Die wichtigsten Erkenntnisse
- KI wird zum entscheidenden Wachstumstreiber – mit den größten Chancen bei Unternehmen, die sie konkret in Prozesse und Geschäftsmodelle integrieren.
- Aus Globalisierung wird Re-Globalisierung: Lieferketten werden regionaler, Kapitalströme verschieben sich – und neue regionale Gewinner entstehen.
- Für Anleger gilt: Breitgestreute Marktstrategien reichen nicht mehr aus, Diversifikation über Regionen und Geschäftsmodelle wird entscheidend.
Künstliche Intelligenz, verschobene Handels- und Kapitalströme, Gegenwind für den US-Dollar sowie die Bedeutung shareholder-zentrierter Governance-Strukturen ändern das Spielfeld für Unternehmen und Investoren. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, erklärt im Interview, wie sich diese Umbrüche auf Anlagechancen auswirken – und wo Anleger genauer hinschauen sollten.
Antje Schiffler: Die Weltwirtschaft verändert sich derzeit schneller als seit Jahrzehnten – durch KI, geopolitische Spannungen und neue Industriepolitik. Stehen wir vor einem strukturellen Bruch für Investoren?
Christophe Braun: Wir beobachten eine strukturelle Verschiebung der globalen Wirtschaftsordnung, eine strukturelle Neuordnung. Die vergangenen 30 Jahre waren stark von Globalisierung, Effizienz und Just-in-Time geprägt. Jetzt sehen wir Resilienz, Sicherheit und strategische Autonomie als neue Prioritäten. Hinzu kommt der Produktivitätsschub durch künstliche Intelligenz. Diese Kombination verändert Wertschöpfungsketten, Investitionsströme und letztlich auch die Gewinner und Verlierer an den Märkten.
KI als Wachstumstreiber: Die zweite Welle der Gewinner
Morningstar: Sie sprechen die möglichen Produktivitätsgewinne durch KI an. Warum sind diese aktuell so zentral?
Braun: In vielen Volkswirtschaften schrumpft oder altert die Erwerbsbevölkerung. Gleichzeitig ist der Spielraum für weiteres Kapitalwachstum begrenzt. Damit wird Produktivität zum entscheidenden Treiber von Wachstum. Es wird verschiedene Gewinner geben. Zum einen Technologie und Halbleiter. Aber das ist nur die erste Ebene. Spannender ist die zweite: Unternehmen, die KI anwenden, um Prozesse zu optimieren – in Industrie, Logistik oder Gesundheitswesen. Wir stehen erst am Anfang der Implementierung.
Morningstar: Sehen Sie hier klare Gewinnerregionen?
Braun: Die USA haben strukturelle Vorteile: eine hohe Risikobereitschaft, tiefe Kapitalmärkte und eine starke Innovationskultur. Das sogenannte „American Exceptionalism“-Narrativ ist nicht verschwunden. Aber es entwickelt sich weiter. China investiert ebenfalls massiv. Europa war bei der KI-Entwicklung vielleicht langsamer, hat aber durchaus Chancen bei der Anwendung. Der entscheidende Punkt wird nicht sein, wer die Technologie erfindet, sondern wer sie produktiv einsetzt.
In Europa gibt es enormen Nachholbedarf bei Infrastruktur, Digitalisierung und Energienetzen. Die Energiewende etwa erfordert massive Investitionen in Netze, Speicher, Kühlung, Halbleiter für Leistungselektronik. Das sind langfristige Themen, die nicht in einem Quartal gelöst werden.
Morningstar: Welche Geschäftsmodelle stehen in diesem Umfeld unter Druck?
Braun: Geschäftsmodelle, die stark auf alte Globalisierungsmuster setzen – also extrem lange, kostenoptimierte Lieferketten ohne Puffer – könnten es schwerer haben. Auch Unternehmen mit geringer Innovationskraft oder starker Abhängigkeit von einzelnen Exportmärkten sind verwundbar. Wir sehen zum Beispiel, dass einseitige Abhängigkeiten vom China-Handel neu bewertet werden.
Re-Globalisierung: Veränderte Kapitalströme schaffen neue Gewinner
Morningstar: Dies ist ein weiterer Knackpunkt, den Sie nennen: die veränderten Handels- und Kapitalströme. Was bedeutet das konkret für Anleger?
Braun: Wir sehen eine Re-Globalisierung: Der Handel verschwindet nicht, aber er wird regionaler und politischer. Lieferketten werden diversifiziert, Produktion teilweise zurückverlagert oder in „freundliche“ Länder verschoben. Das schafft Investitionsbedarf – Fabriken, Infrastruktur, Automatisierung. Für Anleger heißt das: Wertschöpfung verlagert sich, und Kapital folgt dieser Verlagerung. Die veränderten Investitionsströme können zu neuen regionalen Gewinnern führen.
Wir sehen zum Beispiel Anzeichen dafür, dass Kapital nicht mehr automatisch in die USA fließt, sondern verstärkt auch lokale Investitionsmöglichkeiten gesucht werden. Beispiele sind Repatriierungen von Kapital oder veränderte Direktinvestitionen entlang geopolitischer Linien.
Morningstar: Heißt das, US-Aktien verlieren an Attraktivität?
Braun: Nicht zwangsläufig. Die USA verfügen weiterhin über sehr tiefe und liquide Märkte. Aber wenn sich Kapitalflüsse stärker diversifizieren, könnte das dazu führen, dass andere Regionen – etwa Teile Europas oder Asiens – relativ an Attraktivität gewinnen. Für Anleger wird regionale Diversifikation wichtiger.
Warum der US-Dollar weiter dominieren wird
Morningstar: In den USA steigen die Schulden, und die Rolle des US-Dollars in der Weltwirtschaft war zeitweise unter Druck.
Braun: Der US-Dollar bleibt auf absehbare Zeit die dominante Reservewährung. Es gibt derzeit keine skalierbare Alternative mit vergleichbarer Marktgröße und Liquidität. Gleichzeitig ist richtig, dass die Verschuldung der USA steigt. Entscheidend ist, ob Produktivitätsgewinne – etwa durch KI – das Wachstum so stützen, dass die Schuldentragfähigkeit erhalten bleibt. Anleger sollten insbesondere beobachten, ob sich die strukturelle Nachfrage nach US-Assets in Marktindikatoren wie Laufzeitprämien oder Währungsabsicherungen widerspiegelt.
Morningstar: Sie sehen also keine Anzeichen einer De-Dollarisierung?
Braun: Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven langsam, aber das ist ein gradueller Prozess. Interessanter ist das Verhalten privater Investoren. Solange US-Aktienmärkte stark sind und die Nachfrage nach US-Anleihen hoch bleibt, ist die Dollar-Dominanz intakt. Dennoch: Das Umfeld wird weniger stabil und vorhersehbar als in den vergangenen Jahrzehnten.
3 Top Picks für die strukturelle Veränderung
Morningstar: Was heißt das alles für Anleger konkret?
Braun: Die Welt wird fragmentierter und komplexer. Pauschale Marktengagements funktionieren weniger gut als früher. Regionale Diversifikation, aber auch Diversifikation über Geschäftsmodelle hinweg, gewinnt an Bedeutung. Zudem sollten Anleger stärker auf strukturelle Trends achten als auf kurzfristige Konjunkturzyklen. Unternehmensqualität, Kapitalallokation und Bewertungen rücken stärker in den Fokus.
Morningstar: Nennen Sie uns doch bitte 3 Titel, für die Sie in diesem Umfeld Chancen sehen.
Braun: In diesem Umfeld sehen wir Chancen insbesondere bei Unternehmen, die von strukturellen Veränderungen profitieren. Dazu zählt etwa Schneider Electric SU, das vom Ausbau und der Modernisierung von Stromnetzen sowie der steigenden Nachfrage nach Energieeffizienz profitiert. Im Technologiesektor bleibt Microsoft MSFT interessant, da Produktivitätsgewinne zunehmend über Software, Cloud und digitale Anwendungen realisiert werden. Und mit Blick auf globale Lieferketten sehen wir in DSV DSV einen Profiteur einer stärker regionalisierten und komplexeren Handelsstruktur, da Logistikdienstleister mit globaler Reichweite und entsprechender Flexibilität von dieser Entwicklung besonders profitieren.

