Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die unterschiedlichen geldpolitischen Ausrichtungen der Bank of England, der EZB und der Federal Reserve eröffnen Anleiheanlegern neue Chancen.
- Die Rekordemissionen von Anleihen bei Hyperscalern wie Meta und Microsoft führen möglicherweise zu einer Verschlechterung der Bonitätsprofile.
- Ein 60-zu-40-Portfolio ist für Anleger nach wie vor sinnvoll, doch „festverzinsliche Wertpapiere bieten Ihnen nicht in allen Marktphasen Schutz“.
Karen Gilchrist: Angesichts der nach wie vor hohen Zinssätze, der Neuausrichtung der Geldpolitik durch die Zentralbanken sowie der Tatsache, dass Regierungen und Unternehmen Schulden in Rekordhöhe aufnehmen, um alles von der Verteidigung bis hin zur KI zu finanzieren, sind festverzinsliche Wertpapiere erneut in den Vordergrund gerückt. Dies schafft ein herausforderndes und spannendes Umfeld für Anleiheinvestoren. Um die damit verbundenen Risiken und Chancen zu erörtern, begrüße ich heute Kelly Gemmell, Leiterin des Spezialteams für festverzinsliche Wertpapiere für Europa bei Vanguard. Kelly, vielen Dank, dass Sie heute bei uns sind.
Werfen wir einen Blick auf die jüngsten Zinsentscheidungen der Fed und der Bank of England, die ihre Zinssätze unverändert gelassen haben. Das Gleiche gilt für die EZB. Was sagt Ihnen dies über die derzeitige Haltung der großen Zentralbanken gegenüber der Inflation aus?
Kelly Gemmell: Ich glaube, das Thema Inflation beschäftigt uns alle, da wir natürlich seit dem Ende der Corona-Pandemie ein wenig davon gezeichnet sind. Doch die Lage ist mittlerweile ganz, ganz anders. Und man beobachtet, dass ein und derselbe Schock sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen hat, je nachdem, ob man die Bank of England, die Fed oder eben die EZB betrachtet.
Wenn ich also über die Inflationsdynamik nachdenke, stellen wir fest, dass die USA gegenüber diesem Energieschock etwas besser abgeschirmt sind. Insbesondere in Europa spielt auch der Gasfaktor eine Rolle. Das Wetter war zwar herrlich, trotzdem hat das hat die Inflationslage in Europa erheblich belastet.
Wie Sie bereits sagten, gab es jedoch eine große Divergenz zwischen der Bank of England, die, wie Sie sagten, sehr standhaft blieb, und der EZB, die die Zinsen angehoben hat. Zur EZB würde ich sagen, es handelt sich eher um einen nüchternen Ansatz. Sie haben ihre Szenarien durchgespielt. Sie haben alles sehr genau durchgerechnet. Für uns ist das sehr klar. Wir halten dies für einen transparenten Ansatz.
Sie haben die Zinsen angehoben, befanden sich dabei jedoch auch in einer anderen Situation. Zu Jahresbeginn gingen wir mehr oder weniger von einer Beibehaltung der Zinsen aus. Die Bank of England und die Fed hingegen rechneten mit Zinssenkungen. Daher stellt selbst eine Beibehaltung der Zinsen eine Straffung der finanziellen Rahmenbedingungen dar.
Karen Gilchrist: Sie haben diese Divergenz angesprochen. Wie wirkt sich diese auf globale Rentenportfolios aus? Und wo sehen Sie derzeit die vielversprechendsten Chancen?
Kelly Gemmell: Ich halte es für eine gute Strategie, aktiv zu agieren und ein wenig flexibel zu sein. Und genau das haben wir in unseren Portfolios beobachtet: Bei jeder Position, die wir vielleicht zu Jahresbeginn hielten, änderten wir unsere Meinung, da sich die Rahmenbedingungen änderten. Daher haben wir das Risiko tatsächlich ein wenig reduziert. Wir haben beobachtet, wie sich einige Chancen entwickelt haben, und sind uns des Angebotsfensters im September bewusst. Daher behalten wir ein wenig „trockenes Pulver“, um diese Gelegenheit zu nutzen.
Wie die Verschuldung der Hyperscaler die Kreditmärkte prägt
Karen Gilchrist: Sprechen wir nun über Unternehmensanleihen. Wir haben beobachtet, dass einige der Hyperscaler – wie beispielsweise Meta META, Amazon AMZN und Microsoft MSFT – hunderte von Milliarden US-Dollar investieren und zur Finanzierung ihrer Rechenzentren und ähnlicher Vorhaben auch in großem Umfang Kapital über die Märkte für Unternehmensanleihen beschaffen. Wie beurteilen Sie diesen Markt sowie die damit verbundenen Risiken und Chancen?
Kelly Gemmell: Ich gehe zunächst auf die Größe ein. Wir sprechen viel über die Hyperscaler, was mir persönlich sehr gefällt. Ich weiß, dass dies an den Aktienmärkten offensichtlich ein riesiges Thema ist. Im globalen Anleihemarkt beträgt das Engagement in Unternehmen wie Amazon oder Google GOOG jedoch möglicherweise weniger als 15 Basispunkte. Es handelt sich also um ein relativ geringes Engagement. Bei einer Betrachtung dieser Unternehmensanleihen zeigt sich, dass sich das Kreditprofil bei steigender Verschuldung dieser Unternehmen verschlechtert.
Dies tritt jedoch nicht zwangsläufig ein. Enorme Umsätze gleichen dies aus – was wir natürlich hoffen. Der Markt ist jedoch etwas zurückhaltend; schließlich sind wir im Bereich festverzinslicher Wertpapiere tätig. Betrachtet man also Unternehmensanleihen mit längerer Laufzeit, so preist man diese Verschlechterung der Bonität tatsächlich bereits ein. Grundsätzlich besteht dort also potenziell ein gewisser Wert. Wir sind uns dieser technischen Faktoren jedoch sehr bewusst. Die Spreads weiten sich dadurch möglicherweise noch ein wenig weiter aus, und das wirkt sich tatsächlich über diese Hyperscaler hinaus aus, wenn der Markt dieses Volumen verarbeitet.
Karen Gilchrist: Was die Staatsverschuldung betrifft, so haben wir beispielsweise in Europa beobachtet, dass Regierungen Anleihen in enormem Umfang begeben und dies auch weiterhin tun wollen, um Reformen in den Bereichen Verteidigung, ökologischer Wandel usw. zu finanzieren. Wie beurteilen Sie die derzeitige Anleiheemission dieser Regierungen und die gestiegenen Haushaltsdefizite? Stellen sie für diese Anleger ein Problem dar?
Kelly Gemmell: Ich halte Haushaltsdisziplin für vorrangig, und das lässt sich am Beispiel Großbritanniens erkennen. Wir warten alle gespannt auf die Einzelheiten einer Burnham-Regierung, insbesondere auf die Ausgabenplanung. Bislang gab es ermutigende Signale, doch dies ist eine äußerst wichtige Entwicklung. Und ich denke, was die allgemeine Richtung angeht, haben Sie einige der wirklich wichtigen Trends angesprochen, wie beispielsweise die Verteidigungsausgaben usw. Daher halte ich das Bekenntnis zur Haushaltsdisziplin für äußerst wichtig. Und wenn wir an die USA denken, ist es auch wichtig zu bedenken, dass die Verschuldung im Verhältnis zum BIP tatsächlich relativ begrenzt bleiben könnte. Denn bei starkem Wachstum und hoher Inflation lässt sich ein gewisses Defizit einfahren und dennoch die Kreditwürdigkeit bewahren. Ich denke einfach, dass wir letztendlich darauf achten, wie umsichtig die USA in der Haushaltspolitik vorgehen.
Hat sich das 60/40-Portfolio bewährt?
Karen Gilchrist: Wir haben beobachtet, dass das 60-zu-40-Portfolio in den letzten Jahren zunehmend hinterfragt wurde. Inwieweit eignet sich dieses Modell als Rahmenkonzept für langfristig orientierte Anleger, oder gibt es andere Ansätze, wie diese die Rolle von festverzinslichen Wertpapieren in ihren Portfolios betrachten sollten?
Kelly Gemmell: Ich halte die Erträge für das Wichtigste, und aus unserer Sicht sind die Renditen derzeit sehr attraktiv – das ist eine langfristige Entwicklung, die sich fortsetzen dürfte. Ich denke also, dass es durchaus Gründe für Absicherung gibt. Ich möchte jedoch anmerken, dass festverzinsliche Wertpapiere Sie nicht in allen Marktphasen schützen werden. Wenn Sie also in hochwertige festverzinsliche Wertpapiere investieren, gehen wir weiterhin davon aus, dass im Falle einer Rezession die Zentralbanken die Zinsen senken werden und Anleihen dann Abhilfe schaffen.
Steigt die Inflation jedoch von hier aus wirklich deutlich an, entsteht Druck auf festverzinsliche Wertpapiere. Wir halten festverzinsliche Wertpapiere daher für eine gute Möglichkeit, Ihr Portfolio abzusichern – allerdings nicht unter allen Umständen. Die Erträge stützen dieses jedoch wirklich, und wenn wir Szenarien für die Zukunft entwerfen, sind wir hinsichtlich der Aussichten für festverzinsliche Wertpapiere tatsächlich sehr zuversichtlich und positiv gestimmt.
Karen Gilchrist: Sehr gut. Und haben Sie noch abschließende Empfehlungen hinsichtlich Chancen oder Risiken im Bereich festverzinslicher Wertpapiere?
Kelly Gemmell: Nun, ich denke, letztendlich kommt es darauf an, selektiv vorzugehen. Und einen Manager zu haben, der flexibel ist. Wenn sich der Markt verändert, ändern wir unsere Meinung.
Karen Gilchrist: Kelly, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Für Morningstar berichtete Karen Gilchrist.
