eine schwächere Wirtschaft bei moderat steigender Inflation machen Gold zu einem langfristigen Stabilitätsanker und sinnvollen Baustein für ein gut diversifiziertes Vermögen.

AS: Rechnen Sie damit, das Risiko im Portfolio künftig zu erhöhen oder zu verringern, und welche Anlageklassen dürften künftig die Renditen vorantreiben?

BF: Stand heute dürfte sich an der grundsätzlichen Positionierung nicht allzu viel ändern. Unser Schwerpunkt wird weiterhin auf erstklassigen liquiden Sachwerten liegen, allen voran auf Aktien ertragsstarker Unternehmen, dazu Gold als Portfolioversicherung. Aktien bieten unseres Erachtens auch nach vorne schauend das größte Renditepotenzial – das gilt weiterhin.

AS: Der Fonds verzeichnet weiterhin Nettomittelabflüsse, obwohl Mischfonds zuletzt durchaus wieder Zuflüsse verzeichnet haben. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung — und wie wollen Sie das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen?

BF: Erfreulich ist: Es gibt weiterhin eine stabile Nachfrage nach aktiv gemanagten Fonds – sowohl im Bereich der Rentenfonds als auch insbesondere nach Multi-Asset-Produkten.

Dass wir aktuell nicht im gewünschten Maße davon profitieren, hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen haben sich die Vertriebsstrukturen globaler Finanzinstitute deutlich verändert. Während in der Vergangenheit offene Plattformen stärker im Vordergrund standen, werden heute vermehrt eigene Produkte bevorzugt.

Zum anderen ist unsere Performance derzeit nicht so, dass an uns kein Weg vorbeiführt – insbesondere im Vergleich zu den relevanten Benchmarks. Das hängt auch mit unserer Investmentphilosophie zusammen: Wir investieren bewusst weniger stark in Unternehmen, die von schwer kalkulierbaren externen Faktoren geprägt sind.

So wird beispielsweise der MSCI World seit geraumer Zeit maßgeblich von der KI-Rally und teils sehr volatilen Chipaktien getrieben. Mit unserem ausgewogeneren Technologieanteil bleiben wir in diesem Umfeld zurück. Hinzukommt, dass eher langweilige Geschäftsmodelle, die wir sehr mögen, derzeit von der Mehrheit der Investoren gemieden werden.

In Summe lässt sich jedoch festhalten, dass sich das Chance-Risiko-Profil des Fonds aus unserer Sicht nach vorne verbessert hat – insbesondere mit Blick auf Bewertung und Qualität der zugrunde liegenden Investments.

Der Autor/Autorin oder die Autoren besitzen keine Aktien der in diesem Artikel erwähnten Wertpapiere. Informieren Sie sich hier Redaktions-Richtlinien von Morningstar.