Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Swap-Märkte preisen für die Sitzung der EZB am 23. Juli keine Zinserhöhung ein. Im Juni hatte die Zentralbank ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent angehoben.
- Zwar könnten höhere Ölpreise die Gesamtinflation in den kommenden Monaten nach oben treiben, doch sehen Ökonomen kaum Anzeichen für nennenswerte Zweitrundeneffekte, die sich auf die Inflation auswirken.
- Analysten rechnen mit einer Zinserhöhung im September, bevor für den Rest des Jahres 2026 eine Pause eingelegt werden düfte.
Am 23. Juli dürfte die Europäische Zentralbank denLeitzins unverändert bei 2,25 Prozent belassen. Das erscheint das wahrscheinlichste Ergebnis der EZB-Sitzung am kommenden Donnerstag zu sein, auch wenn der Iran-Konflikt wieder aufgeflammt ist und die Energiepreise höher treiben.
Dennoch hat der erneute Anstieg der Ölpreise den Inflationsausblick eingetrübt und die Argumente für eine weitere Straffung der Geldpolitik im weiteren Jahresverlauf gestärkt, um die Inflation nachhaltig auf das mittelfristige Ziel der EZB von 2,00 Prozent zurückzuführen.
Zinsswap-Märkte – Derivatemärkte, über die Anleger Erwartungen an die künftige Zinsentwicklung handeln – rechnen nun in diesem Monat mit unveränderten Zinsen, gefolgt von ein bis zwei Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf. Der Markt preist für September eine Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent für eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte ein.
„Nachdem die EZB im vergangenen Monat entschlossen gehandelt hat, besteht keine Eile, die Zinsen in diesem Monat erneut anzuheben. Mehr als 90 Prozent der Ökonomen erwarten, dass die Zinsen bei 2,25 Prozent unverändert bleiben“, sagt Michael Field, Chefstratege für europäische Märkte bei Morningstar.
„Derzeit gibt es sehr viele bewegliche Teile, darunter die völlige Ungewissheit darüber, ob der Iran-Krieg weiter eskalieren wird und ob die Ölpreise – und damit auch die Inflation – in den kommenden Monaten erneut steigen könnten“, sagt er.
Wird die EZB die Zinsen nächste Woche unverändert lassen?
„Es spricht vieles dafür, dass die EZB im Juli erst einmal wartet. In der September-Sitzung kann der EZB-Rat dann mit den neuen Inflations- und Wachstumsprojektionen reagieren - und hat bis dahin noch Inflationsdaten für zwei weitere Monate – für Juli und August“, sagt Ulrike Kastens, Senior Economist bei der DWS.
Die endgültige Inflationsrate im Euroraum für Juni lag bei 2,8 Prozent. Damit entsprachen sie der Schnellschätzung und lagen unter der Konsensprognose von 3,0 Prozent, allerdings weiterhin über dem Inflationsziel der EZB. Die Kerninflation, die die volatilen Komponenten Energie und Nahrungsmittel ausklammert, wurde ebenfalls bei 2,4 Prozent bestätigt, nach 2,5 Prozent im Mai.
Auch ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski rechnet damit, dass die EZB in der kommenden Woche die Zinsen unverändert lässt. Er argumentiert, dass das Fehlen neuer Stabsprojektionen für Inflation und Wachstum einen sofortigen Zinsschritt unwahrscheinlich macht. Der jüngste Anstieg der Ölpreise habe jedoch die Argumente für eine weitere Zinserhöhung im späteren Jahresverlauf wieder gestärkt und könnte sogar einige Falken im EZB-Rat dazu verleiten, auf ein früheres Eingreifen zu drängen.
„Statt einer sommerlichen Ruhepause verspricht die Sitzung in der kommenden Woche noch einmal einen letzten Schlagabtausch zwischen Falken und Tauben, bevor alle zur Sonnencreme greifen“, sagt Brzeski.
Berenberg-Volkswirt Felix Schmidt argumentiert, dass das Ausbleiben von Zweitrundeneffekten – also der Weitergabe höherer Kosten durch Unternehmen an die Verbraucher, die daraufhin höhere Löhne fordern – der EZB ermöglichen wird, den Einlagensatz auf ihrer Sitzung in der kommenden Woche bei 2,25 Prozent zu belassen.
„EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird auf der Pressekonferenz keine Hinweise auf den künftigen Zinspfad geben und sich für die verbleibenden Sitzungen in diesem Jahr maximale Flexibilität bewahren“, sagt er.
Auch Martin Wolburg, Senior Economist bei Generali Investments, rechnet am 23. Juli mit einer Zinspause: „Während die Mitglieder des EZB-Rats insgesamt einen eher falkenhaften Ton angeschlagen haben, haben die jüngsten Inflationsdaten und die Entspannung bei den Energiepreisen etwas Erleichterung gebracht.“
Auf Basis der EZB-Stabsprojektionen vom Juni liege der Inflationsausblick inzwischen näher am günstigen Szenario als am Basisszenario. Dies ermögliche es der EZB, den Leitzins vorerst bei 2,25 Prozent zu belassen, sagt er. „Wir sehen die Risiken jedoch weiterhin in Richtung einer letzten Zinserhöhung verschoben, wahrscheinlich im September – insbesondere, wenn die jüngste Eskalation des Iran-Konflikts anhalten sollte.“
Wie hoch sind die EZB-Leitzinsen?
Die EZB startete im Juli 2022 einen Zinserhöhungszyklus und erhöhte den Einlagensatz in zehn aufeinanderfolgenden Schritten von minus 0,50 Prozent auf 4,00 Prozent. Ab September 2023 leitete sie eine Phase der geldpolitischen Lockerung ein und senkte die Zinsen in acht Schritten wieder auf 2,00 Prozent, bevor sie im Juni 2026 erneut auf einen restriktiveren Kurs einschwenkte.
Seit dem 17. Juni gelten für die drei Leitzinsen der EZB folgende Sätze:
- Einlagenzinssatz: 2,25 % (Anstieg von 2,00 %)
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,40 % (bisher 2,15 %)
- Spitzenrefinanzierungssatz: 2,65 % (Anstieg von 2,40 %)
Wird die Inflation in der Eurozone wieder steigen?
Der jüngste Anstieg der Ölpreise wurde durch erneute Sorgen um die Sicherheit der Schifffahrtsrouten im Persischen Golf und die zunehmend schärfere Rhetorik zwischen Washington und Teheran ausgelöst. Dadurch wurden Befürchtungen neu entfacht, dass ein weiterer Energieschock den Inflationsausblick für den Euroraum erschweren könnte.
Die Preise für Brent-Rohöl sind seit der erneuten Eskalation der Spannungen Anfang Juli um rund 16 Prozent gestiegen.
„Der Ölpreis ist zuletzt zwar wieder gestiegen, aber nicht in dem Ausmaß, das wir im März und April gesehen haben“, sagt Kastens von der DWS. „Wenn man die Öl-Terminmärkte zugrunde legt, dürften die Ölpreise weiter zurückkommen. Damit dürften von den Energiepreisen künftig eher dämpfende Effekte auf die Inflationsrate ausgehen.“
Kastens geht davon aus, dass die Gesamtinflation in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wieder auf 2 Prozent zurückkehren wird, möglicherweise sogar etwas unter dieses Niveau. Die Kerninflation dürfte hingegen etwas höher bleiben, was vor allem auf die Teuerungsrate im Dienstleistungssektor zurückzuführen ist.
In ihren Inflationsprojektionen vom 11. Juni hat der EZB-Stab seine Erwartungen angepasst. Demnach dürfte die durchschnittliche Gesamtinflation betragen:
- 3,0 Prozent im Jahr 2026 (zuvor 2,6 Prozent)
- 2,3 Prozent im Jahr 2027 (zuvor 2,0 Prozent)
- 2,0 Prozent im Jahr 2028 (zuvor 2,1 Prozent)
Für die Kerninflation erwartet der EZB-Stab im Durchschnitt 2,5 Prozent in den Jahren 2026 und 2027 sowie 2,2 Prozent im Jahr 2028. In den Projektionen vom März waren noch 2,3 Prozent für 2026, 2,2 Prozent für 2027 und 2,1 Prozent für 2028 veranschlagt worden.
Wann sind die nächsten EZB-Sitzungen im Jahr 2026?
- 23. Jul. 2026
- 10. Sep. 2026
- 29. Okt. 2026
- 17. Dez. 2026
Wird die EZB die Zinsen im September anheben?
Morningstar-Stratege Michael Field sagt, dass die EZB zwar zunächst wahrscheinlich einen abwartenden Kurs einschlagen werde, später aber bei Bedarf weitere Schritte unternehmen könnte. „Anleger betrachten dieses Vorgehen als umsichtig, weshalb sich die Aktienmärkte trotz der gestiegenen Unsicherheit bislang relativ robust zeigen“, fügt er hinzu.
ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski argumentiert, dass der jüngste Anstieg der Ölpreise die EZB faktisch wieder in das makroökonomische Umfeld zurückgeführt habe, das ihren Projektionen vom Juni zugrunde lag. Zwar bestehe weiterhin eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass die EZB bereits in der kommenden Woche die Zinsen anhebt, das realistischere Szenario sei jedoch eine Zinserhöhung auf der September-Sitzung.
„Die grundsätzliche Bereitschaft, dass der Zinsschritt im Juni noch nicht der letzte war, wird zwischen den Zeilen auf jeden Fall eine Botschaft sein“, sagt Kastens von der DWS. Sie fügt hinzu, dass eine weitere Zinserhöhung im September weiterhin möglich sei, was den den Straffungszyklus erst einmal abschließen würde.

