Wichtigste Erkenntnisse
- Die EZB hat ihren Einlagensatz bei 2 % belassen und damit zum zweiten Mal nach der Senkung im Juni eine Pause eingelegt, da die Inflation weiterhin in der Nähe des 2 %-Ziels liegt.
- Die Geldpolitiker gaben keine Guidance. Die Märkte sind geteilter Meinung, ob eine letzte Zinssenkung noch im Dezember erfolgen könnte.
- Die von Experten der EZB erstellten Projektionen zeigen kaum Veränderungen bei den Inflationsaussichten, die Wachstumsprognosen für 2025 wurden jedoch etwas nach oben korrigiert.
Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag ihren Leitzins bei 2 % belassen und damit zum zweiten Mal in Folge eine Pause im Zinssenkungszyklus eingelegt, der im Juni 2024 begann. Die Reaktion der Märkte war verhalten, da die Beibehaltung weitgehend erwartet worden war. Die Entscheidung war einheitlich gefällt worden, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
Die Entscheidung passt ins Bild mit der stabilen Inflation in der Eurozone, die sich um das 2%-Ziel der Zentralbank bewegt. Die Verbraucherpreise in der Eurozone stiegen im August im Jahresvergleich um 2,1 %, während die Kerninflation, die die Preise ohne volatile Komponenten wie Energie- und Lebensmittelkosten ausweist, im Jahresvergleich um 2,3 % stieg.
“Die Inflation liegt zurzeit in der Nähe des mittelfristigen Zielwerts von 2 %, und die Beurteilung der Inflationsaussichten durch den EZB-Rat ist weitgehend unverändert”, so Lagarde auf der Pressekonferenz. “Das in den neuen EZB-Projektionen vermittelte Bild der Inflation entspricht in etwa den Projektionen vom Juni.”
Die Zentralbank gab wie gewohnt keine Prognosen ab. “Der EZB-Rat legt sich nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest”, so die Bank.
Laut Michael Field, Morningstars Chefstratege für Europa, war die ausbleibende Marktreaktion zu erwarten, da die Anleger ihre Aufmerksamkeit auf die US-Inflationszahl richteten. Diese war im August stärker als erwartet auf 2,9 % gestiegen, hieß es aus den USA.
Lagarde kommentierte die Situation in Frankreich wie erwartet nicht, betonte aber, dass die Märkte für Staatsanleihen der Eurozone reibungslos und geordnet funktionieren.
Welches sind die Leitzinsen der EZB?
Seit dem 11. Juni lauten die drei EZB-Leitzinsen:
- Satz der Einlagefazilität: 2,00 %.
- Hauptrefinanzierungssatz: 2,15%
- Spitzenrefinanzierungsfazilität: 2,40%
Die Entscheidung vom Donnerstag folgt auf eine Senkung um einen Viertelpunkt im Juni und eine Aussetzung im Juli, nach acht Senkungen in etwas mehr als einem Jahr.
Die EZB ist die erste große Zentralbank, die in diesem Monat ihre Geldpolitik festlegt. Die US-Notenbank und die Bank of England werden ihre Entscheidungen nächste Woche, am 17. bzw. 18. September, bekannt geben, während die Schweizerische Nationalbank am 25. September tagt.
Die Erwartung einer Zinssenkung durch die US-Notenbank Fed war am Freitag sprunghaft angestiegen, nachdem neue Daten zeigten, dass die US-Wirtschaft im August nur 22.000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat - weit weniger als erwartet.
Ist die EZB mit der Zinssenkung im Jahr 2025 durch?
Während die Märkte von einer weiteren Zinssenkung der EZB im Dezember ausgehen, gehen die Meinungen der Anleger auseinander. Konstantin Veit, Portfoliomanager bei Pimco, vertritt die Auffassung, dass die EZB ihren Zinssenkungszyklus bereits abgeschlossen hat und die Messlatte für weitere Maßnahmen recht hoch liegt. Geringe Abweichungen vom Inflationsziel von 2 % werden die Entscheidungsträger nicht beeinflussen, die nur mit einer starken Begründung erneut handeln würden.
Peter Vanden Houte, Chefvolkswirt für die Eurozone bei ING, stimmt dem zu. Es wird erwartet, dass die niedrigeren Energiepreise einen Abwärtsdruck auf die Gesamtinflation ausüben werden, der sie zwischen dem vierten Quartal und Mitte 2026 unter 2 % drücken dürfte. “Dennoch wird die EZB dies wahrscheinlich als eine vorübergehende Unterschreitung ansehen”, sagt er. Die längerfristigen Inflationsrisiken sind nach wie vor eher aufwärts gerichtet. “Daher erwarten wir, dass die EZB ihren Leitzins im kommenden Jahr bei 2 % belassen wird. Ein stockender Aufschwung oder eine umfassendere Finanzkrise - möglicherweise ausgelöst durch die politische Instabilität in Frankreich - könnte immer noch zu Zinssenkungen führen, aber dies ist nicht unser Basisszenario”.
Andere sehen Spielraum für mindestens eine weitere Senkung vor Jahresende. Tuan Huynh, Interims-Chefanlagestratege für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa bei BlackRock Investment Institute, erwartet eine Senkung des Einlagensatzes auf 1,75 % im Dezember und hält einen Schritt im Oktober angesichts der hinten anstehenden makroökonomischen Daten für verfrüht.
Auch die DWS sieht Spielraum für eine letzte Senkung in diesem Jahr. Die leitende Volkswirtin Ulrike Kastens verweist auf ein robustes Wachstum, einen weitgehend robusten Arbeitsmarkt und eine Inflation nahe dem Zielwert als Gründe dafür, dass die EZB erst im Dezember und nicht schon früher handeln sollte.
EZB-Inflationsprognose weitgehend unverändert, Wachstumsausblick etwas höher
Die Ökonomen der EZB revidierten auch ihre Wirtschaftsprognosen. Die Mitarbeiter sehen die Gesamtinflation nun im Durchschnitt:
- 2,1% im Jahr 2025 (gegenüber 2,0% in der Prognose vom Juni)
- 1,7% im Jahr 2026 (von 1,6%)
- 1,9% im Jahr 2027 (von 2,0%)
Für die Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel erwarten sie einen Durchschnitt von 2,4% im Jahr 2025, 1,9% im Jahr 2026 und 1,8% im Jahr 2027.
Die EZB hat ihre kurzfristigen Prognosen für die Gesamtinflation leicht angehoben, was auf ein weniger starkes Unterschreiten des Ziels im Jahr 2026 hindeutet, sagt Mark Wall, Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank. Niedrigere Kerninflationsprognosen für 2027 deuten jedoch auf ein längeres Unterschreiten hin - mit dovishen Implikationen. „Die EZB beschreibt den Inflationsausblick als ‚weitgehend unverändert‘, und die Erklärung fällt recht knapp aus. Sie eilt bei der Bewertung der Zahlen für 2027 nicht. Die Zinspause dürfte daher anhalten“, so Wall.
Die Ökonomen der EZB änderten ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone auf:
- 1,2% im Jahr 2025 (gegenüber 0,9% in der Prognose vom Juni)
- 1,0% im Jahr 2026 (von 1,1%)
- 1,3% im Jahr 2027 (unverändert)
Wie wirken sich Zinssenkungen auf die Anleger aus?
Die Aktienmärkte tendieren zu einem Anstieg, wenn Zinssenkungen erwartet werden. Auf den Anleihemärkten bedeuten sinkende Zinssätze niedrigere Renditen, was die Anleihekurse nach oben treibt. Niedrigere Zinsen machen auch bestehende Anleihen (insbesondere solche, die bereits während einer Hochzinsphase begeben wurden) renditemäßig attraktiver.
Gleichzeitig werden die Zinssätze für Sparkonten sinken, was sich auf die Bargeldsparer auswirkt. Im Gegensatz dazu profitieren Kreditnehmer, da Verbraucherschulden und Hypotheken billiger werden.
“Die Anleger werden nicht übermäßig enttäuscht sein, dass die schrittweise Senkung der Zinssätze gestoppt wird”, so Field von Morningstar. “2 % ist ein sehr vernünftiges Zinsniveau, das für Unternehmen in ganz Europa, die in den kommenden Monaten Kredite aufnehmen und investieren wollen, sehr günstig sein dürfte und die Aktienmärkte hierzulande potenziell stützen könnte.
Wann sind die nächsten EZB-Sitzungen im Jahr 2025?
- 30. Oktober
- 18. Dezember

