Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die vorläufige Inflationsrate in der Eurozone stieg im Mai auf 3,2 % an, was den Erwartungen der Ökonomen entsprach und den Wert vom April übertraf.
- Der Iran-Konflikt erweist sich als langfristiger Inflationsfaktor, da sich die gestiegenen Kosten für Energie auf andere Produktkategorien auswirken.
- Die steigende Kerninflation und der zunehmende Preisdruck in weiten Teilen des Euroraums haben die Erwartungen verstärkt, dass die EZB die Zinsen nächste Woche anheben wird.
Nach vorläufigen Daten von Eurostat stiegen die Verbraucherpreise im Euroraum im Mai um 3,2 %; dies entsprach den Konsensprognosen und bedeutete eine Beschleunigung gegenüber den 3,0 % im April. Die Inflation liegt weiterhin über dem 2%-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank.
Die Preissteigerungen waren in erster Linie auf die Energiepreise zurückzuführen, die im Vergleich zum Vorjahr um 10,9 % gestiegen sind, da die anhaltende Blockade der Straße von Hormus die weltweite Energieversorgung einschränkt.
„Die Märkte – und wahrscheinlich auch die EZB – werden sich davon wohl nicht von ihrem Kurs abbringen lassen“, sagt Michael Field, Chefstratege für europäische Märkte bei Morningstar. „3 % sind immer noch weit vom Zielwert entfernt, und sofern der Konflikt nicht morgen endet, dürfte diese Zahl weiter steigen.“
Die Kerninflation, bei der Energiepreise und andere volatile Komponenten wie Lebensmittel unberücksichtigt bleiben, lag bei 2,5 % und damit leicht über der von Trading Economics zusammengestellten Konsensschätzung von 2,4 %. Dies sei „ebenfalls ein Grund zur Sorge, da es darauf hindeutet, dass sich der Preisanstieg weit über die Energiekosten hinaus ausgeweitet hat“, so Field.
Wird die EZB die Zinsen nächsten Donnerstag anheben?
Sowohl die Gesamtinflation als auch die Kerninflation lagen über den Werten vom April, was die ohnehin schon hohe Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die EZB am 11. Juni weiter stärkt.
„Bis heute lag die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei der nächsten EZB-Sitzung bei 92 %“, sagt Field. „Eine Zinserhöhung ist zum jetzigen Zeitpunkt so gut wie sicher.“
Nach der Veröffentlichung der Inflationszahlen am Dienstag deuteten die von Bloomberg zusammengestellten Derivatedaten auf eine Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der EZB von circa 97 %.
„Eine Woche vor der nächsten EZB-Sitzung ist dies hier der erwartete Inflationsanstieg, der die Zentralbank wohl davon überzeugen wird, eine ‚vorbeugende‘ Zinserhöhung zu beschließen“, sagt der ING-Ökonom Carsten Brzeski.
Die Euro-Peripherie ist stärker vom Energiepreis-Schock betroffen als große westliche Volkswirtschaften
Die Inflationsrate im Jahresvergleich war in den osteuropäischen und südeuropäischen Ländern der Eurozone am höchsten.
Bulgarien verzeichnete im Mai mit 6,3 % die höchste Inflationsrate innerhalb der Gruppe, während Griechenland, Litauen und Kroatien ebenfalls Werte um die 5-Prozent-Marke verzeichneten. Die Inflationsrate in Deutschland ging von 2,9 % im Vormonat auf 2,7 % zurück, während sie in Frankreich von 2,5 % auf 2,8 % anstieg.
In Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, war ein deutlicher Anstieg der Inflationsrate im Jahresvergleich zu verzeichnen, und zwar von 2,8 % im April auf geschätzte 3,3 % im Mai.
„Da der Krieg im Nahen Osten nun bereits in den vierten Monat geht, hat sich der Energiepreisschock verfestigt – auch wenn die Ölpreise tatsächlich niedriger sind, als viele es hinsichtlich der Dauer des Krieges erwartet hatten“, so Brzeski. „Dies ist auch der Grund, warum es bei der Sitzung der EZB in der kommenden Woche keine automatische Anpassung der Inflations- und Wachstumsprognosen geben wird.“

