Was passiert, wenn OpenAI seinen Börsengang bis 2027 verschiebt?

Drei Szenarien, sollte einer der mit Hochspannung erwarteten IPOs dieses Jahres verschoben werden.

Das OpenAI-Logo, das auf einem Smartphone-Bildschirm angezeigt wird.
Samuel Boivin/NurPhoto via Getty

Es sollte das Jahr der Mega-Börsengänge werden. Doch OpenAI könnte dem Plan einen Strich durch die Rechnung machen. „OpenAI und Anthropic müssen an die Börse gehen, damit auch andere Softwareunternehmen den Sprung an den Markt wagen“, sagt Brian White, Co-Leiter des Bereichs Technology Investment Banking bei Piper Sandler. „Der Markt rechnet mittlerweile damit – es ist also keine Frage des ‚Ob‘, sondern nur des ‚Wann‘.“

Nachdem das Unternehmen im letzten Monat bekannt gegeben hatte, es habe bereits vertraulich Entwürfe der Börsenzulassungsunterlagen bei der SEC eingereicht, veranlassten laut „New York Times“ Bedenken wegen der Lage an den Aktienmärkten und der wachsenden Verluste des Unternehmens die Führungskräfte von OpenAI, eine Verschiebung bis 2027 in Erwägung zu ziehen.

Zwar beeinflussen zahlreiche Faktoren den endgültigen Zeitplan jedes einzelnen Börsengang-Anwärters, doch wird jede Entscheidung von OpenAI Auswirkungen auf alle anderen haben. Betrachten wir drei Optionen.

Szenario A: OpenAI verschiebt, Anthropic geht voran

Sollte OpenAI seinen Börsengang verschieben, würde das dem Konkurrenten Anthropic die Chance geben, den Schritt zuerst zu machen und davon zu profitieren. „Das Unternehmen, das den Anfang macht, darf ‚die Spielregeln‘ festlegen – welche Unternehmen vergleichbar sind, wie die Bewertung aussieht und welche Kennzahlen und Erfolgskriterien maßgeblich sind“, erklärt Lise Buyer, Partnerin und Gründerin der IPO-Beratungsfirma Class V Group. „Der Wettbewerber muss entweder diesem Beispiel folgen oder potenziellen Investoren klar darlegen, warum er sich unterscheidet und anders behandelt werden sollte.“

Anthropic liegt im Wettlauf um die Unternehmensbewertung bereits vorn und erreichte im Frühjahr einen Wert von 965 Milliarden US-Dollar, kurz nachdem OpenAI kurz zuvor die Marke von 852 Milliarden US-Dollar überschritten hatte. Ein früherer Börsengang würde es Anthropic ermöglichen, seinen Vorsprung weiter auszubauen.

Eine liquide Aktie würde Anthropic zudem bei der Personalbeschaffung und bei Fusionen und Übernahmen unterstützen, da potenzielle Mitarbeiter und Übernahmeziele Zugang zu echter Liquidität erhielten. Bei Unternehmenskunden könnte der Börsengang das Vertrauen in das Unternehmen stärken, weil sie dann regelmäßige Finanzberichten erhielten.

Dieses Szenario muss für OpenAI jedoch nicht unbedingt nur düster aussehen. „Als Erster anzutreten, kann sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil sein“, sagt Buyer. „Der Zweite kann aus den Herausforderungen lernen, denen sich der Erste im Lauf des Prozesses stellen musste.“

Szenario B: OpenAI verschiebt, Anthropic auch

Der IPO-Termin von Anthropic hängt nicht ausschließlich von OpenAI ab, ist aber ein zu berücksichtigender Faktor. „Die Verzögerung [könnte] Anthropic Spielraum verschaffen, um zu beweisen, dass Claude sich behaupten kann“, bevor das Unternehmen an die Börse geht, sagt Harrison Rolfes, Senior Analyst bei PitchBook, der auf Privatunternehmen spezialisiert ist. „Die bessere Strategie wäre, wenn Anthropic den Zeitpunkt seines Börsengangs nicht an dem von OpenAI ausrichtet, sondern an die Fähigkeiten von Claude und daran, dass die offenen Punkte mit der Regierung geklärt werden. Dann bewertet der Markt den Aktienkurs anhand des Wettbewerbsvorteils und nicht anhand der zeitlichen Abfolge.“

Eine Verzögerung könnte Fragen aufwerfen in Bezug auf die Finanzlage von OpenAI und ganz allgemein hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit Künstlicher Intelligenz. Sollten andererseits Befürchtungen zunehmen, der Sektor sei überbewertet und die Bewertungen überhöht, könnte das wiederum andere Unternehmen veranlassen, ihre Pläne für den Börsengang vorerst auf Eis zu legen.

„Sollte OpenAI seinen Börsengang bis 2027 verschieben, wird das für das Unternehmen am teuersten, da es am meisten zu verlieren hat“, sagte Rolfes. „Das Unternehmen steht derzeit unter Kapitaldruck und ist auf die öffentlichen Märkte angewiesen, um das zur Deckung seines Kapitalverbrauchs erforderliche Kapital zu beschaffen.“

Szenario C: OpenAI verschiebt nicht und erreicht keine Bewertung von 1 Billion USD

Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass OpenAI aufhört, zu viel nachzudenken, und den Schritt zu einem moderateren Preis wagt. Berichten zufolge hofft CEO Sam Altman auf eine Bewertung beim Börsengang von 1 Billion US-Dollar, angesichts der Bedenken hinsichtlich der Rentabilität des Unternehmens könnte das aber eine echte Herausforderung sein. Dennoch sind Investoren der Ansicht, dass OpenAI nach dem Börsengang weiterhin die Chance haben könnte, diesen Meilenstein zu erreichen.

„Es gibt ein Szenario, in dem OpenAI zu einem Unternehmen wie Google, Apple, Microsoft oder Amazon werden kann, und was sie heute tun, ist für ein Start-up nicht ungewöhnlich. Sie gehen viele Wetten ein“, sagt David Yakobovitch, General Partner bei DataPower Capital, einem Investor von OpenAI. „Nicht jede Wette wird aufgehen, und für einen Börsengang müssen alle Unternehmen ihre Kosten im Griff behalten.“

In den letzten Monaten hat sicj OpenAI neu ausgerichtet. Im April stellte das Unternehmen seine App zur Videogenerierung ein, und intern soll es Berichten zufolge begonnen haben, einen stärkeren Schwerpunkt auf die Gewinnung von Unternehmenskunden zu legen. Vorrang hat nun Codex, die KI-Anwendung zur Codegenerierung und Antwort auf die beliebte Lösung Claude Code von Anthropic.

Die Entscheidung, noch in diesem Jahr an die Börse zu gehen, könnte jedoch den Druck auf das Unternehmen weiter erhöhen, sich noch stärker zu fokussieren und Kosten zu senken. „Ich denke, die Bewertung von 1 Billion US-Dollar ist derzeit vermutlich die am schwersten zu schluckende Pille“, sagte Yakobovitch.

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