Deutsche Aktien: Chancen auf einen stärkeren Jahresausklang 2026

Attraktive Bewertungen und KI-Investitionen bieten deutschen Aktien Luft nach oben im Schlussquartal, aber Energiepreise und Zinsen bleiben Risiken.

Graifk mit Kerzendiagramm für Aktienmarkt und deutsche Flagge

Wichtigste Erkenntnisse

  • Deutsche Aktien hinken vielen europäischen Märkten hinterher und 25 der 54 von Morningstar untersuchten Titel sind unterbewertet.
  • Infrastruktur und KI-Investitionen eröffnen Chancen; eine Konjunkturerholung könnte die Kurse stützen.
  • Hohe Energiepreise und mögliche weitere Zinserhöhungen belasten jedoch den Ausblick.

Der jüngste Rücksetzer drückt die Performance deutscher Aktien im Jahresverlauf 2026 nach unten. Für ein stärkeres viertes Quartal sprechen attraktive Einzelbewertungen und Investitionen in Infrastruktur, Elektrifizierung und künstliche Intelligenz.

„Wir sind für das vierte Quartal weiter zuversichtlich für deutsche Aktien. Die Stabilisierung der Wirtschaft hierzulande, die verbesserten Frühindikatoren und die zunehmende Sichtbarkeit der Infrastruktur- und Investitionsprogramme sollten das Sentiment gegenüber Deutschland weiter unterstützen“, sagt Sabrina Reeh, Aktienfondsmanagerin bei der DWS.

Gleichzeitig bleiben deutsche Aktien im internationalen Vergleich ihrer Einschätzung nach attraktiv bewertet; viele internationale Investoren seien zudem nach wie vor untergewichtet bei deutschen Aktien. Zuletzt habe der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit vieler Anleger auf den politischen Debatten und nicht auf den sich verbessernden Fundamentaldaten gelegen.

Deutsche Aktien weiterhin unterbewertet

Laut den Morningstar-Analysten ist zurzeit knapp die Hälfte der von ihnen abgedeckten deutschen Aktien unterbewertet: Dies gilt für 25 der aktuell 54 durch Morningstar untersuchten deutschen Aktien. Rheinmetall RHM, Zalando ZAL und SAP SAP stufen die Analysten als besonders stark unterbewertet ein. Sie werden zurzeit im 5-Sterne-Bereich gehandelt und zählen damit zu den am attraktivsten bewerteten Titeln innerhalb dieser Auswahl.

Diese Einschätzung bezieht sich auf den Abstand zwischen Aktienkurs und geschätztem fairem Wert unter Berücksichtigung der Bewertungsunsicherheit. Sie signalisiert langfristiges Renditepotenzial, ist aber keine Prognose für die Kursentwicklung im vierten Quartal.

Rheinmetall RHM

SAP SAP

Zalando ZAL

Deutsche Aktien im europäischen Vergleich schwach

Die bisherige Kursbilanz deutscher Aktien fällt vergleichsweise verhalten aus. So legte der Morningstar Germany Index seit Jahresbeginn rund 3,8 Prozent zu – denn auf die Sommerrallye folgte im September ein Rückgang von über 5 Prozent.

Damit startet der heimische Markt im europäischen Vergleich schwach ins Schlussquartal. Der Morningstar Europe Index gewann bis Ende September 10,7 Prozent. Besonders stark entwickelte sich der Aktienmarkt in den Niederlanden mit einem Plus von 32,4 Prozent. Auch Spanien und Italien lagen mit Zuwächsen von 17,8 beziehungsweise 16,4 Prozent weit vor Deutschland.

Die Zahlen spiegeln die widersprüchlichen Kräfte wider, die den deutschen Markt prägen. Infrastrukturprogramme und Investitionen in neue Technologien eröffnen Unternehmen zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten. Gleichzeitig belasten hohe Energiekosten, gestiegene Anleiherenditen und Zweifel an der politischen Umsetzung von Reformen die Erwartungen.

„Die Aktienmärkte, sowohl in Deutschland als auch global, bewegen sich derzeit in einem ausgeprägten Spannungsfeld aus greifbaren Belastungsfaktoren und Unsicherheiten auf der einen Seite und fundamental unterstützten Hoffnungen auf der anderen“, sagt Thomas Kulp, Aktienstratege im DZ Bank Research.

Zuletzt hätten bei den deutschen Indizes die Belastungen überwogen. Kulp verweist insbesondere auf Sorgen vor dauerhaft erhöhten Rohölpreisen, möglichen Energieengpässen und weiteren Leitzinsanhebungen, auch der Europäischen Zentralbank. Hinzu komme eine möglicherweise nachlassende Entschlossenheit bei den Reformvorhaben der Bundesregierung nach den jüngsten Landtagswahlen.

Für deutsche Aktien ist dabei entscheidend, dass sich die heimische Konjunktur und die Geschäftsentwicklung der börsennotierten Unternehmen nicht gleichsetzen lassen. Viele DAX-Konzerne sind international tätig und erzielen rund 80 Prozent ihrer Umsätze im Ausland.

„Die Stabilisierung der deutschen Wirtschaft dürfte vor allem das Sentiment und die Bewertungen deutscher Aktien stützen, während viele DAX-Konzerne gleichzeitig vom globalen Wachstum und steigenden Investitionen profitieren”, erklärt Reeh von der DWS. Sie setzt klare Schwerpunkte: „Besonders interessant erscheinen uns derzeit Infrastruktur, Elektrifizierung, Automatisierung, Rechenzentren und ausgewählte Finanzwerte“, so Reeh.

Denn der Ausbau von Rechenzentren benötigt Stromversorgung, technische Ausrüstung und Infrastruktur. Davon können auch deutsche Industrieunternehmen profitieren.

„Vorsichtiger bleiben wir bei stärker konsumabhängigen Geschäftsmodellen sowie in Teilen der Automobil- und Chemieindustrie, wo die Entwicklung der globalen Nachfrage und der Wettbewerbsdruck wichtige Einflussfaktoren bleiben“, sagt Reeh. Für Anleger kommt es deshalb darauf an, günstige Bewertungen gemeinsam mit den jeweiligen Gewinnaussichten zu betrachten.

Kulp von der DZ Bank betont, dass Investoren das Thema KI nicht mehr als Selbstläufer betrachten. „Allerdings konnten die direkt und indirekt beteiligten Unternehmen in den vergangenen Quartalen überwiegend mit robusten Zahlen überzeugen. Zudem profitieren von den fortschreitenden Investitionen der großen Technologiekonzerne Aktienunternehmen außerhalb der Branche und weit über die Grenzen der USA hinaus. Dies gilt auch für Unternehmen aus Deutschland“, so der Aktienstratege. Am Jahresende sieht die DZ Bank den DAX bei 27.500 Punkten, verglichen mit einem Schlussstand von rund 25.199 Punkten am 30. September.

Robuste Konjunktur stützt Hoffnung für den Jahresausklang

Für den Jahresausklang setzen die befragten Marktbeobachter auf eine widerstandsfähige Wirtschaft. Allianz Global Investors erwartet in seinem Ausblick für das vierte Quartal eine stärkere globale Dynamik: Die USA gewännen von einer soliden Ausgangsbasis aus wieder an Fahrt, Europa entwickle sich besser als erwartet und China könne eine Erholung beginnen. Unternehmensgewinne und Investitionen sollen die Entwicklung stützen.

Eine Hürde bleibt die Inflation, die weitere Zinserhöhungen erforderlich machen könnte. AllianzGI erwartet sowohl von der Europäischen Zentralbank als auch von der US-Notenbank vor Jahresende eine weitere Zinserhöhung um jeweils 25 Basispunkte. Höhere Zinsen verteuern die Finanzierung und können Aktienbewertungen unter Druck setzen.

Kulp rechnet mit moderat nachlassenden Rohölpreisen und insgesamt rückläufigen Anleiherenditen. Sinkende Anleiherenditen und weitere Leitzinserhöhungen schließen sich allerdings nicht grundsätzlich aus: Langfristige Marktzinsen können sinken, wenn Anleger weniger Inflationsdruck erwarten, auch während Zentralbanken ihre Leitzinsen erhöhen. Für Aktien wäre eine solche Entspannung stützend.

Der Autor/Autorin oder die Autoren besitzen keine Aktien der in diesem Artikel erwähnten Wertpapiere. Informieren Sie sich hier Redaktions-Richtlinien von Morningstar.