Erst die Rentenreform, nun Steuersenkungen, weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitsmärkte und schnellere Genehmigungsverfahren: Mit 34 Maßnahmen will die Bundesregierung Deutschlands Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen. Für Anleger stellt sich die Frage, ob die Reformen tatsächlich neues Wachstum auslösen können – und welche Unternehmen davon langfristig profitieren dürften.
Bei Bekanntgabe des Reformpakets am 2. Juli markierte der DAX ein neues Rekordhoch, auch der Morningstar Germany Index erreichte neue Höchststände. Allerdings dürfte die Börsenstimmung eher von robusten US-Arbeitsmarktdaten gestützt worden sein, wie Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater anmerkt. Seit Jahresbeginn liegt der Morningstar-Index, der die Performance der größten 97 Prozent des deutschen Aktienmarkts nach Marktkapitalisierung abdeckt, über 5 Prozent im Plus.
Kann das Reformpaket Investitionen anreizen?
Für die Ökonomen von Deutsche Bank Research ist die Verbesserung der Investitionsbedingungen der wichtigste Bestandteil des Pakets. Bereits die Reform der Schuldenbremse und die milliardenschweren Sondervermögen hätten einen historischen Wendepunkt markiert. Nun könnten die Reformen dafür sorgen, dass auf öffentliche Investitionen auch private Investitionen folgen.
“Obwohl die inzwischen klar expansive Fiskalpolitik die öffentlichen Investitionen in den Mittelpunkt gerückt hat, entfällt mit rund 80 Prozent nach wie vor der Löwenanteil der gesamten Anlageinvestitionen auf den privaten Sektor”, schreibt Mark Schattenberg, Senior Economist bei Deutsche Bank Research. “Dennoch dürften öffentliche Investitionen positive Spillover- und Netzwerkeffekte erzeugen und dadurch auch private Investitionen unterstützen.”
Erste Anzeichen dafür sehen die Volkswirte bereits. Hohe Auftragsbestände bei Investitionsgütern, robustere Einkaufsmanagerindizes, steigende Produktionskapazitäten und zuletzt auch eine überraschend starke Industrieproduktion deuten auf eine Belebung der Investitionstätigkeit hin. Zusammen mit den bereits vergebenen Staatsaufträgen könnten die Anlageinvestitionen in der zweiten Jahreshälfte an Dynamik gewinnen und 2027 um nahezu vier Prozent wachsen.
Wird die deutsche Wirtschaft wieder wachsen?
“Zusammen mit den höheren Staatsausgaben stützt dies unsere Prognose eines Wirtschaftswachstums von 1,3 Prozent im Jahr 2027 nach voraussichtlichtlich 0,5 Prozent Plus in diesem Jahr”, so Schattenberg.
Auch UBS sieht bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen. „Arbeitsmarkt- und Verwaltungsreformen könnten die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland verbessern“, schreibt das Investment Research Team um Mark Haefele. Längere Laufzeiten befristeter Arbeitsverträge, weniger Dokumentationspflichten und schnellere Genehmigungsverfahren könnten Investitionen erleichtern und Innovationen fördern.
Einen sofortigen Konjunkturboom erwarten die meisten Ökonomen allerdings nicht. Nach Einschätzung der UBS dürften die Maßnahmen erst ab 2027 schrittweise auf die Wirtschaft wirken und das Wachstum auf über ein Prozent heben.
Oxford Economics sieht den größten langfristigen Nutzen im Bürokratieabbau und einer flexibleren Arbeitswelt. Besonders wichtig sei zudem die Rentenreform. „Mittelfristig dürfte sie die finanziellen Belastungen durch den demografischen Wandel verringern, kurzfristig steigen allerdings die Arbeitskosten“, sagt Chefökonom Oliver Rakau.
Ähnlich äußert sich Carsten Brzeski von der ING: “Es ist kein Maßnahmenpaket, das eine stagnierende Wirtschaft über Nacht in einen Boom verwandeln wird”, schreibt der Global Head of Macro. So fehle eine Strategie für Unternehmenssteuern und Energiekosten. Gleichzeitig könnten die Reformen aber die Weichen für künftiges Wachstum stellen. „Hinzu kommen die bereits laufenden fiskalischen Impulse für Infrastruktur und Verteidigung, wodurch sich der Ausblick für das deutsche Wirtschaftswachstum aufhellt.“
Zudem mehren sich die Anzeichen einer Stabilisierung. Nach Einschätzung der ING sind die Rezessionsängste daher derzeit überzogen.
Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding betont jedoch, dass die Reformen nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie konsequent umgesetzt werden. Für 2027 erwartet die Bank ein Wachstum von 0,9 Prozent, für 2028 seien kalenderbereinigt 1,4 Prozent möglich.
Welche Sektoren könnten vom Reformpaket profitieren?
Nicht alle Branchen dürften gleichermaßen profitieren. Die Deutsche Bank sieht den ersten und stärksten Impuls im Verteidigungssektor. Vor allem staatliche Rüstungsaufträge hätten den kräftigen Anstieg der Bestellungen im Investitionsgüterbereich ausgelöst.
Daneben dürften Bau- und Infrastrukturunternehmen zu den Gewinnern zählen. Schnellere Genehmigungsverfahren und weniger Bürokratie könnten Investitionen in Straßen, Schienen und öffentliche Gebäude erleichtern. Holger Schmieding von Berenberg bezeichnet die Vereinfachung von Genehmigungen als einen der wichtigsten Bestandteile des Reformpakets.
Wo gibt es Chancen am deutschen Aktienmarkt?
Die UBS zeigt sich optimistisch für deutsche Aktien. Die Strategen bevorzugen Unternehmen, die von langfristigen Investitionstrends in den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur, Automatisierung, künstliche Intelligenz und Energiewende profitieren:
“Aus unserer Sicht sprechen steigende Gewinnerwartungen, eine unterstützende Fiskalpolitik, nachlassender Druck durch die Energiepreise und die Aussicht auf ein stärkeres strukturelles Wachstum für eine positive Einschätzung deutscher Aktien. Wir bevorzugen weiterhin Unternehmen, die von langfristigen Investitionstrends in den Bereichen Verteidigung, Infrastruktur, Automatisierung, künstliche Intelligenz und Energiewende profitieren.“
Dagegen dürften die direkten Auswirkungen auf den Konsumsektor begrenzt bleiben. Zwar entlasten die Einkommensteuersenkungen vor allem Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen. Höhere Sozialabgaben und Steuererhöhungen für Spitzenverdiener dürften einen Teil dieses Effekts jedoch wieder ausgleichen.
Laut den Ökonomen der DWS dürfte das angekündigte Reformpaket das Interesse ausländischer Investoren am deutschen Aktienmarkt nicht so schnell entfachen, wie es vergangenes Jahr die Ankündigung deutlich höherer Militär- und Infrastrukturausgaben getan hat. Vielmehr werde das Vertrauen der Anleger erst mit dem Sichtbarwerden der Reformen wachsen. “Als größte Nutznießer des Reformpakets sehen wir stark im Heimatmarkt verbundene Sektoren, ob Bau, Immobilien, Einzelhandel, Banken oder auch Dienstleister”, so Chief Investment Officer Vincenzo Vedda. “Als Marktsegment sollten vor allem die Nebenwerte von den Reformen profitieren.”
Auch aus Bewertungssicht bleibt Deutschland attraktiv: Laut Morningstar-Aktienstratege Michael Field ist der deutsche Aktienmarkt derzeit der am stärksten unterbewertete unter den großen europäischen Märkten – auch aufgrund seiner Sektorstruktur mit einem hohen Anteil an Industrie-, Konsum- und Rüstungsunternehmen. Aktuell gelten 26 der 52 von Morningstar beobachteten deutschen Aktien als unterbewertet.
Unter den von Morningstar als unterbewertet eingestuften Aktien finden sich mehrere Unternehmen, die von den Reformen profitieren könnten. Dazu zählen die Rüstungsunternehmen Rheinmetall RHM, Hensoldt HAG und MTU Aero Engines MTX. Trotz der jüngsten Kursrückgänge sieht Morningstar bei diesen Konzernen den langfristigen Investmentcase intakt. Allerdings belasten lange Beschaffungsprozesse, hohe Investitionen und der Aufbau von Lagerbeständen derzeit ihren den Cashflow.
„Während der Sektor operativ weiterhin sehr stark ist, steht der kurzfristige Cashflow in dieser Aufbauphase unter Druck. Wir glauben aber, dass Anleger diese kurzfristigen Probleme zu weit in die Zukunft fortschreiben”, sagt Morningstar-Aktienanalystin Loredana Muharremi.
RWE RWE könnte indes von höheren Investitionen in die Energieinfrastruktur profitieren. Im Technologiesektor sehen die Morningstar-Analysten zudem weiteres Potenzial bei SAP SAP und Nemetschek NEM. Während SAP von der fortschreitenden Digitalisierung und dem Einsatz künstlicher Intelligenz profitieren könnte, ist Nemetschek mit seiner Software für die Bau- und Architekturbranche gut positioniert, um von einer Belebung der Bau- und Infrastrukturinvestitionen zu profitieren.
Auch andere Häuser bleiben konstruktiv. Die Deka erwartet, dass der DAX innerhalb der kommenden zwölf Monate von rund 25.000 auf 27.500 Punkte steigen könnte. Für den MDAX prognostiziert sie einen Anstieg auf 37.000 Punkte. Die DZ Bank sieht den DAX bereits Ende 2026 bei 27.500 Punkten.

