Wichtigste Erkenntnisse
- Die Märkte rechnen mit einer weiteren Zinssenkung in diesem Jahr.
- Die Geldpolitiker verweisen auf das unsichere Umfeld und den starken Euro.
- Die Inflationsphase ist laut EZB vorbei.
Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins am Donnerstag unverändert bei 2,00 % belassen und damit ihren im Juni 2024 begonnenen Zinssenkungszyklus – vermutlich vorübergehend – unterbrochen. Die weithin erwartete geldpolitische Entscheidung fällt in eine Phase, in der die Inflation in der Eurozone dank sinkender Energiepreise und einer nachlassenden Dienstleistungsinflation stabil um das Ziel der Zentralbank von 2 % verharrt.
“Der binnenwirtschaftliche Preisdruck hat weiter nachgelassen, und die Löhne steigen langsamer. In einem schwierigen globalen Umfeld hat sich die Wirtschaft bislang insgesamt widerstandsfähig gezeigt, was zum Teil auf die Zinssenkungen des EZB-Rats in der Vergangenheit zurückzuführen ist”, sagte EZB Präsidentin Christine Lagarde. Zugleich sei das Umfeld nach wie vor außergewöhnlich unsicher, vor allem aufgrund von Handelskonflikten.
Die Entscheidung wurde laut Lagarde einstimmig gefällt.
Die Bank gab keine explizite Prognose für die künftige Entwicklung der Zinssätze ab und betonte einmal mehr, die Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses werde von der Datenlage abhängen und von Sitzung zu Sitzung erfolgen.
„Wir sind in einer guten Position, um abzuwarten und zu beobachten. Im September werden wir neue Prognosen vorlegen und die Lage weiterhin von Sitzung zu Sitzung bewerten“, sagte sie auf der Pressekonferenz.
„Wir sind zuversichtlich, dass die Inflationsphase der letzten Jahre nun hinter uns liegt.“
Sind 2 % ein angemessenes Niveau für die Zinsen in der Eurozone?
“Die Zinsentscheidungen der EZB waren ein großer Erfolg. Sie hat im vergangenen Jahr schnell und entschlossen die Zinsen gesenkt, insbesondere im Hinblick auf die jüngste Kritik der aktuellen US-Regierung an der US-Notenbank”, sagt Michael Field, Chefstratege für den europäischen Aktienmarkt bei Morningstar.
“Anleger werden nicht enttäuscht sein, wenn die schrittweisen Senkungen der Zinssätze zum Stillstand kommen. 2 % stellen ein sehr vernünftiges Zinsniveau dar, das Unternehmen in ganz Europa, die in den kommenden Monaten Kredite aufnehmen oder investieren wollen, entgegenkommen dürfte und Aktienmärkte potentiell stützen könnte.”
Wie hoch sind die Leitzinsen der EZB?
Ab dem 11. Juni gelten folgende drei EZB-Leitzinsen:
- Satz der Einlagefazilität: 2,00 %.
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,15%
- Spitzenrefinanzierungsfazilität: 2,40%
Die Entscheidung vom Donnerstag folgt auf eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte im Juni, die die achte Zinssenkung in etwas mehr als einem Jahr darstellte. Die US-Notenbank Fed und die Bank of England entschieden sich im Juni für eine Beibehaltung der Zinsen, während die Schweizerische Nationalbank ihre Zinsen auf 0 % senkte.
Nähert sich der Zinssenkungszyklus der EZB seinem Ende?
Vertreter der EZB hatten die Erwartungen einer baldigen Zinssenkung gedämpft. Da die Desinflation weitgehend wie erwartet verläuft und die Inflationserwartungen gut verankert sind, „sind auch unsere Zinssätze gut positioniert, und die Hürde für eine weitere Zinssenkung ist sehr hoch“, sagte Isabel Schnabel, Vorstandsmitglied der EZB, in einem kürzlich erschienenen Interview mit Econostream Media.
„Eine weitere Zinssenkung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn wir Anzeichen für eine mittelfristige Abweichung der Inflation von unserem Ziel sehen würden“, fügte sie hinzu. „Derzeit sehe ich keine Anzeichen dafür.“
Mark Wall, Chefökonom für Europa bei der Deutschen Bank, sagte, die EZB müsse sich angesichts der hohen Unsicherheit alle Optionen offenhalten. Er wies auch auf die Möglichkeit einer baldigen Zinserhöhung hin.
„Wie Lagarde deutlich signalisiert hat, hat die EZB den Lockerungszyklus im Juli unterbrochen. Die Frage ist, ob es sich um eine kurze oder eine lange Pause handelt. Und könnte dies eine Pause sein, nach der der Leitzins von 2 % schließlich zum Endstand in diesem Lockerungszyklus wird?
„Wenn jedoch die Handelsunsicherheit nachlässt, wird die Kombination aus einer widerstandsfähigen Wirtschaft und einer deutlichen fiskalischen Lockerung letztendlich zu Aufwärtsrisiken für die Inflation führen. Die Märkte sind nicht weit davon entfernt, ihren Fokus von der letzten Zinssenkung auf die erste Zinserhöhung zu verlagern.“
Dave Chappell, Senior Fund Manager bei Columbia Threadneedle, sagte: „Die Tür für eine Lockerung wurde bei der letzten EZB-Sitzung abrupt geschlossen, als Präsidentin Lagarde unmissverständlich erklärte, dass zumindest vorerst das Ziel der Geldpolitik erreicht sei.
Da die Eurozone jedoch weiterhin darum ringt, vor Ablauf der Frist am 1. August eine Form von Handelsabkommen mit den USA zu erzielen, und der Euro seine jüngste Stärke beibehält, scheinen die Risiken für Wachstum und Inflation kurzfristig nach unten zu tendieren, bevor die fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen Deutschlands greifen.
Während die Märkte nur noch eine weitere Zinssenkung um 25 Basispunkte vor Jahresende erwarten, könnte die EZB zu dem Schluss kommen, dass ihr geldpolitisches Ziel nichts weiter als ein kurzer Zwischenhalt ist.“
Wie wirken sich Zinssenkungen auf die Anleger aus?
Die Aktienmärkte tendieren zu einem Anstieg, wenn Zinssenkungen erwartet werden. Auf den Anleihemärkten bedeuten sinkende Zinssätze niedrigere Renditen, was die Anleihekurse nach oben treibt. Niedrigere Zinssätze machen auch bestehende Anleihen, insbesondere solche, die bereits während einer Hochzinsphase ausgegeben wurden, renditemäßig attraktiver.
Gleichzeitig werden die Zinssätze für Sparkonten sinken, was sich auf die Sparer auswirkt. Kreditnehmer hingegen profitieren, da Verbraucherschulden und Hypotheken billiger werden.
Wann finden die nächsten EZB-Sitzungen im Jahr 2025 statt?
- 11. September 2025
- 30. Oktober 2025
- 18. Dezember 2025

