Wichtigste Erkenntnisse
- Die Europäische Zentralbank dürfte die Zinssätze am 24. Juli angesichts der stabilen Inflation und der anhaltenden politischen Unsicherheit unverändert lassen.
- Die Handelsspannungen mit den USA und ein stärkerer Euro erhöhen die Disinflationsrisiken, was im weiteren Jahresverlauf zu Zinssenkungen führen könnte.
- Der September bleibt ein wahrscheinlicher Termin für eine erneute Lockerung.
Am 24. Juli dürfte die EZB die Leitzinsen unverändert lassen und damit eine Pause im Zinssenkungszyklus einlegen, der im Juni 2024 begann. Da sich die Inflation um das 2 %-Ziel herum bewegt und neue EZB-Makroprojektionen erst für den September terminiert sind, scheinen die Geldpolitiker erst einmal abwarten zu wollen. Schließlich trüben neue Risiken - vor allem die Handelsspannungen mit den Vereinigten Staaten - die Aussichten.
Nach acht Zinssenkungen in etwas mehr als einem Jahr sind sich Märkte und Analysten weitgehend einig, dass die Juli-Sitzung ruhig verlaufen wird, wobei sich die Aufmerksamkeit bereits auf die nächste Entscheidung im Herbst verlagert. Selbst EZB-Präsidentin Cristine Lagarde äußerte sich während der letzten Sitzung im Juni zurückhaltend.
Laut einer aktuellen Reuters-Umfrage gehen fast 60 % der befragten Ökonomen davon aus, dass die Zinsen im Juli unverändert bleiben und im September wahrscheinlich um 0,25 Prozentpunkte gesenkt werden. 100% erwarten keine Änderung im Juli.
“Die Zinsentscheidungen der EZB waren ein großer Erfolg. Sie hat im vergangenen Jahr schnell und entschlossen die Zinsen gesenkt, insbesondere im Hinblick auf die jüngste Kritik der aktuellen US-Regierung an der US-Notenbank”, sagt Michael Field, Chefstratege für den europäischen Aktienmarkt bei Morningstar.
“Anleger werden nicht enttäuscht sein, wenn die schrittweisen Senkungen der Zinssätze zum Stillstand kommen. 2 % stellen ein sehr vernünftiges Zinsniveau dar, das Unternehmen in ganz Europa, die in den kommenden Monaten Kredite aufnehmen oder investieren wollen, entgegenkommen dürfte und Aktienmärkte potentiell stützen könnte.”
Was sind die Leitzinsen der EZB?
Seit dem 11. Juni gelten folgende drei EZB-Leitzinssätze:
- Satz der Einlagefazilität: 2,00%.
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,15%
- Spitzenrefinanzierungsfazilität: 2,40%
Nähert sich der Zinssenkungszyklus der EZB dem Ende?
Geldpolitiker der EZB haben die Erwartungen an eine baldige Zinssenkung gedämpft. Da die Desinflation im Großen und Ganzen wie erwartet voranschreitet und die Inflationserwartungen gut verankert sind, “befinden sich auch unsere Zinssätze in einer guten Position, und die Messlatte für eine weitere Zinssenkung liegt sehr hoch”, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel kürzlich in einem Interview mit Econostream Media.
“Eine weitere Zinssenkung wäre nur dann angebracht, wenn es Anzeichen für eine wesentliche Abweichung der Inflation von unserem mittelfristigen Ziel gäbe”, fügte sie hinzu. “Und dafür sehe ich im Moment keine Anzeichen.”
Dieser vorsichtige Ton wurde von Bundesbankpräsident Joachim Nagel, Mitglied des EZB-Rates, aufgegriffen. Gegenüber dem Handelsblatt sagte er, man müsse “mit ruhiger Hand” vorgehen, und verwies auf die anhaltenden geo-und handelspolitischen Spannungen, deren Auswirkungen auf die Inflation “höchst ungewiss” seien.
Ein gemischtes Bild bei der Inflation
Ulrike Kastens, Europa-Ökonomin bei der DWS, erklärt gegenüber Morningstar: “Im Juli wird es wahrscheinlich keine Veränderung bei den Leitzinsen geben – die EZB macht eine Pause. Es gab kaum Kommentare im Vorfeld, was zeigt: Die EZB sieht sich gut positioniert. Es handelt sich um eine Arbeitssitzung ohne neue Projektionen”.
Sie fügt hinzu: “Für uns ist der September nach wie vor ein Monat, in dem es zu einer weiteren Zinssenkung kommen könnte, auch unabhängig von einer möglichen Eskalation im Zollstreit. Die EZB wird die Geldpolitik so kalibrieren, dass das Inflationsziel erreicht wird. Auf Risiken muss sie entsprechend reagieren.”
“Bei der Wachstumsprognose im September könnten wir eine leicht positive Anpassung sehen - nicht stark, aber in der Tendenz nach oben. Bei der Inflation ist das Bild etwas gemischter. Die EZB sieht sie bei 1,6% für 2026. Das erscheint mir eher niedrig. Ich rechne mit Werten um 2%. Aber das kann sich mit dem Handelsstreit schnell ändern. Die Kapitalmärkte sind momentan relativ entspannt, aber es bleibt ein Restrisiko”, fügt Kastens hinzu.
Marc Schattenberg und Robin Winkler, Ökonomen bei Deutsche Bank Research, erwarten bis Dezember zwei weitere Senkungen um je 0,25 Prozentpunkte, so dass der Einlagensatz auf 1,5 % sinken wird.
“Kurzfristig stellt der Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten das größte Abwärtsrisiko für die Wirtschaft der Eurozone dar. Längerfristig verlagert sich der Schwerpunkt auf die Finanzpolitik. Die neue NATO-Ausgabenquote wird für einige EU-Mitgliedstaaten eine Herausforderung darstellen.”
“Obwohl die Europäische Kommission die Verteidigungsausgaben von den Fiskalregeln ausgenommen hat, bleibt abzuwarten, wie ehrgeizig die europäischen NATO-Mitglieder bei der Anpassung ihrer nationalen Verteidigungshaushalte an die neue Quote sein werden. Außerhalb Deutschlands rechnen wir nur mit schwachen fiskalischen Impulsen. In der Zwischenzeit liegt die Last der Konjunktursteuerung bei der EZB”, argumentieren sie.
Carsten Brzeski, Global Head of Macro bei ING, sieht die “gute Position” der EZB durch Zölle und den stärkeren Euro bedroht. Obwohl der Druck nicht ausreicht, um eine Zinssenkung am 24. Juli zu rechtfertigen, hält er eine Senkung auf der September-Sitzung für “sehr wahrscheinlich”.
Konvergenz der Eurozone: Ein Segen für die EZB
Positiv für die EZB ist, dass der Aufschwung in der gesamten Eurozone stattfindet und die Arbeitsmärkte sich breitflächig robust präsentieren. Das dämpft die Risiken, die sonst durch eine für alle Länder geltende Geldpolitik entstehen.
“Die fortschreitende Konvergenz der Arbeitsmärkte in der Eurozone trägt dazu bei, eine der größten Herausforderungen, mit denen die EZB seit langem konfrontiert ist, zu mildern: die unterschiedlichen wirtschaftlichen Bedingungen zwischen Nord und Süd. Da die Arbeitslosigkeit in Südeuropa sinkt und im Norden leicht ansteigt, wird die geldpolitische Transmission der EZB immer ausgewogener.”
“Diese Konvergenz könnte ein weiterer wichtiger Grund für die relativ engen Spreads von Staatsanleihen in der Eurozone sein und dürfte auch der EZB das Leben leichter machen”, sagt Brzeski von ING. “Angesichts der derzeitigen Konvergenz und einer Geldpolitik, die kurz davor steht, akkommodierend zu werden, ist die neue Konvergenz ein Segen - sie könnte den dümpelnden nördlichen Volkswirtschaften eine gewisse Erleichterung bringen, ohne den südlichen Ländern zu schaden.”
Wie hoch ist die Inflationserwartung?
Die EZB beobachtet das Lohnwachstum genau, da es ein wichtiger Faktor für die zugrunde liegende Inflation ist, insbesondere im Dienstleistungssektor. Ihr Wage Tracker hat in den letzten Monaten Anzeichen einer nachlassenden Dynamik gezeigt. Die Gesamtinflation liegt nun um die von der EZB angestrebten 2 %. Im Juni lag sie genau bei 2,0 %, während die Kerninflation - ohne Lebensmittel und Energie - 2,3 % betrug.
Die Ökonomen der EZB hatten ihre Inflationsprognosen im Juni revidiert. Sie sehen die Gesamtinflation nun im Durchschnitt bei:
- 2,0% im Jahr 2025 (gegenüber 2,3% in der Prognose vom März)
- 1,6% im Jahr 2026 (von 1,9%)
- 2,0% im Jahr 2027 (unverändert gegenüber März)
Stellt der starke Euro ein Risiko dar?
Die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar hat Befürchtungen über disinflationäre Auswirkungen aufkommen lassen. Die EZB scheint jedoch im Großen und Ganzen mit der Stärke der Währung einverstanden zu sein. Die Euro-Stärke ist überschaubar und spiegelt die neue Wachstumsperspektive in Europa wider, so EZB-Mitglied Schnabel.
“Die derzeitige Situation birgt die Gefahr, dass das exorbitante Privileg des US-Dollars untergraben wird, ein Privileg, das die Vereinigten Staaten über viele Jahrzehnte genossen haben und das zu niedrigeren Finanzierungskosten für amerikanische Haushalte, Unternehmen und die Regierung geführt hat. Dies bietet dem Euroraum eine historische Chance, die internationale Rolle des Euro als globale Reserve-, Fakturierungs- und Finanzierungswährung zu fördern, um einen Teil dieser Vorteile zu nutzen. Dafür gibt es jedoch drei wichtige Voraussetzungen. Die erste ist eine Wiederbelebung des Wachstums im Euroraum. Die zweite ist die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit, auch in militärischer Hinsicht. Und die dritte ist ein großer und liquider EU-Anleihemarkt”, so Schnabel weiter.
Wie wirken sich Zinssenkungen auf die Anleger aus?
Die Aktienmärkte tendieren zu einem Anstieg, wenn Zinssenkungen erwartet werden. Auf den Anleihemärkten bedeuten sinkende Zinssätze niedrigere Renditen, was die Anleihekurse nach oben treibt. Niedrigere Zinssätze machen auch bestehende Anleihen, insbesondere solche, die bereits während einer Hochzinsphase ausgegeben wurden, renditemäßig attraktiver.
Gleichzeitig werden die Zinssätze für Sparkonten sinken, was sich auf die Sparer auswirkt. Kreditnehmer hingegen profitieren, da Verbraucherschulden und Hypotheken billiger werden.
Wann sind die nächsten EZB-Sitzungen im Jahr 2025?
11. September
30. Oktober
18. Dezember

