Amazon und Alphabet steigen mit Milliardendeals in den europäischen Anleihenmarkt ein

US-Hyperscaler nehmen Schulden in Euro und Schweizer Franken in Rekordhöhe auf.

Collagenillustration eines Roboters und eines Halbleiters in einem Kreisdiagramm, mit grafischen Elementen im Hintergrund.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Große US-Technologieunternehmen nutzen den europäischen Markt für Unternehmensanleihen, um den Ausbau der KI-Infrastruktur zu finanzieren. Damit verdrängen sie Finanz- und Industriewerte von den Spitzenplätzen unter den Emittenten.
  • In diesem Jahr stellten Amazons Euro-Anleiheemission und das Schweizer-Franken-Geschäft von Alphabet auf ihren jeweiligen Märkten neue Rekorde auf.
  • Zwar gelten die Anleihen der Hyperscaler als hochwertig, doch sind auch die Risiken für den Markt für Unternehmensanleihen im Falle eines Zusammenbruchs der KI-Blase gestiegen.

Die „Big Tech“-Unternehmen sind mit Anleiheemissionen in Rekordhöhe auf den europäischen Anleihemarkt vorgedrungen und verändern damit die Landschaft der Investitionen in Unternehmensanleihen.

Um ihre Finanzierungsquellen für ihre umfangreichen KI-Infrastrukturprojekte zu diversifizieren, haben Alphabet GOOG und Amazon AMZN in diesem Jahr in Europa Anleihen in großem Umfang begeben. Amazons Erstemission im März über 14,5 Mrd EUR war ein Rekord für den Markt für Unternehmensanleihen in Euro, und die Emission von Alphabet über 3 Mrd CHF war die größte Unternehmensanleihe, die jemals in der Schweiz begeben wurde.

„Dank dieser Transaktionen hat sich die Zusammensetzung des Marktes … erheblich verändert“, sagt Shreena Dasani, Händlerin bei Neuberger Berman. „Der europäische Markt ist nicht mehr rein europäisch.“

Die Emissionen der Hyperscaler haben den Anteil der US-Unternehmen am Morningstar Eurozone Corporate Bond Index auf 20,12 Prozent erhöht. Zu Jahresbeginn betrug dieser Anteil noch 19,58 Prozent.

„Die fünf größten Technologieunternehmen haben im ersten Quartal 2026 mehr [Investment-Grade]-Anleihen begeben als in allen Jahren zuvor zusammen“, so Dasani.

Tech-Sektor verdrängt Finanzbranche und Industrie von der Spitze

Bis zum Jahr 2026 wurde der Markt für Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating durch Emissionen von Finanz- und Industrieunternehmen dominiert. Im Zuge dieser Verschiebung macht der Technologiesektor nun 4,82 Prozent des Portfolios des Morningstar Eurozone Corporate Bond Index aus nach 3,97 Prozent zum Ende des vergangenen Jahres.

Verändert hat sich die Lage durch das Einsetzen des KI-Booms. Vor diesem Jahr konnten sich die „Big Tech“-Unternehmen bei der Finanzierung ihrer Investitionen auf interne Cashflows stützen. Angesichts des Umfangs der für den Ausbau der Rechenzentren erforderlichen Investitionen haben sich diese Unternehmen jedoch externen Investoren zugewandt, vor allem dem Anleihemarkt und dort in zunehmendem Maße auch europäischen Investoren.

Laut Bloomberg wurden im ersten Halbjahr 2026 von Alphabet und Amazon 25 Anleiheemissionen in Euro oder Schweizer Franken begeben. Der ausstehende Betrag beläuft sich auf insgesamt rund 17,50 Mrd EUR und 6,26 Mrd CHF. Zum bisher größten Emittenten in diesem Jahr ist Amazon geworden, gefolgt von Alphabet. Die Muttergesellschaft von Google hatte im April des vergangenen Jahres erstmals Anleihen in Euro begeben und dabei 6,75 Mrd EUR eingenommen, über fünf Laufzeiten mit Fälligkeiten zwischen 2029 und 2054. Im November nahm das Unternehmen dann weitere 6,50 Mrd EUR auf.

Dieser Trend gewinnt derzeit sowohl auf dem Markt für Anleihen in Euro als auch auf dem Markt für Anleihen in Schweizer Franken weiter an Dynamik.

„Die Erstemission von Amazon im März im Umfang von 14,5 Milliarden Euro stellte einen Rekord für den Markt für Unternehmensanleihen in Euro dar, während die jüngsten Mega-Transaktionen von Alphabet und Amazon in Schweizer Franken bereits rund 3,5 Prozent des Schweizer Unternehmensindex ausmachen“, sagt Sven Wagner, Senior-Portfoliomanager für Schweizer festverzinsliche Wertpapiere bei Swisscanto, einer Tochtergesellschaft der ZKB.

Der Markt für Anleihen in Schweizer Franken hat in den letzten Jahren ein deutliches Wachstum verzeichnet, wobei das Unternehmenssegment des Swiss Bond Index in den letzten zehn Jahren um 45 Prozent gewachsen ist. Laut Swisscanto beläuft sich sein Volumen mittlerweile auf über 160 Mrd CHF, was zum Teil auf die Anleihen der Hyperscaler zurückzuführen ist.

Die Risikoprämien – also die Aufschläge gegenüber “risikofreien” Anleihen – bei Emissionen der „Big Tech“-Unternehmen auf dem Schweizer Markt entsprachen den Spreads auf dem europäischen Markt.

„Die erste CHF-Emission von Amazon im Jahr 2026 mit Laufzeiten von 3 bis 25 Jahren wurde zu Spreads bepreist, die weitgehend denen des EUR entsprechen und deutlich über denen des USD liegen, was unterstreicht, dass der CHF zu einem vollwertigen, strategisch relevanten Finanzierungsmarkt geworden ist“, fügt Wagner hinzu.

Hyperscaler dominieren nun den Markt für „Reverse-Yankee“-Anleihen

Statistiken zeigen, dass Hyperscaler bei den von US-Unternehmen in Euro oder Schweizer Franken begebenen Anleihen eine dominierende Rolle einnehmen. Diese Anleihen werden umgangssprachlich als „Reverse-Yankee“-Anleihen bezeichnet – als Gegenstück zu den „Yankee-Anleihen“, die von ausländischen Unternehmen in den Vereinigten Staaten in US-Dollar begeben werden.

Der Vorstoß der Hyperscaler in diesen Markt stelle eine bedeutende und strukturelle Veränderung dar, so Carlo De Luca, Leiter des Bereichs Vermögensverwaltung bei Gamma Capital Markets.

„Jahrelang waren wir daran gewöhnt, dass die Big-Tech-Unternehmen die Anzahl der im Umlauf befindlichen Aktien durch Rückkäufe reduzierten“, sagt De Luca. Nun aber stützt sich die KI-Finanzierung nicht mehr ausschließlich auf Eigenkapital und freien Cashflow, sondern auch auf den Kreditmarkt. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Alphabet und Amazon, die bis vor kurzem praktisch nicht vertreten waren, nun auch auf dem europäischen Markt für Unternehmensanleihen zu bedeutenden Emittenten werden.

Seit 2025 ist das Emissionsvolumen internationaler, auf Euro lautender Anleihen sprunghaft gestiegen, da Unternehmen von historisch niedrigen Unternehmensspreads, günstigen Kosten und einem durch KI getriebenen Investitionsboom profitierten. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank stiegen die internationalen Emissionen in Euro zur Fremdfinanzierung – einschließlich Anleihen und Krediten – im Jahr 2025 im Vergleich zu 2024 um rund 30 Prozent. Damit übertrafen sie die Marke von 1,1 Bio USD und markierten den höchsten Stand seit Einführung des Euro. Getrieben wurde dieser Anstieg durch eine starke internationale Emissionstätigkeit von auf Euro lautenden Anleihen, die um fast 50 Prozent zunahm.

„Hyperscaler haben sich zu bedeutenden ‚Reverse-Yankee‘-Emittenten entwickelt und greifen in Rekordausmaß auf die europäischen Kreditmärkte zurück, um ihre KI-getriebenen Infrastrukturinvestitionen zu finanzieren“, sagt Wagner von Swisscanto. Er erwartet, dass die Emissionen von Hyperscalern in Euro und Schweizer Franken „strukturell auf hohem Niveau“ bleiben, da Technologieunternehmen ihre Finanzierungsquellen diversifizieren und den langfristigen Investitionsbedarf in Rechenzentren und KI-Infrastruktur decken müssen.

Hyperscaler haben sich zu bedeutenden Emittenten im Rahmen von „Reverse-Yankee“-Transaktionen entwickelt und greifen in Rekordausmaß auf die europäischen Kreditmärkte zurück, um ihre KI-getriebenen Infrastrukturinvestitionen zu finanzieren.

Sven Wagner, Swisscanto

Warum sich Hyperscaler für den europäischen Markt entschieden haben

Die Entscheidung der KI-Hyperscaler, in Europa Kredite aufzunehmen, spiegelt das bewusste Bestreben wider, die Finanzierungsquellen zu diversifizieren, Währungsrisiken zu mindern und ihre Integration in das europäische Finanzökosystem zu vertiefen.

Die Attraktivität der Euro- und Frankenmärkte geht jedoch über marginale Vorteile bei den Finanzierungskosten hinaus. „Die amerikanischen ‚Big Tech‘-Unternehmen haben sich nicht zufällig für den europäischen Markt entschieden“, sagt De Luca.

„Hyperscaler richten sich dort aus, wo sie eine natürliche Basis an langfristigen Investoren vorfinden, wie beispielsweise Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds, Anleihemanager sowie institutionelle Anleger aus Europa und der Schweiz“, fügt er hinzu. „Dies ist ein sehr interessanter Punkt, denn während Europa darum ringt, eigene Technologieführer hervorzubringen, fließt ein Teil der Pensions- und Versicherungsersparnisse letztendlich in die Finanzierung der US-amerikanischen Cloud- und KI-Infrastruktur.“

Die amerikanischen „Big Tech“-Unternehmen haben sich nicht zufällig für den europäischen Markt entschieden.

Carlo De Luca, Gamma Capital Markets

De Luca führt an, dass eine von Alphabet oder Amazon begebene Anleihe mit Investment-Grade-Rating sehr attraktiv sein kann, da sie eine hohe Bonität, Liquidität, ein beträchtliches Emissionsvolumen und eine breite Laufzeitkurve bietet – die sich sogar auf 30 Jahre oder mehr erstreckt.

„In diesem Sinne ist der europäische Markt nicht nur eine alternative Finanzierungsquelle, sondern wird zu einer Art ‚Kapitalreservoir‘ zur Finanzierung des KI-Investitionszyklus in den USA“, sagt er.

Zudem ist es für US-Unternehmen aufgrund der Zinsdifferenz kostengünstiger, Kredite in Euro aufzunehmen und diese im Rahmen von Swaps wieder in US-Dollar umzuwandeln. Durch die Emission von Reverse-Yankee-Anleihen und deren Umtausch in Dollar mittels Swaps verschaffen sich die Technologiegiganten sofortige Liquidität in US-Dollar zu geringeren Gesamtkosten als bei einer direkten Emission.

Eine neue Chance für europäische Anleiheinvestoren

Die von Hyperscalern begebenen „Reverse-Yankee-Anleihen“ ermöglichen es europäischen Anlegern, Zugang zu neuen, sehr hochwertigen Anleihen zu erhalten und ihr Portfolio auf einem europäischen Investment-Grade-Markt zu diversifizieren, der häufig auf Finanzwerte, Versorger und traditionelle Industriewerte konzentriert ist.

Die Bonität der von Hyperscalern begebenen Anleihen ist hoch. Die von Alphabet und Apple begebenen Anleihen verfügen über ein S&P-Rating von AA+ auf einer Skala, auf der AAA die höchste Bonität angibt. Die Anleihen von Amazon weisen ein Rating von AA auf.

Doch es bestehen auch Risiken. „Sollten die Investitionen in KI weiter steigen, könnte der Markt mit neuen Angebotswellen konfrontiert werden, was Druck auf die Spreads ausüben und andere europäische Emittenten verdrängen würde“, sagt De Luca von Gamma.

Was wäre, wenn die KI-Blase platzen würde?

Dank ihrer hohen Bonität und Liquidität gelten die Anleihen der Hyperscaler in Euro und Schweizer Franken allgemein als sichere Anlagen. Die Situation kann sich jedoch umkehren, sollte die KI-Blase platzen – zudem könnte die Korrelation dieser Anleihen mit KI-Aktien zunehmen.

„Sollte der Markt die Rentabilität von Investitionen in Rechenzentren, Chips und die Cloud in Frage stellen, könnte es zu einem gleichzeitigen Druck auf die Kurs-Gewinn-Verhältnisse, zu einer Ausweitung der CDS-Spreads sowie zu einer Ausweitung anderer Spreads kommen“, sagt De Luca. CDS, also Credit Default Swaps, sind Finanzderivate, die als Versicherung gegen den Ausfall eines Kreditnehmers dienen. Sollten Befürchtungen aufkommen, dass die KI-Blase platzen könnte, dürften sich die CDS-Spreads ausweiten, da der Markt dann höhere Prämien für Versicherungen gegen einen Ausfall des Kreditnehmers verlangen würde.

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