Inflationsausblick für Deutschland und Eurozone: EZB vor Zinserhöhung im September

Analysten erwarten, dass die europäische Inflation aufgrund der hohen Energiepreise weiter steigt. Eine Zinserhöhung der EZB im September gilt als so gut wie sicher.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Die Inflation im Euroraum dürfte im August auf 3,0 Prozent steigen, während für die Kerninflation ein Anstieg auf 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet wird.
  • Ökonomen sehen bislang kaum Anzeichen für Zweitrundeneffekte der hohen Energiepreise, da das Lohnwachstum weiterhin moderat ausfällt.
  • Die Europäische Zentralbank dürfte die Zinsen am 10. September um 0,25 Prozentpunkte anheben.

Die am 1. September anstehenden vorläufigen Daten dürften zeigen, dass die Verbraucherpreise im Euroraum im August 3,0 Prozent höher lagen als ein Jahr zuvor. Das geht aus den Konsensschätzungen von FactSet hervor. Im Juli hatte die endgültige Inflationsrate bei 2,9 Prozent gelegen, wie Eurostat berichtete. Damit würde die Inflation weiterhin über dem mittelfristigen Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent liegen.

Die Kerninflation, bei der schwankungsanfällige Komponenten wie Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet werden, dürfte im August auf 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigen, nach 2,5 Prozent im Juli.

Einige Analysten rechnen mit einem noch stärkeren Anstieg der Inflation. Goldman Sachs Research erwartet für August eine Gesamtinflation von 3,36 Prozent gegenüber dem Vorjahr und eine Kerninflation von 2,55 Prozent. Die Dienstleistungsinflation dürfte im August unverändert bei 3,3 Prozent bleiben. Haupttreiber des erwarteten Anstiegs der Gesamtinflation dürften weiterhin die Energiepreise sein. Hier rechnet die Bank mit einem Anstieg um 14,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 10,3 Prozent im Juli.

Auch die DekaBank liegt mit ihrer Prognose für die Gesamtinflation über dem FactSet-Konsens und erwartet für August einen Anstieg auf 3,3 Prozent. Bei der Kerninflation rechnet sie mit 2,5 Prozent. „Der Haupttreiber in der Gesamtrate sind die gestiegenen Energiepreise. Auch im Dienstleistungssektor bleibt der Auftrieb hartnäckig zu hoch. Das ist aber nicht als Zweitrundeneffekt einzustufen, denn es gibt keine Anzeichen für eine Beschleunigung des Lohnwachstums“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka. Von Zweitrundeneffekten spricht man, wenn höhere Preise zu höheren Löhnen führen, die anschließend weitere Preissteigerungen nach sich ziehen.

„Vielmehr dürften auch in der Dienstleistungsinflation Energiekosten sowie verzögerte Anpassungen implizit enthalten sein und einen großen Teil der weiterhin hohen Inflation erklären“, sagt Schallmayer.

Auch die deutsche Inflation dürfte im August höher ausfallen

Auch die deutsche Inflation wird nach Einschätzung von Goldman Sachs weiter nach oben tendieren. Die jährliche Teuerungsrate dürfte von 2,8 Prozent im Juli auf 3,1 Prozent steigen, die Kerninflation von 2,6 auf 2,8 Prozent. Treiber sind neben der hohen Energieinflation vor allem stärkere Preissteigerungen bei Dienstleistungen und Kerngütern.

Bei Pauschalreisen rechnen die Ökonomen mit einem monatlichen Preisanstieg von 2,9 Prozent, während Flugpreise um 2,2 Prozent sinken dürften. Der kräftige Anstieg der Arzneimittelpreise im Juli dürfte allerdings andauern, denn er beruht auf einer Änderung der Erstattungsregeln für gesetzlich Versicherte. Die Energieinflation dürfte Goldman Sachs zufolge von 7,3 Prozent im Juli auf 9,9 Prozent im August steigen. Bei Lebensmitteln zeichnet sich dagegen eine Entspannung ab.

Wann finden die nächsten Zinsentscheidungen der EZB im Jahr 2026 statt?

  • 10. September 2026
  • 29. Oktober 2026
  • 17. Dezember 2026

EZB dürfte Einlagenzins am 10. September auf 2,5 Prozent anheben

„Da die Inflation in Europa deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank liegt, steigen die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen“, sagt Michael Field, Chefstratege für europäische Märkte bei Morningstar. „Umfragen unter Ökonomen deuten darauf hin, dass eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent bei der nächsten Sitzung so gut wie sicher ist.“

An den Swap-Märkten – Derivatemärkten, an denen Anleger ihre Erwartungen über die künftige Zinsentwicklung handeln – wird derzeit eine Wahrscheinlichkeit von 96,6 Prozent für eine Zinserhöhung um 0.25 Prozentpunkte im September eingepreist. Eine weitere Anhebung in gleicher Höhe wird für das Frühjahr erwartet.

Zusätzlich gestützt wurden die Erwartungen an eine Zinserhöhung im September durch Äußerungen von EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel, die sich klar für eine weitere Straffung aussprach. „Beim derzeitigen Leitzins dürfte die Inflation mittelfristig nicht zum Ziel zurückkehren. Daher wird eine weitere Straffung notwendig sein“, sagte Schnabel am Mittwoch gegenüber Bloomberg.

Wie sehen die Aussichten für die Inflation für den Rest des Jahres 2026 und für das Jahr 2027 aus?

Deka-Experte Schallmayer erwartet, dass die Energiepreise in den kommenden Monaten hoch bleiben. Damit dürfte die Inflation in diesem Jahr über 3 Prozent verharren und könnte in der Spitze rund 3,5 Prozent erreichen. „Im Frühjahr wird die Inflationsrate aufgrund der Basiseffekte aber relativ schnell nach unten gehen. In der Gesamtrate werden wir Inflationsraten bei 2 Prozent und im Sommer auch unter 2 Prozent sehen. Die Kerninflation wird es dann Richtung 2 Prozent ziehen.“

Goldman Sachs erwartet, dass die Gesamtinflation im vierten Quartal 2026 mit 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr ihren Höhepunkt erreicht. Die Kerninflation dürfte den Ökonomen zufolge im ersten Quartal 2027 mit 2,7 Prozent ihren Höchststand erreichen und anschließend schrittweise auf 2,0 Prozent im vierten Quartal 2028 zurückgehen. „Die Risiken sind jedoch weiterhin leicht nach oben gerichtet, angesichts der erneuten geopolitischen Spannungen, steigender Preise für raffinierte Ölprodukte und des jüngsten Anstiegs der Gaspreise“, so Goldman Sachs.

Energieinflation: Droht der nächste Preisschock durch Gas?

Schallmayer erwartet, dass die Ölpreise vorerst auf hohem Niveau bleiben, aber allmählich sinken, sobald sich die Versorgungswege an die Störungen im Nahen Osten anpassen. „Wir erwarten keine merkliche Entspannung bei den Ölpreisen, aber mit jedem Monat, in dem die aktuelle Situation im Nahen Osten Bestand hat, kann der Preis sukzessive nach unten gehen“, sagt er.

Für Brent-Rohöl erwartet er bis zum Jahresende einen Preis von rund USD 80 je Barrel und in zwölf Monaten von rund USD 70. „. Das zentrale Risiko bleibt eine erneute Eskalation des Krieges im Iran mit Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Dann wären wir in einem anderen Risikoszenario, und der Ölpreis könnte schnell wieder über 100 US-Dollar und möglicherweise auch deutlich darüber steigen.“

Auch die europäischen Gasmärkte bergen in diesem Winter ein weiteres Inflationsrisiko. Morningstar erwartet, dass die Gasspeicher in der EU am 1. November 2026 lediglich zu 69 Prozent gefüllt sein werden – ein Rekordtief für diesen Zeitpunkt im Jahr. Europa wäre damit stärker auf LNG-Importe angewiesen und stünde bei flexibel verfügbaren US-LNG-Lieferungen in stärkerem Wettbewerb mit asiatischen Käufern. In einem kalten Winter könnten die europäischen TTF-Gaspreise nach Schätzungen von Morningstar von derzeit rund EUR 68 auf EUR 90 bis EUR 120 je Megawattstunde steigen.

„Wir erwarten nicht, dass die Gaspreise die Rekordstände von 2022 erreichen, da die durch den Krieg im Iran verursachten Störungen deutlich geringer sind und die EU ihr Speicherziel für Anfang November gelockert hat“, sagen die Morningstar-Analysten Tancrede Fulop und Andrea Burigana. Sie rechnen jedoch damit, dass die Gasversorgung in Europa bis 2027 angespannt bleibt. Ein deutlicherer Anstieg des weltweiten Angebots an Flüssigerdgas dürfte dann 2028 Abwärtsdruck auf die europäischen Gaspreise ausüben.

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