Was die Fed-Zinserhöhung jetzt für Aktien bedeutet

Boom bei KI-Infrastruktur, starke Gewinne, hohe Ölpreise, steigende Zinssätze und Sorgen um die KI- Sicherheit: Es wirken viele wechselhafte Strömungen.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Nach der Zinserhöhung der Federal Reserve suchen Analysten nach solide Unternehmensgewinnen, die dem Aktienmarkt bis Ende des Jahres Rückenwind geben.
  • Die Marktaussichten werden durch hohe Ölpreise erschwert, die die Inflation anzuheizen drohen und möglicherweise zu weiteren Zinserhöhungen führen.
  • Analysten zufolge sind Anleger zudem besorgt über einen möglichen Rückgang der Infrastrukturausgaben im Bereich Künstlicher Intelligenz.

Nach monatelanger Vorlaufzeit ist die erste Zinserhöhung der Federal Reserve seit drei Jahren nun endlich Geschichte, und der Aktienmarkt hat es weitgehend unbeschadet überstanden. Der Fokus richtet sich nun wieder ganz auf die Faktoren, die dem Aktienmarkt geholfen haben, sich von dem Einbruch im Frühjahr zu erholen und zweistellige Renditen zu erzielen: eine starke Wirtschaft und kräftige Zuwächse bei den Unternehmensgewinnen.

Der Morningstar US Total Market Index stieg 2026 bis einschließlich Donnerstag 12,6 Prozent und verzeichnete gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von rund 15 Prozent. Der Markt liegt derzeit etwa 3 Prozent unter seinem jüngsten Allzeithoch, das im August erreicht wurde.

„Wir sind der Ansicht, dass der Bullenmarkt weiter intakt ist“, schrieb David Lefkowitz, Leiter des Bereichs US-Aktien bei UBS Global Wealth Management, am Donnerstag.

Gleichzeitig erzeugen der eskalierende Konflikt im Nahen Osten, die eingeschränkte Ölversorgung und der Aufwärtsdruck bei den Energiekosten Gegenwind für den Aktienmarkt und die Weltwirtschaft. „Der Markt hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen“, sagt Gina Martin Adams, Chef-Anlagestrategin bei HB Wealth.

Analysten sagen, die anhaltende Dynamik der Gewinne helfe den Aktien, die verbleibenden Unsicherheiten in Bezug auf Inflation, Zinssätze und einen möglichen Rückgang der Ausgaben für Künstliche Intelligenz in den kommenden Monaten zu überwinden, falls sich Sicherheitsbedenken verstärken.

Starke Gewinne gelten als Treibstoff für einen anhaltenden Bullenmarkt

Bislang treiben die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft und massive Investitionen in Künstliche Intelligenz das starke Gewinnwachstum. Ohne einmalige nicht operative Gewinne stieg der Gewinn des S&P 500 im zweiten Quartal um 32 Prozent – laut Wells Fargo „das stärkste Wachstum seit der Erholung nach der Pandemie 2021“. Analysten erwarten, dass sich die Dynamik der Gewinne bis zum Jahresende fortsetzt. Wall-Street-Analysten erwarten laut FactSet, dass der S&P 500 im laufenden Quartal ein aggregiertes Gewinnwachstum von 28,7 Prozent verzeichnen wird – das dritte Quartal in Folge mit einem Wachstum von über 25 Prozent. In den letzten fünf Jahren betrug das vierteljährliche Gewinnwachstum des Index durchschnittlich 16,4 Prozent.

„Generell gilt: Solange die Gewinne steigen – und insbesondere, wenn sie in den meisten Branchen weiter an Dynamik gewinnen –, bleibt der Markt relativ stabil, wenn er nicht sogar weiter zulegt“, sagt Martin Adams.

Ölpreise bleibt ein Dorn im Auge des Marktes und der Fed

Der Iran-Konflikt daueret jetzt fast sieben Monate und seine zunehmenden Auswirkungen auf die Ölversorgung gibt weiter Anlass zur Sorge. Der Ölpreis erholte sich von seinen Tiefstständen im Hochsommer: Brent-Rohöl, die globale Referenzsorte, notierte am Freitag bei 105 US-Dollar pro Fass, während die Pattsituation in der Straße von Hormus anhielt und iranische Verbündete im Jemen die alternativen Transportwege Saudi-Arabiens im Roten Meer unterbrachen. Die steigenden Ölpreise treiben die Kosten für Benzin, Diesel und andere Kraftstoffe in die Höhe, was die Inflation auf einem hohen Niveau hält und wahrscheinlich eine Rolle bei der Zinserhöhung der Fed um einen Viertelpunkt gespielt hat.

Hohe Ölpreise und der dadurch entstehende Inflationsdruck würden den Aktienmarkt bei anhaltender Entwicklung belasten, so Martin Adams. „Der Ölpreis muss wieder Richtung 100 US-Dollar pro Fass.“ Sie verwies auf die Probleme im Zusammenhang mit steigenden Dieselkosten, die sich – da Diesel der wichtigste Kraftstoff der Lkw-Branche ist – auf die Lieferketten auswirken und auf die Preise in anderen Bereichen als dem Energiesektor übergreifen könnten.

„Die Tatsache, dass der Dieselpreis über 6 US-Dollar liegt, ist besonders problematisch, und das sorgt für große Nervosität am Markt“, fügte sie hinzu.

Steigende Preise drohen, Aktien zu dämpfen

Bei der Anhebung der Zinssätze verwies die Fed auf einen „erhöhten“ Inflationsdruck. Die Inflation liegt seit fünf Jahren über dem Zielwert der Fed von 2 Prozent, und während viele Ökonomen davon ausgehen, dass sich der Aufwärtsdruck auf die Preise abschwächen wird, schätzte der Anleihe-Futures-Markt am Donnerstag die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr auf etwa 50 Prozent und für zwei weitere Erhöhungen auf fast 40 Prozent, wie aus Daten der CME Group hervorgeht.

„Die Inflationserwartungen sind bislang recht gut unter Kontrolle“, sagt David Sekera, Chefstratege für den US-Markt bei Morningstar. Ändere sich das, so sagt er, „dann steigen auch die Realzinsen. Ein Ertrag von 6 Prozent [bei 10-jährigen US-Staatsanleihen] wäre möglich, wenn die Marktteilnehmer höhere Inflationserwartungen einpreisen.“ Steigende Erträge würden voraussichtlich mehr institutionelles Kapital aus dem Aktienmarkt in festverzinsliche Wertpapiere lenken, „aber meine größte Sorge ist, dass höhere Erträge für Aktien verlangt werden. Genau das könnte den Aktienmarkt tatsächlich in eine Abwärtsbewegung treiben“, sagte er.

Trotz zahlreicher widriger Umstände hat die US-Wirtschaft bislang die Schocks überraschend gut verkraftet. Der Arbeitsmarktbericht für August zeigte, dass die Arbeitslosenrate am Ende eines für den Arbeitsmarkt besser als erwarteten Sommers auf einem historisch niedrigen Niveau stabil blieb. Die in dieser Woche veröffentlichten Daten zu den Einzelhandelsumsätzen im August deuteten darauf hin, dass die Verbraucher Preissteigerungen verkraften und weiterhin Geld für nicht notwendige Konsumgüter ausgeben.

KI sieht sich mit neuen Bedenken konfrontiert

Die Stärke der Infrastrukturausgaben für KI ist ein weiterer Faktor, der die Aktienmärkte kurzfristig beflügelt. Goldman Sachs schätzt, dass die weltweiten Investitionen in KI in diesem Jahr die Marke von 1 Billion US-Dollar überschreiten – ein Investitionsvolumen, das das rasante Wachstum der Zulieferer der Branche vorantreibt. Goldman prognostizierte im letzten Monat, dass der Anteil der KI-Investitionen am US-Bruttoinlandsprodukt von 1,8 Prozent 2026 auf 2,5 Prozent 2027 und 2,8 Prozent 2028 steigen wird.

Optimistische Prognosen für KI-Investitionen wurden diese Woche in Frage gestellt, nachdem führende Persönlichkeiten aus dem KI-Bereich, darunter Elon Musk von SpaceX SPCX, Sam Altman von OpenAI und Dario Amodei von Anthropic, angesichts wachsender Sicherheitsbedenken ihre Unterstützung für eine Verlangsamung der KI-Entwicklung zum Ausdruck gebracht hatten. Eine vorsichtigere Entwicklung „bedeutet für die Begünstigten einen längeren, aber langsameren Wachstumszyklus“, sagte Gina Martin Adams, die davon ausgeht, dass die Unsicherheit hinsichtlich künftiger KI-Ausgaben so lange anhält, bis die Hyperscaler Alphabet GOOG / GOOGL, Microsoft MSFT und Amazon AMZN Ende Oktober ihre Gewinne für das dritte Quartal veröffentlichen.

Martin Adams meint jedoch, dass der KI-Sektor möglicherweise nicht ganz so lange in der Schwebe bleiben wird. „Kommt es [vor Beginn der Berichtssaison] zu einem Börsengang von Anthropic, erhalten wir zahlreiche detaillierte Finanzberichte, die es Anlegern ermöglichen, die Rentabilität von KI aus der Perspektive der Modellentwickler zu bewerten – was meiner Meinung nach einem Markt, der derzeit hinsichtlich der [KI-Sicherheit] verunsichert ist, einen gewissen Trost spenden könnte“, sagte Martin Adams.

Sekera von Morningstar erwartet, dass der Markt noch länger auf die nötige Klarheit warten wird, um die positive Stimmung gegenüber Mega-Caps wie Nvidia NVDA, Broadcom AVGO und den Hyperscalern wiederzubeleben, die von den Morningstar-Analysten als unterbewertet angesehen werden. „Der Markt muss auf das Wachstum 2028 setzen“, sagte er. „Das geschieht wahrscheinlich erst im ersten Quartal des nächsten Jahres, vielleicht sogar erst im zweiten Quartal, da diese Unternehmen derzeit ihre Investitionsausgaben und Pläne für die Produktion 2028 ausarbeiten.“

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