Die wichtigsten Erkenntnisse
- Europas Infrastruktur steht vor einem milliardenschweren Investitionszyklus in den Bereichen Energie, Digital und Verkehr.
- Energieinfrastruktur bleibt aus Sicht des Fondsmanagers der größte Wachstumsmarkt, gefolgt von digitaler Infrastruktur.
- Infrastruktur kann Anlegern langfristig stabile Cashflows und Diversifikation von Aktien- und Anleihemärkten bieten.
Der Investitionsbedarf in Europas Infrastruktur ist hoch. Allein für die Energiewende und den Ausbau der Künstlichen Intelligenz werden in den nächsten Jahren Milliardensummen benötigt. Peter Brodehser, Fondsmanager des DWS Infrastruktur Europa, erläutert im Interview, welche Bereiche aus seiner Sicht die größten Chancen bieten, warum viele Projekte trotz des reichlich vorhandenen Kapitals nur langsam vorankommen und welche Rolle Infrastruktur im Portfolio von Privatanlegern spielen könnte.
Der DWS Infrastruktur Europa wurde im April 2023 aufgelegt und investiert direkt in europäische Infrastrukturprojekte.
DWS Infrastruktur Europa
- Fondsgröße: 505 Millionen Euro
- Morningstar Kategorie: Infrastructure Direct
- Laufende Kosten: 1,55 %
- Ausgabeaufschlag: bis zu 5 %
- Morningstar Rating: None
- 12-Monats-Rendite: 4,15%
- Auflagedatum: April 2023
Infrastruktur: Die Deal-Pipeline ist prall gefüllt
Antje Schiffler: Deutschland und Europa wollen in den nächsten Jahren Hunderte Milliarden Euro in Infrastruktur investieren. Erleben wir bereits einen Investitionsboom?
Peter Brodehser: Die Investitionstätigkeit läuft auf Hochtouren. Jeden Tag werden neue Gelder eingeworben, und die Deal-Pipeline ist prall gefüllt. Sowohl auf der Projekt- als auch auf der Investorenseite ist derzeit viel Bewegung. Die Herausforderung besteht weniger darin, Kapital zu finden, sondern vielmehr darin, Projekte zügig zur Investitionsreife zu bringen.
Vor einigen Jahren noch war Infrastruktur vor allem eine unternehmerische Entscheidung. Ein Energieversorger baute ein Kraftwerk, ein Bauunternehmen errichtete eine Straße. Das war kaum ein Thema außerhalb der Wirtschaft.
Heute hat Infrastruktur eine ganz andere Bedeutung. Sie ist zu einem Element der Geopolitik geworden. Wirtschaftliche Stärke entscheidet über geopolitische Handlungsfähigkeit. Gerade in einer Welt, die zunehmend von den Machtblöcken USA und China geprägt wird, braucht Europa eine leistungsfähige Infrastruktur, um wirtschaftlich unabhängig und wettbewerbsfähig zu bleiben. Infrastruktur ist damit weit mehr als Beton und Stahl – sie ist eine Voraussetzung für Europas wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und strategische Handlungsfähigkeit.
Energieinfrastruktur bietet die meisten Chancen
Schiffler: Welche Bereiche bieten vor diesem geopolitischen Hintergrund denn die größten Investitionschancen?
Brodehser: Ganz klar die Energieinfrastruktur. Mit dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wurde vielen bewusst, wie abhängig Europa von Energieimporten ist. Erneuerbare Energien sind deshalb heute nicht mehr nur ein Instrument des Klimaschutzes. Sie sind vor allem ein Baustein der Versorgungssicherheit.
Früher stand bei Wind- und Solarparks häufig die Reduzierung des CO₂-Ausstoßes im Vordergrund. Heute geht es genauso darum, Strom im eigenen Land zu erzeugen und dadurch unabhängiger von geopolitischen Risiken zu werden. Das verändert die politische Priorität erheblich. Ob Strom, Wärme oder Energie für die Industrie und den Bürger – Versorgungssicherheit ist inzwischen ein zentrales innenpolitisches Thema.
KI treibt Investitionen in Datenleitungen, Rechenzentren und Strom
Schiffler: Infrastruktur umfasst aber deutlich mehr als Energie. Welche Rolle spielen Digitalisierung und KI oder Verkehrsinfrastruktur?
Brodehser: Wir unterscheiden grundsätzlich vier Bereiche: Energie, digitale Infrastruktur, Verkehrsinfrastruktur und soziale Infrastruktur wie Schulen oder Krankenhäuser.
Der größte Wachstumsmarkt bleibt eindeutig Energie. Dabei geht es längst nicht nur um Wind- und Solarparks. Genauso wichtig sind aber auch Stromnetze, Verteilnetze und Batteriespeicher. Ohne diese Infrastruktur lässt sich die Energiewende gar nicht umsetzen.
An zweiter Stelle steht die digitale Infrastruktur. Künstliche Intelligenz wird den Bedarf an Rechenzentren, Glasfasernetzen und vor allem an Strom massiv erhöhen. KI braucht schnelle Datenleitungen, leistungsfähige Rechenzentren und enorme Mengen Energie. Deshalb verstärken sich die beiden Megatrends Digitalisierung und Energie gegenseitig.
Schiffler: Viele Anleger verbinden Infrastrukturprogramme auch mit dem Ausbau von Schienen, Straßen oder Brücken. Wie erleben Sie diese Segmente?
Brodehser: Das sind attraktive Märkte, aber sie entwickeln sich deutlich weniger dynamisch. Im Bereich Verkehrsinfrastruktur sprechen wir eher von einem stabilen Grundrauschen. Es entstehen kontinuierlich neue Projekte – Autobahnen werden saniert, Brücken modernisiert oder neue Verkehrswege gebaut –, aber dort erleben wir keine vergleichbare Wachstumsdynamik wie im Energie- oder Digitalbereich.
Schiffler: Gehen wir noch einmal zurück zu den Investitionsvolumina, von denen Sie eingangs sprachen. Wenn so viel Kapital investiert werden möchte, woran scheitert es dann, dass Projekte schneller realisiert werden?
Warum Kapital und investierbare Projekte schwer zusammenfinden
Brodehser: Weil Kapital und Projekte häufig nicht zusammenfinden. Auf der einen Seite sehen wir einen enormen Investitionsbedarf, auf der anderen Seite große Mengen an privatem Kapital, die investiert werden wollen. Kapital ist grundsätzlich genügend vorhanden. Die Herausforderung besteht darin, Kapital und investierbare Projekte zusammenzubringen.
Politik und Verwaltung sagen häufig: Infrastruktur ist wichtig, deshalb sollen Investoren investieren. Aber kein Investor legt Geld an, weil ein Projekt politisch wünschenswert ist. Entscheidend ist, ob sich eine Investition wirtschaftlich rechnet. Dafür braucht es attraktive Renditen, regulatorische Stabilität und verlässliche Rahmenbedingungen.
Genau dort liegen die größten Herausforderungen. Genehmigungsverfahren dauern oft viele Jahre. In dieser Zeit steigen Baukosten, Finanzierungsaufwand und Planungsrisiken. Das schmälert die Attraktivität vieler Projekte. Gleichzeitig müssen Investoren darauf vertrauen können, dass sich regulatorische Vorgaben oder Vergütungsmodelle während der oft jahrzehntelangen Laufzeit nicht grundlegend ändern. Erst wenn Projekte planbar und wirtschaftlich kalkulierbar sind, fließt privates Kapital in großem Umfang.
Schiffler: Welche Rolle könnten Privatanleger künftig spielen? Bislang stammt der Großteil des Kapitals ja noch von institutionellen Investoren.
Infrastruktur als Anlageklasse für Privatinvestoren?
Brodehser: Das stimmt. Heute kommen geschätzt deutlich über 90 Prozent der Infrastrukturinvestitionen von Versicherungen, Pensionskassen oder anderen institutionellen Anlegern. Privatanleger spielen bislang nur eine untergeordnete Rolle.
Ich bin allerdings überzeugt, dass sich das in den kommenden zehn Jahren stark verändern wird. Infrastruktur wird sich als eigenständige Anlageklasse auch bei Privatanlegern etablieren. Dafür müssen aber zunächst viele Berater mit dieser Anlageform vertraut werden: Wer Aktien verkauft, erklärt ein Unternehmen. Wer Infrastruktur verkauft, muss plötzlich erläutern können, wie ein Windpark Geld verdient, wie ein Stromabnahmevertrag funktioniert oder warum Netzinfrastruktur stabile Erträge erwirtschaftet. Das ist für viele Berater eine völlig neue Welt. Dafür braucht es zunächst viel Aufklärung und Erfahrung.
Schiffler: Welche Möglichkeiten haben Privatanleger überhaupt, in Infrastruktur zu investieren?
Brodehser: Grundsätzlich gibt es mehrere Wege. Die direkteste Form wäre, sich unmittelbar an einem Infrastrukturprojekt zu beteiligen, etwa an einem Wind- oder Solarpark. Das setzt allerdings sehr hohe Investitionssummen voraus und ist deshalb in der Praxis meist Family Offices oder institutionellen Investoren vorbehalten.
Für Privatanleger sind Fonds die deutlich praktikablere Lösung. Sie ermöglichen den Zugang zu einem breit diversifizierten Infrastrukturportfolio, das beispielsweise erneuerbare Energien, Stromnetze oder digitale Infrastruktur umfasst.
Daneben können Anleger auch börsennotiert investieren – etwa über Fonds, die in Aktien einzelner Infrastrukturunternehmen investieren wie beispielsweise liquide Sachwertefonds – oder über entsprechende ETFs. Das ist allerdings etwas anderes als eine Direktinvestition in Infrastrukturprojekte. Wer Aktien eines Bau- oder Versorgungsunternehmens kauft, investiert in ein Unternehmen und dessen Geschäftsentwicklung. Die Wertentwicklung hängt damit deutlich stärker von der Entwicklung des breiteren Aktienmarktes ab.
Bei einem Infrastrukturfonds, der nicht in Aktien, sondern direkt in einzelne Infrastrukturprojekte investiert, stehen dagegen die zugrunde liegenden Projekte mit ihren langfristigen Cashflows im Mittelpunkt.
Schiffler: Was genau spricht aus Ihrer Sicht für Infrastruktur – jenseits von Aktien und Aktien-ETFs – als eigene Anlageklasse im Portfolio?
Brodehser: Infrastruktur deckt die Grundbedürfnisse von Menschen ab. Strom, Wärme, Telekommunikation oder Verkehr werden unabhängig von der Konjunktur benötigt. Die Nachfrage bleibt auch dann hoch, wenn die Preise steigen.
Ich sage es gerne etwas salopp: “Ich verzichte lieber auf einen Restaurantbesuch, als dass ich zu Hause das Licht ausschalte.” Genau daraus entstehen die stabilen Cashflows vieler Infrastrukturprojekte.
Hinzu kommt, dass Infrastruktur deutlich geringer mit Aktien- und Anleihemärkten korreliert als klassische Anlageklassen. Während an den Börsen Krisen häufig zu starken Kursschwankungen führen, verändern sich die Erträge eines Windparks oder einer Stromleitung dadurch zunächst kaum. Die Anlagen liefern ihre Leistungen unabhängig davon, wie sich die Finanzmärkte oder Geopolitik entwickeln.
Wo sind die Risiken bei Infrastruktur-Investments?
Schiffler: Aber das birgt auch Risiken für Anleger, schließlich müssen Anleger eine geringere Liquidität und politische Risiken in Kauf nehmen. Anleger müssen bei Infrastrukturinvestments häufig mehrere Monate, teilweise sogar ein Jahr, auf die Rückgabe ihres Geldes warten.
Brodehser: Genau deshalb sollte Infrastruktur ein Baustein eines Portfolios sein – aber niemals das gesamte Portfolio ausmachen. Wer kurzfristig Liquidität benötigt, für den ist das nicht das richtige.
Für langfristig orientierte Anleger kann Infrastruktur dagegen einen wichtigen Stabilitätsanker bilden. Sie bietet die Chance auf attraktive laufende Erträge und eine geringere Abhängigkeit von den Schwankungen an den Kapitalmärkten.
Schiffler: Welcher Bereich im Anlageuniversum wird Ihrer Ansicht nach derzeit am stärksten unterschätzt?
Brodehser: Ganz klar die Energieinfrastruktur – und zwar nicht die Wind- oder Solarparks selbst, sondern die Netze und Speicher.
Heute stammen erst rund 20 Prozent unserer gesamten Energieproduktion in Europa aus erneuerbaren Quellen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir den überwiegenden Teil unserer Energieversorgung in den kommenden Jahren noch umbauen müssen. Wir stehen deshalb erst am Anfang eines riesigen Investitionszyklus.
Viele denken bei der Energiewende zuerst an Windräder oder Solaranlagen. Mindestens genauso wichtig sind aber Stromübertragungsnetze, regionale Verteilnetze und Batteriespeicher. Ohne diese Infrastruktur funktioniert der gesamte Umbau des Energiesystems nicht. Branchenkenner wissen das längst – außerhalb der Branche wird dieses Potenzial dagegen häufig unterschätzt.
Schiffler: Sie haben Infrastruktur als besonders widerstandsfähige Anlageklasse beschrieben. Gleichzeitig hängen viele Projekte von regulatorischen Vorgaben und langfristigen Verträgen ab. Wie robust ist dieses Geschäftsmodell tatsächlich – und wo liegen seine Grenzen?
Brodehser: Infrastruktur gehört zu den resilientesten Anlageklassen überhaupt. Das heißt aber nicht, dass sie frei von Risiken ist. Liquiditätsrisiken etwa, sind auch hier ein Teil des Spiels. Entscheidend sind verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen und langfristig kalkulierbare Einnahmen. Dort, wo diese Voraussetzungen gegeben sind, bleiben die Erträge vieler Projekte auch dann stabil, wenn geopolitische Ereignisse oder Börsenturbulenzen die Finanzmärkte belasten.
Deshalb habe ich einmal gesagt: „Einem Einspeisetarif ist es egal, ob die Straße von Hormus dicht ist.“ Das bringt den Gedanken ganz gut auf den Punkt. Solange die regulatorischen Rahmenbedingungen Bestand haben, laufen viele Infrastrukturprojekte unabhängig von kurzfristigen geopolitischen Entwicklungen weiter. Genau diese Stabilität schätzen Investoren.

