Wichtigste Erkenntnisse
- Ökonomen erwarten, dass die EZB die Zinsen kommende Woche anhebt.
- Der weitere Kurs ist weniger klar: Während die Märkte zusätzliche Zinserhöhungen erwarten, rechnen einige Analysten nach September mit einer längeren Zinspause, da Zweitrundeneffekte auf die Preise bislang begrenzt sind.
- Bei den aktualisierten Inflations- und Wachstumsprognosen der EZB werden lediglich geringfügige Änderungen erwartet. Die Inflation dürfte sich 2027 wieder dem Zielwert annähern.
Die Europäische Zentralbank dürfte ihre Zinssätze am 10. September um 0,25 Prozentpunkte anheben, da stark gestiegene Energiepreise die Inflation weiter über das EZB-Ziel von 2 Prozent treiben.
Die Inflation im Euroraum beschleunigte sich im August auf 3,3 Prozent, nach 2,9 Prozent im Juli, wie aus der Schnellschätzung von Eurostat hervorgeht. Die Kerninflation, bei der Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert werden, sank von 2,5 Prozent auf 2,4 Prozent. Die Energieinflation sprang dagegen von 10,3 Prozent im Juli auf 14,3 Prozent im August.
Die Inflationsdaten trafen auf fallende Aktienmärkte und Turbulenzen an den globalen Anleihemärkten. Der erneute Eskalation zwischen dem Iran und den USA trieb die Ölpreise und schürte die Inflationssorgen.
Märkte erwarten EZB-Zinserhöhung am 10. September
Obwohl sich in den vergangenen Wochen nur wenige EZB-Mitglieder öffentlich zum geldpolitischen Ausblick geäußert haben, erwartet Ulrike Kastens, Senior Economist bei der DWS, weiterhin eine Anhebung des Einlagensatzes um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent. Die Risiken für den Inflationsausblick seien weiterhin nach oben gerichtet.
Auch Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der DekaBank, erwartet am Donnerstag eine Zinserhöhung: „Unsere Erwartung ist, dass die EZB die Zinsen am 10. September noch einmal um 0,25 Prozentpunkte anhebt. Dazu hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde sich auf der Pressekonferenz im Juli relativ eindeutig positioniert, als sie sagte: Wenn die Daten bis dahin nicht deutlich nach unten tendieren – und das haben sie bisher nicht - dann sind die Voraussetzungen für einen Zinsschritt nach oben geschaffen.“
An den Swap-Märkten, an denen die Erwartungen an die künftige Zinsentwicklung gehandelt werden, wurde zuletzt eine Wahrscheinlichkeit von rund 99 Prozent für eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte bei der nächsten EZB-Sitzung eingepreist. In den kommenden zwölf Monaten rechnen die Märkte mit fast zwei weiteren Schritten in dieser Größenordnung. Eine Erhöhung könnte bereits im Dezember erfolgen, eine weitere im zweiten oder dritten Quartal 2027.
„Angesichts der weiterhin steigenden Inflation wird die EZB bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche – ganz im Einklang mit unseren Erwartungen – mit ziemlicher Sicherheit die Zinsen anheben. Im Gegensatz zu den Märkten halten wir es jedoch für verfrüht, bereits mit einer dritten Zinserhöhung zu rechnen, zumal der zugrunde liegende Preisdruck vorerst noch in Grenzen bleibt“, so Leo Barincou, Senior Economist bei Oxford Economics.
Was sind die Zinssätze der EZB?
Die EZB hob ihren Einlagensatz im Juni 2026 auf 2,25 Prozent an, nachdem sie ihn zuvor in acht Schritten von 4,00 Prozent auf 2,00 Prozent gesenkt hatte.
Seit dem 17. Juni gelten für die drei EZB-Zinsen folgende Sätze:
- Zinssatz für Einlagen: 2,25 Prozent
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,40 Prozent
- Spitzenrefinanzierungssatz: 2,65 Prozent
Wird die EZB die Zinsen nach September erneut erhöhen?
Da es kaum Anzeichen dafür gibt, dass die höheren Energiepreise das Lohnwachstum beschleunigen, bezweifeln Ökonomen, dass nach September eine weitere Zinserhöhung notwendig sein wird.
„Solange die Inflation hauptsächlich von der Energiepreisentwicklung getrieben wird, wäre es wenig sinnvoll, die Zinsen nach der kommenden Woche weiter anzuheben. Dies könnte der Wirtschaft im Euroraum schaden“, sagt Carsten Brzeski, Global Head of Macro bei ING.
Er beschreibt den erwarteten Schritt in der kommenden Woche als Absicherung gegen das Risiko, dass sich die höheren Energiekosten auf andere Preise und die Löhne übertragen. Ein Einlagensatz von 2,50 Prozent läge nach Einschätzung der EZB noch in der neutralen Bandbreite, sagt Brzeski. Weitere Erhöhungen würden dagegen einen Übergang zu einer restriktiven Geldpolitik signalisieren.
Die steigenden Anleiherenditen verschärfen bereits die Finanzierungsbedingungen und verringern damit nach Brzeskis Einschätzung die Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen. Wachsende Unterschiede zwischen den Finanzierungskosten der einzelnen Euroländer könnten zusätzliche Probleme verursachen.
Auch Kastens sieht kaum Bedarf für eine restriktive Geldpolitik. Aufgrund des intensiven Wettbewerbs hätten viele Unternehmen nur begrenzten Spielraum, höhere Kosten an die Verbraucher weiterzugeben. Zugleich sei das Lohnwachstum relativ moderat, sodass ein sich selbst verstärkender Inflationsprozess unwahrscheinlich erscheine.
Die DWS prognostiziert, dass der Einlagensatz nach der Anhebung im September bis zum Ende ihres zwölfmonatigen Prognosehorizonts im September 2027 bei 2,50 Prozent bleibt. Kastens rechnet dennoch damit, dass Lagarde weitere Erhöhungen nicht ausschließen und die Datenabhängigkeit der Entscheidungen betonen wird.
Schallmayer von Deka erklärt: „Wir sind der Auffassung, dass zwei Schritte – der im Juni und der voraussichtliche im September – ausreichend sind, um auf den Energiepreisanstieg zu reagieren. Sofern die Zweitrundeneffekte weiterhin ausbleiben kann die EZB unserer Ansicht nach auf eine weitere Straffung verzichten. Derartige Zweitrundeneffekte erwarten wir nicht und wir rechnennach September mit einer langen Zinspause bis Ende nächsten Jahres.“
Zweitrundeneffekte entstehen, wenn höhere Preise in die Löhne einfließen und anschließend weitere Preissteigerungen auslösen.
Wann finden die nächsten EZB-Sitzungen im Jahr 2026 statt?
- 29. Oktober 2026
- 17. Dezember 2026
Das stärkste Argument gegen einen längeren Zinserhöhungszyklus sind die bislang begrenzten Anzeichen dafür, dass der Energiepreisschock eine sich selbst verstärkende Inflationsentwicklung auslöst. Der zugrunde liegende Inflationsdruck habe sich bislang nicht auf breiter Front verstärkt, sagt Kastens.
Schallmayer beobachtet vor allem die Entwicklung der Tariflöhne und die Wage Drift: „Der EZB-Wage Tracker gibt Aufschluss über die Tariflohnentwicklung, während die Wage Drift die Differenz zwischen der Entwicklung der Tariflöhne und der effektiven Löhne und Gehälter abbildet. Das sind die entscheidenden Entwicklungen, auf die wir blicken, um Zweitrundeneffekte abzuschätzen.“
Bislang sieht er keine Anzeichen für solche Effekte.
Die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft verschafft den Währungshütern dennoch Spielraum für eine Zinserhöhung. Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, verweist auf die Erholung der Industrie. Kastens hebt zudem hervor, dass die Kreditvergabe an Unternehmen trotz der höheren Zinsen weiter wächst.
Warum die Gas- und Ölpreise hoch bleiben
Die erneute Eskalation der Feindseligkeiten zwischen den USA und dem Iran hält die Risiken für die Energieversorgung hoch. Gleichzeitig sind die europäischen Gasspeicher vergleichsweise schwach gefüllt, was die Großhandelspreise weiter steigen lassen dürfte. Der europäische Referenzpreis für Erdgas, die niederländischen TTF-Futures, stieg am 2. September auf mehr als 72 Euro je Megawattstunde und damit auf den höchsten Stand seit mehr als dreieinhalb Jahren.
Zusammen mit höheren Transportkosten und dürrebedingten Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Industriegütern könnte dies die Rückkehr der Gesamtinflation unter 2 Prozent bis Ende 2027 verzögern, sagt Brzeski von ING.
Schallmayer erwartet, dass der Preis für Rohöl der Sorte Brent bis zum Jahresende auf etwa 80 US-Dollar je Barrel und innerhalb von zwölf Monaten auf rund 70 US-Dollar sinkt. Das zentrale Risiko bleibe ein erneuter Angriff auf die Energieinfrastruktur.
Kaum Änderungen an den neuen Inflations- und Wachstumsprognosen erwartet
Die EZB wird außerdem ihre vierteljährlichen Inflations- und Wachstumsprognosen aktualisieren. Ökonomen erwarten gegenüber den Projektionen vom Juni jedoch nur geringfügige Änderungen.
Im Juni prognostizierten die Fachleute eine durchschnittliche Inflation von:
- 3,0 Prozent im Jahr 2026
- 2,3 Prozent im Jahr 2027
- 2,0 Prozent im Jahr 2028
Für die Kerninflation, bei der Energie- und Nahrungsmittelpreise ausgeklammert werden, prognostizierten sie durchschnittlich 2,5 Prozent in den Jahren 2026 und 2027 sowie 2,2 Prozent im Jahr 2028.
Die Experten der EZB haben ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone im Juni wie folgt angepasst:
- 0,8 Prozent im Jahr 2026
- 1,2 Prozent im Jahr 2027
- 1,5 Prozent im Jahr 2028
Kastens geht davon aus, dass die Kernaussage der Inflationsprognosen unverändert bleibt: Die Gesamtinflation wird sich in der zweiten Jahreshälfte 2027 wieder dem Zielwert von 2 Prozent annähern.

