Ein wackeliger Waffenstillstand im Iran: Wie die Märkte reagieren könnten

Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management, äußert sich zu den Risiken und Chancen angesichts des Konflikts im Nahen Osten

Pictet's Luca Paolini on Navigating the Iran War
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Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Angesichts der weiteren Entwicklungen im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens zwischen den USA und dem Iran dürften die Märkte weiterhin volatil bleiben, wobei die Ölpreise voraussichtlich noch einige Zeit über dem Vorkriegsniveau liegen werden.
  • China bietet Chancen, sollte der Konflikt erneut aufflammen, während europäische Aktien und Anleihen profitieren könnten, falls der Waffenstillstand hält.
  • Die US-Zwischenwahlen, das globale Wachstum und Künstliche Intelligenz zählen 2026 weiterhin zu den wichtigsten Risiken, auch wenn der Krieg die Märkte derzeit dominiert.

Karen Gilchrist: Die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten prägen weiterhin die Marktstimmung. Globale Vermögenswerte stehen unter Druck, und die Versorgungsengpässe im Energiebereich dürften noch weit über einen möglichen Waffenstillstand hinaus andauern. Um darüber zu sprechen, wie man sich in volatilen Märkten zurechtfindet, begrüße ich Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management.

Luca, Sie haben sich skeptisch über die bisherige Reaktion der Märkte – oder vielmehr deren Ausbleiben – in den ersten Wochen des Krieges geäußert. Angesichts der Nachrichten über den Waffenstillstand sind Sie nun etwas optimistischer geworden. Erläutern Sie mir bitte Ihre Gründe dafür und sagen Sie mir, wie sich die Märkte Ihrer Meinung nach von hier aus entwickeln werden.

Luca Paolini: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass wir die Reaktion des Marktes stets respektieren. Wenn man sich den Waffenstillstand ansieht, wissen wir, dass es viele Bereiche gibt, in denen noch Unklarheit darüber herrscht, was genau geschehen wird. Was wir jetzt wissen – nämlich, dass der Iran und die USA miteinander sprechen – war vor einigen Wochen noch nicht der Fall. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass wir uns auf eine Phase der Deeskalation zubewegen.

Es wird weiterhin viel Aufruhr geben. Viele Tweets mitten in der Nacht. Aber die Richtung, in die es geht, ist meiner Meinung nach die richtige. Der Markt hat ziemlich deutlich reagiert. Und unsere Sorge ist tatsächlich, dass der Markt – im Vergleich zu früheren Schocks – nie wirklich stark überverkauft war. Es gab keine Kapitulation. Ja, wir sind also etwas optimistischer, was den Ausgang dieses Konflikts angeht. Gleichzeitig sind wir uns aber auch bewusst, dass das Aufwärtspotenzial insbesondere für Aktien zum jetzigen Zeitpunkt recht begrenzt ist.

Ölpreise bleiben deutlich über dem Vorkriegsniveau

Karen Gilchrist: Es ist also in Zukunft mit etwas mehr Schwankungen zu rechnen. Haben Sie bestimmte Schwellenwerte oder Zielwerte im Blick, die Sie beispielsweise für die Ölpreise erwarten? Wohin könnten sich diese Ihrer Meinung nach in den kommenden Monaten entwickeln?

Luca Paolini: Realistisch betrachtet dürfte der Ölpreis von hier aus wahrscheinlich etwas nachgeben, aber er wird nicht mehr das Vorkriegsniveau erreichen. Ich glaube nicht, dass er wieder auf 60 oder 70 USD zurückgehen wird. Ich halte 80 oder 90 USD für ein wahrscheinlicheres Szenario. Und natürlich ist das schlecht für die Weltwirtschaft, aber es ist nicht so schlimm, wie es hätte sein können. Ich halte die Lage also erneut für positiv, aber wir müssen uns bewusst sein, dass es gewisse Risiken für die Weltwirtschaft und die Inflation gibt, die meiner Meinung nach jedoch recht begrenzt sein dürften.

China bietet Chancen inmitten der durch den Krieg bedingten Volatilität

Karen Gilchrist: Ich möchte gerne noch einmal auf das Thema Inflation zurückkommen. Zunächst einmal hat es mich sehr fasziniert, dass Sie chinesische Aktien – oder China im Allgemeinen – als einen Bereich hervorgehoben haben, der sich in diesem Krieg als widerstandsfähig erweist. Erläutern Sie bitte diesen Gedankengang und wo Anleger möglicherweise Chancen finden könnten, falls dieser Konflikt erneut aufflammen sollte.

Luca Paolini: Viele Anleger glauben, dass China sehr anfällig ist, da das Land ein großer Ölimporteur ist. Tatsächlich verfügt China jedoch auch über eine bedeutende Kohleindustrie. Es stehen ihnen also verschiedene Energiequellen zur Verfügung. Auch im Bereich der Elektrifizierung ist China beispielsweise den USA weit voraus. Zudem bin ich der Meinung, dass China in der Vergangenheit in Krisenzeiten oft als eine Art sicherer Hafen fungiert hat.

Das beobachten wir auch bei chinesischen Anleihen, und der Grund dafür ist, dass China gewissermaßen einen eigenen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Zyklus hat. Selbst wenn China natürlich nach wie vor ein risikoreicher Investitionsstandort bleibt: Wenn es anderswo immer riskanter wird, wird China relativ gesehen etwas sicherer. Und deshalb glaube ich, dass sich chinesische Aktien und Anleihen in Zeiten von Marktstress tendenziell recht gut entwickeln.

Europäische Aktien und Anleihen dürften angesichts des Waffenstillstands zulegen

Karen Gilchrist: Interessant. Wo sehen Sie noch weitere Chancen und Risiken, wenn Sie über Ihre Positionierung nachdenken, jetzt, da zumindest vorläufig ein Waffenstillstand herrscht?

Luca Paolini: Ich muss sagen, dass wir bei Aktien, insbesondere in Europa, Aufwärtspotenzial sehen, sollte diese Krise ein Ende finden. Wir beginnen auch zu glauben, dass Anleihen attraktiv sind, denn, wie Sie wissen, sind insbesondere in Europa noch zwei Zinserhöhungen eingepreist, was meiner Meinung nach nicht mit dem Wachstumsbild übereinstimmt, das wir für Europa haben, das nach wie vor relativ schwach ist.

Die Inflation wird in den nächsten Monaten sprunghaft ansteigen, doch wenn der Ölpreis wieder auf 80 bis 90 USD zurückfällt, wird sich das Inflationsrisiko offensichtlich wieder normalisieren. Wir sind daher der Ansicht, dass der Markt zum gegenwärtigen Zeitpunkt etwas zu große Bedenken hinsichtlich Zinserhöhungen hegt. Dies dürfte Anleihen kurzfristig stützen. Daher erhöhen wir unsere Duration ein wenig. Wir beginnen, europäische Aktien etwas positiver zu bewerten. Aber auch hier ist das Aufwärtspotenzial für Aktien meiner Meinung nach selbst nach den guten Nachrichten der letzten Tage recht begrenzt.

Erwartungen hinsichtlich Zinserhöhungen sind selbst angesichts eines Inflationsanstiegs überzogen

Karen Gilchrist: Ich freue mich, dass Sie das Thema Inflation und Zentralbanken angesprochen haben. Es scheint, als seien Sie nicht allzu besorgt über diese Inflationsrisiken, vor denen viele Marktbeobachter in den ersten Wochen des Krieges gewarnt haben. Sie gehen also davon aus, dass wir weiterhin einen relativ stabilen Kurs verfolgen und es hoffentlich nicht zu vielen Zinserhöhungen kommen wird?

Luca Paolini: Ja. Ich denke, wir neigen dazu, die aktuelle Krise mit dem Jahr 2022 und der Situation in der Ukraine und Russland zu vergleichen. Es handelt sich jedoch um ein ganz anderes makroökonomisches Szenario. Damals betrug das Beschäftigungswachstum in den USA 5 % pro Jahr, heute liegt es bei null. Wir hatten negative Realzinsen, heute sind sie positiv. Außerdem hatten wir nach dem Ende der Pandemie enorme Ersparnisüberschüsse im System. Heute ist die Lage völlig anders.

Natürlich besteht ein Inflationsrisiko, aber wir sind auch der Ansicht, dass dieses Risiko begrenzt ist, da sich das Wachstumsbild etwas schwächer darstellt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Es wird zu einem Inflationsanstieg kommen. Ich glaube jedoch nicht, dass die Zentralbanken darauf reagieren werden, da es sich meiner Meinung nach um einen vorübergehenden Anstieg handelt und nicht um ein langfristiges Inflationsrisiko.

Die US-Zwischenwahlen und das Wirtschaftswachstum sind 2026 ebenfalls Risiken

Karen Gilchrist: In letzter Zeit hat natürlich der Iran-Konflikt die Märkte beherrscht. Und Trump hat sich nun erneut zu Grönland geäußert. Es ist also offensichtlich, dass die Turbulenzen das ganze Jahr über anhalten werden. Doch wenn man darüber hinausblickt: Wo sehen Sie die größten Risiken und Chancen für 2026?

Luca Paolini: Was das Risiko angeht, so gibt es ein Risiko, das meiner Meinung nach nur wenige Investoren zu erwähnen scheinen, nämlich die Zwischenwahlen in den USA. Nun wissen wir, dass Trumps Umfragewerte nicht gerade gut sind. Wir wissen, dass das Risiko besteht, dass die Republikaner die Kontrolle verlieren, sogar über den Senat. Und das wird natürlich ein riesiges Problem für Trump darstellen. Er wird nicht in der Lage sein, seine Agenda durchzusetzen. Und das kann tatsächlich erhebliche Auswirkungen auf die Märkte haben. Denken Sie an Deregulierung, Steuersenkungen und all diese Dinge. Das ist also eines der Risiken.

Der zweite Punkt, über den meiner Meinung nach ebenfalls nicht allzu viel gesprochen wird, ist das Wachstum. Denn ja, wenn man sich die USA ansieht, liegt das Wachstum immer noch bei 2 %, und in Europa sieht es ganz gut aus. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir aus einer Phase starken Wachstums kommen. Und ich glaube, dass insbesondere der Arbeitsmarkt in den USA, aber auch in Europa, viele Schwächen aufweist. Hinzu kommt das Gewinnwachstum. Die Erwartungen eines Gewinnwachstums von 20 % in diesem und im nächsten Jahr, in einer Zeit, in der das globale Wachstum schwächer ausfallen wird – ich denke, das ist wahrscheinlich das größte Risiko: eine erhebliche Abwärtskorrektur der Gewinnerwartungen in den nächsten Monaten.

KI wird 2026 die Gewinne weiter prägen

Karen Gilchrist: Und natürlich ist KI, wie ich weiß, ein weiteres Thema, das Sie hervorgehoben haben. Risiko? Chance?

Luca Paolini: Beides. Langfristig sind wir davon überzeugt, dass KI eine echte Transformation bewirkt. Ich glaube, dass die Produktivität steigen wird, was im Grunde allen Unternehmen und uns allen zugutekommen wird. Aber das Risiko von Disruptionen ist vorhanden. Und ich glaube, das Risiko besteht darin, dass sich Unternehmen stärker auf das Risiko von Disruptionen konzentrieren, ohne die langfristigen positiven Aspekte der KI zu berücksichtigen. Kurzfristig vermute ich daher, dass viele Aktien weiterhin unter Druck stehen werden, und ich denke, die nächste Berichtssaison wird uns etwas mehr Aufschluss darüber geben.

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