Chemieaktien erleben unerwarteten Boom durch Irankrieg. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Kauf?

Iran-Konflikt und daraus resultierende Versorgungsengpässe im Nahen Osten und in Asien führen zu Kursanstieg bei europäischen Chemieaktien

Das BASF-Logo auf Flaggen.
Bildagentur-online/Schoening via Getty

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Europäische Chemieaktien profitieren von einer höheren Nachfrage, während ihre asiatischen Konkurrenten mit Lieferengpässen zu kämpfen haben.
  • Der Iran-Konflikt hat die Produktion im Nahen Osten und in Asien beeinträchtigt und damit die Preissetzungsmacht europäischer Unternehmen gestärkt.
  • Zwar gibt es in diesem Sektor unterbewertete Aktien, doch hängen die langfristigen Aussichten von der Dauer der Störungen in der Straße von Hormus ab, wobei höhere Kosten für Energie den Sektor voraussichtlich belasten werden.

Der Iran-Konflikt löste eine überraschende Kursrallye bei europäischen Chemieaktien aus, weil sich Produktionsausfälle im Nahen Osten und in Asien sich als Wettbewerbsvorteil erweisen. Die knapper werdenden Lieferungen aus dem Nahen Osten, einem globalen Dreh- und Angelpunkt für Grundchemikalien, streigerten die Nachfrage nach bestimmten Produkten aus Europa, während Produktionsausfälle bei asiatischen Wettbewerbern die Preissetzungsmacht europäischer Unternehmen stärkt.

„Ein Großteil der Produktionskapazitäten im Nahen Osten wird auf kurze Sicht stillgelegt bleiben, da die Produktion von Flüssigerdgas – dem Ausgangsstoff für die Grundbausteine Ethylen und Propylen – weiterhin rückläufig ist“, sagt Seth Goldstein, Senior Analyst bei Morningstar.

Die Sperrung der Straße von Hormus und akute Versorgungsengpässe führten seit Kriegsbeginn zu mehr als 40 Fällen höherer Gewalt, vor allem in Asien, was zu einer deutlichen Ausweitung der Spreads, also der Preisunterschiede zwischen den Regionen, führte.

Das gab einigen europäischen Chemieunternehmen Auftrieb. Die Aktien von Evonik (EVK) stiegen in diesem Jahr bislang um rund 31 %, die Titel von BASF (BAS), Arkema (AKE) und Brenntag (BNR) legten aufgrund verbesserter Gewinnerwartungen um rund 20 % zu. Das folgt auf eine schwierige Phase für die Branche – der Morningstar Developed Markets Europe Chemicals Index blieb in den letzten 12 Monaten hinter dem Gesamtmarkt zurück und verlor in Euro gerechnet rund 3 %.

„Asiatische Lieferanten sind aufgrund der aktuellen Lage mit zunehmenden Störungen und Lieferengpässen konfrontiert“, sagt Sabrina Reeh, Senior-Portfoliomanagerin bei DWS. „Das ermöglicht es europäischen Chemieunternehmen, ihre Preise stärker anzuheben, in einigen Bereichen sogar erheblich.“

Europäische Chemieaktien profitieren von Schwierigkeiten ihrer asiatischen Konkurrenten

Analysten von Citi heben die deutschen Chemiekonzerne BASF und Evonik als „potenzielle Nutznießer“ dieser Marktveränderungen hervor und fügen hinzu, dass die Preisentwicklung im April „entscheidend“ dafür sein wird, ob sich die Lieferengpässe in Asien in besseren Nettopreisen in Europa niederschlagen.

„BASF könnte von Versorgungsengpässen in Asien profitieren, was wiederum die Margen im vorgelagerten Bereich stützen und die Kapazitätsauslastung in Europa verbessern würde“, so die Analysten. Das Unternehmen hat bereits Preiserhöhungen von bis zu 30 % für seine Haushalts-, Industrie- und Objektreinigungsprodukte angekündigt.

„Unserer Ansicht nach unterschätzt der Markt das Ausmaß des Gewinnschubs, der sich voraussichtlich aus den höheren Spreads ergeben wird, die durch Versorgungsengpässe infolge der Sperrung der Straße von Hormus verursacht werden“, sagt Citi-Analyst Sebastian Satz über BASF. „Die starke Entwicklung im zweiten Quartal dürfte einen lang erwarteten Wendepunkt bei den Gewinnen markieren.“

Der Analyst hebt Evonik aufgrund seiner „übermäßig günstigen Bewertung“ und seines „attraktiven Risiko-Ertrags-Profils“ hervor und fügt hinzu, die Aktie könnte profitieren von der Verknappung des Rohstoffs Methionin – einer essentiellen Aminosäure – in Asien sowie von erheblichen Spread-Anstiegen bei asiatischem Butadien, das zur Herstellung von Kautschuk verwendet wird.

Air Liquide Al, ein wichtiger Lieferant von Helium unter anderem für Halbleiter- und Produkte im Gesundheitswesen, dürfte laut Morningstar-Aktienanalyst Krzysztof Smalec ebenfalls von höheren Preisen profitieren. Der deutsche Chemiedistributor Brenntag könnte seinerseits von „Arbitragemöglichkeiten“ profitieren, sollten die Preisunterschiede zwischen den wichtigsten Regionen bestehen bleiben, so Michael Schaefer, Senior Equity Research Analyst bei Oddo BHF.

Unsicherheit über langfristige Aussichten bleibt

Analysten warnen jedoch davor, dass das Ausmaß des Aufschwungs europäischer Chemieaktien von der Dauer der Unterbrechung in der Straße von Hormus und von der Reaktion konkurrierender Hersteller abhängt. Die Veröffentlichung der BASF-Ergebnisse für das erste Quartal am 30. April geben einen ersten Einblick in die Auswirkungen des Krieges auf die europäischen Chemieunternehmen und den allgemeinen Druck auf die Branche.

„Die Preiselastizität der Nachfrage in den jeweiligen Regionen ist nach wie vor die große Unbekannte im aktuellen Konflikt“, sagt Schaefer von Oddo BHF. „Je länger der Konflikt dauert, desto geringer ist der Importdruck in Europa von asiatischen Produzenten."

Chemieaktien stehen vor erheblichen globalen Risiken

Laut Reeh könnte ein anhaltender Konflikt einige Importeure dazu veranlassen, anfällige Lieferketten zugunsten Europas neu zu bewerten. „Kunden wären dann möglicherweise eher bereit, einen höheren Preis zu zahlen, wenn das eine größere Versorgungssicherheit bedeuten würde. Langfristig hätte dies positive Auswirkungen für die europäischen Hersteller.“

Dennoch bleiben Fragen hinsichtlich der weiterreichenden Auswirkungen des Krieges offen, da ein langwieriger Konflikt, anhaltend hohe Energiepreise und ein gedämpftes globales Wachstum die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven europäischen Chemieunternehmen langfristig belasten dürften.

„Es bleibt unklar, inwieweit sich die Unruhen im Nahen Osten in breit angelegten Gewinnen für diversifizierte europäische Chemieunternehmen niederschlagen werden, und die Risiken einer Stagflation dürfen nicht außer Acht gelassen werden, sollte die Straße von Hormus über einen längeren Zeitraum geschlossen bleiben“, stellt Citi fest.

Antje Schiffler hat zu diesem Artikel beigetragen.

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