Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Märkte rechnen bei der Sitzung der EZB am 30. April nicht mit einer Zinserhöhung. Präsidentin Christine Lagarde zufolge sind weitere Informationen erforderlich, bevor eine Änderung der Geldpolitik erfolgen kann.
- Für 2026 sind nun zwei Zinserhöhungen eingepreist, da davon ausgegangen wird, dass sich die höheren Energiekosten auf die Gesamt- und Kerninflation auswirken werden.
- Die Energiepreise dürften die Inflation in den kommenden Monaten nach oben treiben, auch wenn die volle Wirkung erst mit einer gewissen Verzögerung eintreten wird.
Eine weitere Zinspause scheint das wahrscheinlichste Szenario für die Sitzung der Europäischen Zentralbank am 30. April zu sein, auch wenn steigende Öl- und Gaspreise die Inflationsaussichten überschatten und die nächsten Schritte der geldpolitischen Entscheidungsträger erschweren.
Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs sind die Energiepreise in die Höhe geschossen, was zu einer drastischen Verschiebung der Markterwartungen geführt hat. Märkte, die vor dem Energieschock eher von einer möglichen Zinssenkung ausgegangen waren, preisen nun zwei Zinserhöhungen bis Ende 2026 ein. Zinsfutures – Derivate, mit denen Anleger Erwartungen hinsichtlich künftiger Zinssätze handeln – deuten derzeit auf zwei Erhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr hin, wobei die erste für Juni erwartet wird.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat den vorherrschenden Abwarte-Konsens noch bekräftigt. In ihrer Rede am 20. April in Berlin betonte sie, dass die Geldpolitiker noch mehr Klarheit benötigen, bevor sie die Zinsen anpassen, insbesondere hinsichtlich der Dauer des Energieschocks und der Frage, ob höhere Kosten zu einer breiteren Inflation führen werden. Die entscheidende Frage sei, wohin der Pfad führe, auf dem wir uns befinden. Damit bezog sich sich auf die drei Szenarien der EZB für die Energiepreise Bezug nahm, und fügte hinzu, dass die Eurozone noch nicht eindeutig in das adverse Szenario gedrängt worden sei.
„Eine Beibehaltung des Zinsniveaus ist das wahrscheinlichste kurzfristige Ergebnis, während die Entscheidungsträger die eingehenden Daten bewerten“, sagt Michael Field, Chefstratege für europäische Märkte bei Morningstar. „Das Umfeld hat sich eindeutig verändert, aber die EZB muss noch feststellen, ob es sich um einen vorübergehenden Energiepreisanstieg oder um etwas Dauerhafteres handelt. Sollte sich der Anstieg der Energiepreise als nachhaltig erweisen, würde dies letztendlich eine geldpolitische Reaktion erfordern. Das Hauptrisiko liegt in den Zweitrundeneffekten, da Unternehmen beginnen, höhere Energiekosten an die Verbraucher weiterzugeben.“
Die Entscheidung der EZB wird am selben Tag wie die nächste geldpolitische Ankündigung der Bank of England erfolgen, während Eurostat sowohl die Schnellschätzungen zum BIP-Wachstum im ersten Quartal als auch die Inflationszahlen für den Euroraum im April veröffentlichen wird. Die jüngsten endgültigen Daten von Eurostat zeigten eine jährliche Inflationsrate von 2,6 % im März, nach 1,9 % im Februar.
Was sind die wichtigsten EZB-Zinssätze?
Die erste Zinssenkung der EZB erfolgte im Juni 2024, und insgesamt acht Zinssenkungen haben den Einlagensatz von 4,00 % auf das aktuelle Niveau von 2,00 % gesenkt. Seit dem 11. Juni 2025 liegen die drei Leitzinsen der EZB bei:
- Einlagensatz: 2,00 %
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,15 %
- Spitzenrefinanzierungssatz: 2,40 %
Was ist von der EZB-Sitzung am 30. April zu erwarten?
„Die Märkte werden genau auf die Formulierungen der geldpolitischen Erklärung achten“, fügt Field von Morningstar hinzu. Eine Bekräftigung der datenabhängigen, von Sitzung zu Sitzung neu bewerteten Haltung der EZB – und der Tatsache, dass sie die Entwicklungen genau beobachtet – würde die Anleger wahrscheinlich beruhigen. „Aber jeder Hinweis darauf, dass die EZB eine eher strukturelle Veränderung des Umfelds sieht und möglicherweise handeln muss, würde wahrscheinlich eine Marktreaktion auslösen“, sagt er.
„Die EZB sollte keine Eile oder Panik bei der Anhebung der Zinsen zeigen, wird aber definitiv den Eindruck vermitteln wollen, bei Bedarf entschlossen zu handeln“, sagt Carsten Brzeski, globaler Leiter der Makroökonomie bei ING, und fügt hinzu, dass er deshalb davon ausgeht, dass die EZB am Donnerstag mindestens eine Zinserhöhung signalisieren wird. Die Bank befinde sich praktisch „wieder im Krisenmodus“ und wechsle zu einem reaktiveren, datengesteuerten Ansatz, sagt er.
„Wir erwarten weiterhin keine Zinserhöhung bei der kommenden Sitzung des EZB-Rats. Dafür gibt es schlicht zu wenig neue Daten. “, sagt Martin Moryson, Global Head of Economics bei der DWS. Die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus mache die Lage nur noch komplexer.
Wird die EZB die Zinsen im Jahr 2026 anheben?
Über den April hinaus seien Zinserhöhungen wahrscheinlich, sagt Moryson. Er hält zwei Erhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte für möglich. „Die Evidenz nimmt zu, dass die EZB reagieren muss, wenn der Preisdruck anhält“, sagt er. „Die weiteren Zinsschritte 2026 hängen vollständig von der Datenlage ab: vom Ölpreis, den Gaspreisen, den Inflationserwartungen und von der Kerninflation. Die EZB wird sich nicht vorab festlegen. Ihre Aufgabe ist es aktuell vor allem, Erwartungen zu managen und klar zu kommunizieren: wachsam, datenabhängig und handlungsbereit.“
Brzeski von ING hebt zudem einen wesentlichen Unterschied zu 2022 hervor, als Russlands groß angelegter Einmarsch in die Ukraine ebenfalls die Energiepreise und die Inflation in die Höhe trieb: Die Verbraucher sind heute weitaus weniger ausgabefreudig, was die inflationären Auswirkungen höherer Energiepreise begrenzen dürfte, aber das Wachstum stärker belasten könnte. Stimmungsindikatoren deuten bereits auf eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik hin. Der ifo-Index etwa zeigt, dass der Krieg im Iran die deutsche Wirtschaft ausbremsen wird.
Auch die Währungsdynamik unterscheidet sich. Im Jahr 2022 verstärkte eine starke Abwertung des Euro die importierte Inflation. Heute biete ein stärkerer Euro den europäischen Verbrauchern zumindest ein gewisses Polster, so Brzeski.
Neuberger Berman geht davon aus, dass die EZB die Zinsen im April unverändert lassen und die Märkte im Vorfeld des Juni auf die Daten hinweisen wird, darunter die tatsächliche Inflationsrate, die Lohnentwicklung und die Rohstoffpreise. Eine Zinserhöhung könnte möglich werden, wenn sich die Kerninflation bei etwa 2,5 % stabilisiert und das Wachstum anhält, was jedoch weiterhin ungewiss ist, so das Unternehmen in einer Mitteilung. „Sollte sich die Kerninflation bei etwa 2,5 % bestätigen und das Wachstum anhalten, ist eine Zinserhöhung im Juni möglich, doch wir glauben nicht, dass das Wachstum anhalten wird.“
Tatsächlich könnten die Wachstumsrisiken letztendlich überwiegen, da die Wirtschaft der Eurozone anfälliger ist als im Jahr 2022 und die Wachstumsprognosen für 2026 laut den Analysten zwischen 0,8 % und 1,2 % liegen. Die Zentralbank steht vor einem schwierigen Balanceakt zwischen steigenden Inflationsrisiken und nachlassendem Wachstum. Diese Spannung wird durch die Geschichte der EZB mit politischen Fehltritten noch verschärft – sie hat in vergangenen Krisen zu früh und während des Inflationsanstiegs im Jahr 2022 zu spät eine Straffung vorgenommen, so die Analysten.
Die EZB steht zwischen zwei Szenarien
Im Zentrum des Dilemmas der EZB steht die Frage, wie der aktuelle Energieschock zu bewerten ist. Im März führte die Zentralbank einen Rahmen mit drei Szenarien ein – ein Basisszenario, ein adverses Szenario und ein schwerwiegendes Szenario –, die jeweils mit unterschiedlichen Entwicklungspfaden für die Energiepreise verbunden sind.
Bislang scheint sich die Eurozone irgendwo zwischen dem Basisszenario und dem adversen Szenario zu bewegen, wenn auch näher am erstgenannten. Lagarde bekräftigte diese Einschätzung und wies darauf hin, dass die Energiepreise noch nicht stark genug gestiegen sind, um die Wirtschaft vollständig in das ungünstigere Szenario zu treiben.
Diese Einschätzung wird von den Anlegern weitgehend geteilt. Laut Neuberger Berman lassen die aktuellen Daten „die Eurozone zwischen dem Basisszenario und dem Negativszenario ansiedeln, wobei sie näher am Basisszenario liegt“, wobei die Inflation voraussichtlich im Laufe dieses Jahres einen Höchststand von rund 3,5 % erreichen wird und die Kerninflation moderater auf etwa 2,5 % steigen dürfte.
Moryson von DWS stimmt dem zu: „Wir bewegen uns aktuell zunehmend in diesem mittleren Szenario", sagt er. Viel hängt davon ab, wie lange die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben und ob sich die Versorgungsengpässe – insbesondere in der Straße von Hormus – verschärfen.
Wie geht es mit der Inflation in der Eurozone weiter?
„Der eigentliche Anstieg wegen der hohen Energiepreise kommt aber später: Im Spätsommer erwarten wir einen Peak von rund 3,5 Prozent, bevor die Headline-Inflation mit Verzögerung wieder zurückkommt – vor allem durch Basiseffekte.“, sagt Moryson.
DWS geht davon aus, dass die Inflation im April mit rund 2,8 % bis 2,9 % relativ verhalten bleiben wird, wobei saisonale Faktoren den Preisdruck vorübergehend dämpfen dürften. „Kurzfristig können die Inflationsdaten im April noch einmal etwas ruhiger aussehen“, fügt Moryson hinzu und weist darauf hin, dass die Kerninflation stabil bleiben oder sogar leicht nachlassen könnte, da reisebedingte Effekte die Dienstleistungspreise belasten. Die wesentlichen inflationären Auswirkungen der höheren Energiepreise werden erst mit einer gewissen Verzögerung spürbar werden.
Wann sind die nächsten EZB-Sitzungen in 2026?
- 11. Juni 2026
- 23. Juli 2026
- 10. September 2026
- 29. Oktober 2026
- 17. Dezember 2026

