Wichtige Erkenntnisse
- Die Märkte erwarten für 2025 keine weiteren Zinskürzungen.
- Die Inflation entspricht weitgehend den EZB-Zielen, während das Wachstum weiterhin verhalten ist.
- Einige Beobachter sehen Aufwärtsrisiken für die Inflation, was die Möglichkeit einer Zinserhöhung anstelle einer Senkung im Jahr 2026 ins Spiel bringt.
Die Europäische Zentralbank scheint ihren Zinssenkungszyklus weitgehend abgeschlossen zu haben. Die meisten Analysten und Investoren erwarten keine Zinsänderung bei der Sitzung am 18. Dezember und sehen nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine weitere Senkung um einen Viertelprozentpunkt im Jahr 2026.
Die EZB begann im Juni 2024 mit der Lockerung ihrer Geldpolitik und hat seitdem acht Zinssenkungen vorgenommen, wodurch der Einlagensatz von 4,00 % auf 2,00 % gesenkt wurde. Seit dem 11. Juni lauten die drei wichtigsten Leitzinsen wie folgt:
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,15 %
- Spitzenrefinanzierungsfazilität: 2,40 %
- Einlagenzinssatz: 2,00 %
Wie viele weitere Zinssenkungen der EZB erwartet der Markt?
Die Geldmärkte preisen zum Ende des Jahres 2026 einen impliziten Zinssatz von 1,852 % ein, der im Wesentlichen unverändert gegenüber dem heutigen Stand ist. Dies bedeutet, dass die Märkte keine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte mehr erwarten.
Dies steht im Einklang mit der Aussage der EZB, dass die Inflation unter Kontrolle ist. Die Inflation in der Eurozone lag im Oktober bei 2,1 %, und die zugrunde liegenden Indikatorenentsprechen weiterhin dem mittelfristigen Ziel der EZB von 2 %.
„Die jüngste EZB-Pressekonferenz war klar: Die EZB sieht sich ‘in a good place’. Die Daten stützen diesen Blick: kein akuter Handlungsdruck, entsprechend ein unveränderter Zinsausblick“, erklärt Oliver Eichmann, Head of Rates, EM & Short Duration, Fixed Income EMEA bei der DWS.
Das schwache Wachstum erhöht jedoch die Komplexität - wenngleich die Preisstabilität das einzige Mandat der EZB ist. „Die EZB vertritt eine recht falkenhafte Haltung in Bezug auf das Wachstum und geht davon aus, dass das BIP-Wachstum 2026 schwächer ausfallen wird als 2025, während sie gleichzeitig davon ausgeht, dass die Inflation im nächsten Jahr auf 1,7 % sinken wird“, erklärt Michael Field, europäischer Marktstratege bei Morningstar.
„Sollte die Inflation jedoch hinter den Erwartungen zurückbleiben und das Wachstum schwach ausfallen, gibt es für die EZB keine Hindernisse für weitere Zinssenkungen. Diese Theorie deckt sich mit den Erwartungen der Ökonomen, von denen einige für die nächsten zwölf Monate weitere Zinssenkungen um 50 Basispunkte prognostizieren“, so Field.
Die Sitzung im Dezember wird mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werden, zumald die EZB-Ökonomen neue Prognosen zur Inflation und zum Wachstum in der Eurozone vorlegen wird, darunter erstmals auch eine Prognose für das Jahr 2028.
Der Chefökonom der ING, Carsten Brzeski, warnt davor, dass Risiken wie verzögerte Auswirkungen der US-Zölle, ein stärkerer Euro, politische Unsicherheiten in Frankreich und langsame fiskalische Impulse in Deutschland ein oder zwei zusätzliche Senkungen rechtfertigen könnten. „Selbst wenn die EZB sich derzeit mehr auf ihren Lorbeeren auszuruhen scheint als zuvor, werden die Prognosen ihrer Mitarbeiter im Dezember entscheidend sein und könnten die gute Position noch in Frage stellen. Sollten die Inflationsprognosen für 2028 unter 1,7 % liegen, würde die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung steigen”, fügt Brzeski hinzu.
Die DZ Bank rechnet sogar mit einer sofortigen Maßnahme und prognostiziert eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte im Dezember und keine weiteren Maßnahmen im Jahr 2026, da die Inflation dann auf 1,9 % sinken wird.
Goldman Sachs hingegen geht davon aus, dass die EZB ihren Einlagensatz bis 2026 bei 2 % belassen wird, sofern die Inflation nicht deutlich zurückgeht. „Wir erwarten, dass die EZB angesichts der Zielinflation und der deutschen Fiskalexpansion ihren Satz von 2 % beibehalten wird, schließen jedoch eine Rückkehr zu Zinssenkungen nicht aus, sollte sich die Inflation abschwächen“, stellt die Bank in ihrem Investitionsausblick für 2026 fest.
Wird die EZB die Zinsen im Jahr 2026 erhöhen?
Eine Minderheit der Stimmen warnt davor, dass der nächste Schritt der Bank tatsächlich eine Zinserhöhung sein könnte. Der Chef der österreichischen Nationalbank, Martin Kocher, sieht eine „gleich große Wahrscheinlichkeit“ für eine Zinssenkung oder -erhöhung als nächsten Schritt der EZB.
Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB, warnt davor, dass sich die Inflationsrisiken in der Eurozone nach oben verschoben haben, da die Wirtschaft an Dynamik gewinnt und die Regierungen ihre Ausgaben für Militär und Infrastruktur erhöhen. Sie erwartet eine Erholung der Wirtschaft, eine Schließung der Produktionslücke und einen erheblichen fiskalischen Impuls und kommt zu dem Schluss, dass die Inflationsrisiken nun „leicht nach oben tendieren“.
Die Deutsche Bank Research teilt diese Ansicht und erklärt: „Wir halten eine erste Zinserhöhung um 25 Basispunkte bereits Ende 2026 für möglich, unter anderem aufgrund des drohenden Inflationsdrucks durch die expansive Fiskalpolitik Deutschlands und strukturelle Engpässe auf dem Arbeitsmarkt.“
Inflation wird 2026 voraussichtlich unter dem Zielwert liegen – jedoch bestehen Risiken in beide Richtungen
Das Basisszenario der EZB geht jedoch davon aus, dass die Inflation unter den Zielwert fallen wird. Die aktuelle Prognose der Mitarbeiter vom Juni geht davon aus, dass sich die Inflation 2025 bei 2,1 % stabilisieren und 2026 mit 1,7 % unter dem Zielwert liegen wird. Die Kerninflation, die Energie- und Lebensmittelpreise ausschließt, wird für 2025 auf 2,4 %, für 2026 auf 1,9 % und für 2027 auf 1,8 % geschätzt. Die meisten zukunftsorientierten Indikatoren stützen diesen Disinflationstrend, da sich das Lohnwachstum abschwächt, die Produktivität dank Digitalisierung und KI steigt und die Inflation bei Energie und Lebensmitteln nachlässt. Währungstrends könnten diesen Trend verstärken, da ein stärkere Euro die Inflation in der Eurozone unter das Zielniveau drücken könnte.
Eichmann von der DWS prognostiziert für dieses Jahr eine Inflationsrate von 2,1 % und für 2026 von 2,0 %, „was im Wesentlichen bedeutet, dass die EZB ihr Ziel erreicht“.
Die Warnung von Schnabel unterstreicht jedoch die Aufwärtsrisiken, wodurch die erste Inflationsschätzung für 2028 im Dezember für die nächsten politischen Schritte von entscheidender Bedeutung ist.
Wie sind die Aussichten für das Wachstum der Eurozone im Jahr 2026?
Das Wachstum dürfte weiterhin moderat ausfallen, wobei Analysten für 2026 eine leichte Belebung erwarten, da dann die deutschen Konjunkturmaßnahmen greifen werden. Die Prognosen der EZB vom Juni gehen von einem Anstieg des realen BIP um 0,9 % im Jahr 2025, 1,1 % im Jahr 2026 und 1,3 % im Jahr 2027 aus. Die DWS prognostiziert für 2026 ein Wachstum von rund 1,1 %, was Eichmann als „anämisches, mühsames Wachstum - aber ohne zusätzlichen Inflationsdruck” bezeichnet.
Die Auswirkungen der Zinssenkungen der EZB sind ebenfalls noch nicht vollständig sichtbar. „Wir sollten nicht unterschätzen, dass die Umsetzung der EZB-Politik Zeit braucht – etwa neun bis 18 Monate. Die allmähliche Weitergabe der niedrigeren Zinsen beginnt sich bemerkbar zu machen. Das stimmt uns vorsichtig optimistisch für die Wachstumsaussichten“, sagt Bastian Freitag, Leiter Fixed Income Deutschland bei Rothschild & Co Wealth Management.
Wir erwarten für die Eurozone rund 1,1 % Wachstum, also ein anämisches, mühsames Wachstum - aber ohne zusätzlichen Inflationsdruck
Herr Oliver Eichmann, DWS
Was bedeutet die Zinspause für die Anleihemärkte?
Die Renditen von Staatsanleihen der Eurozone bleiben auf einem hohen Niveau – die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen liegt bei fast 2,68 % –, was auf höhere Emissionen, fiskalische Bedenken und unsichere Wachstumsaussichten zurückzuführen ist. Anleihen mit kürzeren Laufzeiten, die stärker auf Zinsänderungen der EZB reagieren, haben sich stabil entwickelt, könnten jedoch volatil werden, wenn die EZB ihren Kurs ändert. „Zu stärkeren Kursrückgängen bei Anleihen mit kürzerer Restlaufzeit käme es, wenn die EZB, entgegen unserer Erwartung, Zinserhöhungen andeuten würde. Da wir in unserem Basisszenario aber von unveränderten Zentralbankzinsen ausgehen, sehen wir derzeit wenig Bewegung am kurzen Ende der Zinskurve“, so Eichmann von der DWS.
Chris Iggo, CIO Core Investments bei AXA Investment Managers, weist darauf hin, dass niedrigere Finanzierungskosten Unternehmen an den Markt locken, wobei „viele Emittenten an den Markt kommen und sich die Spreads verengen“. Die Anleger haben darauf mit einer Umschichtung in Anleihen und Kredite mit längerer Laufzeit reagiert, auch wenn die Erwartungen hinsichtlich weiterer Zinssenkungen durch die EZB weiterhin begrenzt sind.
Wann findet die letzte Sitzung der EZB im Jahr 2025 statt?
• 18. Dezember 2025

