Die wichtigsten Erkenntnisse
- Aufgrund des vorläufigen Friedensabkommens zwischen den USA und dem Iran fielen die Ölpreise auf ein Mehrmonatstief.
- Analysten warnen, dass es noch einige Zeit dauern könnte, bis die Öl- und Gaspreise wieder das Vorkriegsniveau erreichen.
- Zu den Risiken für die Ölpreise zählen Transportversicherungen, Minen, eine erneute Sperrung der Straße von Hormus sowie eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten.
Die Vereinigten Staaten und der Iran haben möglicherweise eine vorläufige Einigung erzielt, um den Krieg zu beenden, den US-Präsident Donald Trump im Februar begonnen hatte. Analysten warnen jedoch, dass es noch einige Zeit dauern könnte, bis die Ölpreise wieder das Vorkriegsniveau erreichen.
Nach der am späten Sonntag bekannt gegebenen Einigung sind die Brent-Rohöl-Futures um rund 30 % im Vergleich zu ihrem Höchststand in der Mitte der Krise auf etwa 80 USD gefallen. Das sind 10 USD mehr als der Kurs, zu dem Öl gehandelt wurde, als 28. Februar die Angriffe der USA und Israels auf den Iran am begannen. Die US-West-Texas-Intermediate-Futures fielen auf etwa 78 USD. Da die Einzelheiten des Abkommens noch nicht veröffentlicht wurden und viele wichtige Fragen offenbar noch ungeklärt sind, ist weiterhin Vorsicht geboten.
„Rechnen Sie nicht damit, dass das Vorkriegsniveau bald wieder erreicht wird“, sagt Allen Good, Director der Aktienanalyse bei Morningstar. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Lieferungen den Markt erreichen. Gleichzeitig müssen die Lagerbestände wieder aufgefüllt werden. Das dürfte zu einer höheren Untergrenze für die Ölpreise führen als vor dem Krieg, als die Märkte die Erwartung eines Überangebots im Jahr 2026 bereits eingepreist hatten.“
Ungewisse Aussichten für Ölförderung
Am Montag senkte Goldman Sachs seine Prognose für den Brent-Rohölpreis zum Jahresende auf 80 USD, während der WTI-Preis zum Jahresende 2026 voraussichtlich bei rund 75 USD liegen wird. Die Bank geht davon aus, dass sich die Ölexporte aus dem Persischen Golf bis Ende Juli wieder auf das Vorkriegsniveau normalisieren und die regionale Produktion bis Oktober wieder anlaufen wird.
Good von Morningstar erklärt, dass unter der Annahme einer raschen Wiedereröffnung dieser wichtigen Wasserstraße, über die etwa ein Fünftel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Öl- und Gasmengen befördert wird, die Exporte zügig wieder aufgenommen werden könnten – zunächst aus den bereits in Tankern befindlichen Vorräten, kurz danach dann aus der stillgelegten Produktion. „Dies dürfte den Druck auf die weltweite Versorgungslücke mindern, bei der man bislang weitgehend auf den Abbau von Lagerbeständen angewiesen war, um die Ölpreise in Schach zu halten.“
Einige Analysten zeigen sich skeptischer. Capital Economics geht davon aus, dass es zwei bis drei Monate dauert, bis die Ölförderung wieder 80 % des Vorkriegsniveaus erreicht. Das Unternehmen rechnet ebenfalls damit, dass die Ölpreise zum Jahresende in etwa auf dem aktuellen Niveau liegen, warnt jedoch vor einem möglichen kurzfristigen Preisanstieg.
„Ich würde einen Anstieg des Ölpreises in naher Zukunft nicht ausschließen“, sagt David Oxley, Chefökonom für Klima und Rohstoffe bei Capital. Da nach wir vor nur wenige Einzelheiten zu dem Abkommen bekannt sind, vermutet er, dass es zu Beginn dieser Woche möglicherweise zu einem verfrühten Ausverkauf an den Energiemärkten kam. Unterdessen könnte die erneute politische Fokussierung auf Energiesicherheit und die Auffüllung der weltweit geschrumpften Lagerbestände den Aufwärtsdruck auf die Ölpreise aufrechterhalten.
„Die Bemühungen zum Wiederaufbau der Lagerbestände könnten verhindern, dass die Ölpreise stärker fallen, als das sonst der Fall gewesen wäre“, merkt Oxley an.
LNG-Preise könnten dieses Jahr steigen
Die Erholung der Preise für Flüssigerdgas könnte länger dauern. Der europäische Referenzpreis für Erdgas, der niederländische Terminkontrakt TTF, bewegte sich am Dienstag um die 42 EUR pro Megawattstunde und lag damit rund 12 EUR über dem Vorkriegsniveau. Capital Economics geht jedoch davon aus, dass die Preise im Winter auf der Nordhalbkugel erneut in die Höhe schnellen könnten, wobei sie im Durchschnitt bei etwa 55 EUR pro MWh liegen dürften.
„Der LNG-Markt wird in den nächsten Monaten weitere Einbußen hinnehmen müssen“, sagt Oxley und fügt hinzu, dass es mehrere Jahre dauern könnte, bis sich die Produktion wieder normalisiert. Die Prognose folgt auf Warnungen aus Katar vom März, wonach iranische Angriffe 17 % der dortigen LNG-Kapazitäten für bis zu fünf Jahre lahmgelegt hätten. Berichten vom Dienstag zufolge strebt Katar jedoch an, den Großteil seiner Exportkapazitäten innerhalb von zwei Monaten wiederherzustellen.
Was wenn das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran scheitert?
Die Märkte warten auf weitere Einzelheiten zur Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran, die am Freitag in der Schweiz unterzeichnet werden soll. Zu den Hauptrisiken für eine rasche Wiederaufnahme der Öllieferungen zählen das mögliche Vorhandensein von Minen in der Meerenge, eine erneute Sperrung der Schifffahrtsroute durch den Iran sowie eine allgemeine Eskalation der regionalen Feindseligkeiten. Sollte einer dieser Faktoren bis zum Jahresende und bis ins Jahr 2027 hinein zu einer weiteren Blockade der Meerenge führen, könnten die Brent-Preise laut Goldman 130 USD erreichen.
Sollte das Abkommen in der Zwischenzeit scheitern, warnen Analysten, dass der Transitverkehr durch die Meerenge wahrscheinlich wieder ein Rinnsal werden und die Ölpreise innerhalb weniger Monate wieder steigen, weil die Lagerbestände auf ein kritisches Niveau sinken. Vor Abschluss des Abkommens prognostizierte Wood Mackenzie, dass die US-Rohölvorräte innerhalb von ein bis zwei Monaten ein kritisches Niveau erreichen könnten, was die Preise möglicherweise auf 140 USD pro Barrel treiben würde.
„Sollte es scheitern, [könnten die Märkte] eine Rückkehr zur aktuellen Situation erwarten, bei der zwar ein Teil der Mengen aus der Meerenge abfließt, jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau als vor dem Krieg, und bei der man weiterhin auf Lagerbestände angewiesen bleibt. Das ist nicht nachhaltig, und da die Lagerbestände bereits stark aufgebraucht sind, würden die Preise wahrscheinlich deutlich steigen, um die erforderliche Nachfragereaktion anzuregen“, so Good von Morningstar.

