Warum fällt der Goldpreis trotz der Unsicherheit durch den Iran-Krieg?

Angesichts zunehmender Volatilität bestimmen wirtschaftliche Kräfte und nicht geopolitische Faktoren den Kurs des Goldes.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Goldpreis trotz der gestiegenen Marktunsicherheit, die normalerweise die Nachfrage nach sicheren Anlagen ankurbelt, stark gefallen auf zuletzt unter 4.200 US-Dollar pro Unze.
  • Inflationsängste und der US-Dollar stellen entscheidende Gegenwinde dar: Beides steigt, wodurch die Attraktivität von zinslosen Anlagen gesunken ist.
  • Experten sind der Ansicht, dass die langfristigen Aussichten weiterhin intakt sind: Die Nachfrage der Zentralbanken und die geopolitische Fragmentierung stützen Gold weiterhin als strategische Anlage.

Als am 28. Februar Raketen über den Iran flogen, reagierten die Märkte nach einem altbekannten Muster: Die Ölpreise schossen in die Höhe, die Aktienkurse fielen, und die Anleger flüchteten sich – zumindest anfangs – in sichere Häfen. Gold, der älteste aller sicheren Häfen, stieg innerhalb weniger Tage auf über 5.400 US-Dollar pro Unze.

Doch dann - obwohl der Krieg mit unverminderter Heftigkeit weiterging - stagnierte der Goldpreis mehrere Wochen lang, bevor er am Montag auf rund 4.200 US-Dollar abstürzte.

Gold wird häufig als Absicherung gegen Inflation genutzt und bewahrt in der Regel langfristig die Kaufkraft. Kurzfristig können seine Renditen jedoch enttäuschend ausfallen, insbesondere wenn die Realzinsen – also die inflationsbereinigten Renditen – steigen.

Laut Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, ist „Gold eher eine Absicherung gegen die breiteren Auswirkungen von Konflikten als gegen direkte Kriegsrisiken“. Seine jüngste Entwicklung spiegele das historische Verhalten in solchen Phasen wider, in denen Anleger Liquidität suchen und Alternativen wie Energieanlagen in Betracht ziehen. „So stieg der Goldpreis beispielsweise nach dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 um 15 %, fiel dann aber um 15 bis 18 %, als die US-Notenbank die Zinsen anhob. Dasselbe geschah während des Golfkriegs und des Irakkriegs; die Preise stiegen zu Beginn um 17 % bzw. 19 %, sanken jedoch wieder, als sich die Spannungen abmilderten.“

Vom geopolitischen Schock zum Inflationsschock

„Was wir derzeit beobachten, ist ein Musterbeispiel für das, was ich als ‚Ölschock-Paradoxon‘ auf den Goldmärkten bezeichnen würde“, sagt Daniel Marburger, CEO von StoneX Bullion. Dieses „Paradoxon“ bezieht sich auf die überraschende Tatsache, dass die durch Öl getriebene Energieinflation den US-Dollar und die Zinssätze stärkt, die einem inflationsgeschützten Vermögenswert wie Gold entgegenwirken, der eigentlich davon profitieren sollte. „Der anfängliche Anstieg war völlig rational, ein klassischer Flucht-in-sichere-Häfen-Reflex auf einen großen geopolitischen Schock“, sagt er. Die Umkehr spiegelt jedoch eine tiefgreifendere Veränderung wider.

Laut Marburger wird „der Ölpreisanstieg nun als Inflationsgefahr gewertet“. Diese Umdeutung – vom geopolitischen Schock zum Inflationsschock – war entscheidend. Investoren, die zuvor für 2026 mehrere Zinssenkungen erwartet hatten, preisen nun einen weitaus restriktiveren geldpolitischen Kurs ein. Deshalb „verändert dies die Kalkulation der Fed“, sagt er.

Gleichzeitig hat der US-Dollar an Wert gewonnen, da Ölkrisen in Zeiten akuter Belastungen tendenziell die Rolle des Dollars als globale Reservewährung stärken, was für das gelbe Metall einen weiteren Gegenwind darstellt.

„Die gestiegenen Erwartungen hinsichtlich einer strafferen Geldpolitik der Zentralbanken haben die Realrenditen in die Höhe getrieben und angesichts der Rolle des US-Dollars als sicherer Hafen sowie der Position der USA als Nettoenergieexporteur den Greenback gestützt“, sagt Matt Bance, Lösungsstratege und Portfoliomanager bei T. Rowe Price. „Höhere Realrenditen und ein stärkerer US-Dollar stellen direkte Gegenwinde für eine nicht verzinsliche Anlage wie Gold dar“, fügt er hinzu.

Gleichzeitig erklärt Marburger von StoneX: „Akute geopolitische Spannungen kommen zunächst der weltweit führenden Reservewährung zugute, doch langfristig stützen Inflationssorgen die Edelmetalle.“

Positionierungsdruck und Marktmechanismen

Auch kurzfristige Marktentwicklungen haben eine Rolle gespielt. Gold geriet nach einer starken Aufwärtsbewegung im Jahr 2025 in die aktuelle Krise: Ein struktureller Vertrauensverlust in die Geldpolitik, die Haushaltsdisziplin und die politische Stabilität der USA sowie die anhaltenden Käufe der Zentralbanken stützten den Preisanstieg um 65 % im vergangenen Jahr, wodurch seine Fähigkeit, nun zusätzliche Zuflüsse in sichere Anlagen anzuziehen, eingeschränkt wurde. Stattdessen haben Anleger die Volatilität genutzt, um ihr Engagement zu reduzieren und Gewinne mitzunehmen.

„Wenn der Dollar in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten an Wert gewinnt, geraten Händler unter Druck“, sagt Marburger von StoneX. „Gold wird nicht verkauft, weil man es für eine schlechte Anlage hält, sondern weil es liquide ist und man schnell Bargeld benötigt.“

Gold verliert also nicht deshalb an Wert, weil das geopolitische Risiko abgenommen hat, sondern weil die durch den Ölpreis ausgelösten Inflationsängste die Erwartungen hinsichtlich Zinssenkungen dämpfen, der Dollar stärker ist und gehebelte Positionen aufgelöst werden.

Wie geht es mit Gold weiter?

Beide Experten beurteilen die langfristigen Aussichten für Gold weiterhin positiv. Der Weg dorthin scheint jedoch holpriger zu sein als noch vor zwei Monaten.

Laut Bance von T. Rowe Price „wird die Entwicklung des Goldpreises in den kommenden Monaten von vier wesentlichen, miteinander verknüpften Faktoren bestimmt werden: den Realrenditen, dem Ausmaß und der Dauer des energiepolitischen und geopolitischen Schocks, der Stärke des US-Dollars sowie den Kapitalflüssen.“

Insgesamt, so Bance, sei das wahrscheinlichste kurzfristige Ergebnis eine Phase erhöhter Volatilität, da diese Sichtweisen miteinander konkurrieren. „Längerfristig sprechen strukturelle Faktoren – insbesondere die anhaltende Nachfrage der Zentralbanken und die erhöhte politische Unsicherheit – dafür, Gold bis ins Jahr 2026 als strategische Anlage zu betrachten und nicht als rein taktischen Handel.“

Der Goldpreis liegt nach wie vor deutlich über dem Niveau von vor einem Jahr, und die fundamentalen Faktoren, die ihn antreiben – geopolitische Fragmentierung, Entdollarisierung, hohe Verschuldung und strukturelle Nachfrage seitens der Zentralbanken – haben sich nicht geändert.

Für dieses Jahr bleiben die Großbanken grundsätzlich optimistisch. Die UBS hält an ihrem Kursziel von 6.200 USD bis September 2026 fest, die Deutsche Bank bekräftigte ihr Kursziel von 6.000 USD/Unze, und die Société Générale geht nun davon aus, dass Gold bis zum Jahresende 6.000 USD/Unze erreichen wird.

Bei StoneX herrscht intern die Ansicht, dass das aktuelle Kursniveau angesichts der bestehenden Unsicherheiten dem fairen Wert entspricht, wobei mit deutlichen Kursgewinnen zu rechnen ist, falls sich der Konflikt verschärft oder Stagflation - eine Kombination aus hoher Inflation, stagnierendem Wirtschaftswachstum und erhöhter Arbeitslosigkeit - einen politischen Kurswechsel erzwingen. Andererseits sind weitere Kursrückgänge zu erwarten, falls die Inflationsdaten die US-Notenbank Fed dazu zwingen, ihre restriktive Geldpolitik bis Mitte des Jahres beizubehalten.

Was sollten Anleger jetzt tun?

Wenn es um Portfolioentscheidungen geht, ist das Schlimmste, was ein Anleger tun kann, emotional auf kurzfristige Kursschwankungen zu reagieren. Sowohl Marburger als auch Bance betonen, dass Gold eher als strategische Anlage denn als taktischer Handel betrachtet werden sollte, gestützt durch die strukturelle Nachfrage seitens der Zentralbanken und seine Rolle als Absicherung im Portfolio.

Daniel Marburger gibt eine Prognose ab, die eine Gewichtung von 10 bis 15 % in Edelmetallen innerhalb eines diversifizierten Portfolios vorsieht, wobei Anleger, die ernsthafte Bedenken hinsichtlich systemischer Risiken, einer Dollarentwertung oder eines Hard-Landing-Szenarios hegen, eher am oberen Ende dieser Spanne ansetzen sollten. Das Konzept von StoneX ist in dieser Hinsicht eindeutig: Absicherungsmaßnahmen gewinnen wieder an Bedeutung, und angesichts finanzieller und geopolitischer Spannungen sind Energie und Gold die geeigneten Instrumente.

Gleichzeitig empfiehlt Matt Bance, eine Übergewichtung in Gold zu halten und gleichzeitig eine Untergewichtung bei der Duration beizubehalten. „Gold kann, ähnlich wie Anleihen, dazu beitragen, Kursrückgänge bei Aktien in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche und sinkender Realrenditen abzufedern, hat sich jedoch bei steigenden Realrenditen als widerstandsfähiger erwiesen als Anleihen.“

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