Wichtige Erkenntnisse
- Entgegen historischen Mustern war der Oktober 2025 ein negativer Monat für Bitcoin mit einem Rückgang von 4 %.
- Die Nachfrage institutioneller Anleger ist stabil und stützte den Bitcoin-Kurs während der jüngsten Volatilität.
- Analysten erkennen keine eindeutigen Anzeichen für einen längerfristigen Rückgang.
Der Rückgang von Bitcoin um 13 % im letzten Monat erschütterte den Markt für Kryptowährungen - ein Markt, der in den letzten zwei Jahren von einem Höchststand zum nächsten eilte, Rekordzuflüsse in börsengehandelte Fonds verzeichnete und eine Welle institutioneller Akzeptanz feierte. Weil Ether und Solana noch stärker als Bitcoin fielen, beschäftigt die Anleger vor allem die Frage, ob das der Beginn eines länger anhaltenden Rückgangs ist – oder nur eine Turbulenz in einer volatilen Anlageklasse.
Historisch gesehen ist der Oktober ein hervorragender Monat für die weltweit führende Kryptowährung: Von 2013 bis 2024 erzielte Bitcoin in diesem Monat einen durchschnittlichen Gewinn von 20 %, weshalb Bitcoin-Händler den Monat auch gern„Uptober” nennen. 2025 war es jedoch anders: Zwischen dem 6. Oktober und dem 6. November fiel Bitcoin von 124.000 USD auf 101.000 USD und unterschritt letzte Woche zweimal die psychologisch wichtige Schwelle von 100.000 USD. In den letzten Tagen stieg der Kurs wieder auf 106.000 USD.
Analysten führen eine Vielzahl makroökonomischer und marktbezogener Faktoren als Gründe für den Ausverkauf an. Klare Äußerungen von Notenbankern und die schwindenden Hoffnungen auf kurzfristige Zinssenkungen veranlassten Anleger, sich aus riskanten Anlagen wie Kryptowährungen zurückzuziehen, während erneute geopolitische und handelspolitische Spannungen die Stimmung weiter trübten.
Noch bedeutender war jedoch, dass angesichts des starken Bitcoin-Kursrückgangs die mit Hebel arbeitenden Händler, die für ihre Transaktionen geliehenes Kapital einsetzen, ihre Positionen auflösen mussten, was zu Liquidationen führte, die den Ausverkauf weiter verstärkten. Gleichzeitig nahmen andere langjährige Anleger Gewinne mit, was den Rückgang beschleunigte.
Makroökonomische Kräfte lösen Bitcoin-Verkaufswelle aus
Eliézer Ndinga, Leiter Research bei 21Shares, datiert den Beginn des Ausverkaufs auf die Drohung von US-Präsident Donald Trump im Oktober, Zölle in Höhe von 100 % auf Seltene Erden aus China zu erheben. Weil diese Äußerung nur wenige Minuten nach Börsenschluss in den USA am Freitag, dem 10. Oktober, erfolgte, argumentiert Ndinga, dass Kryptowährungen das einzige sofort liquide Anlagevermögen waren, das Investoren verkaufen konnten, um sich gegen Makrorisiken abzusichern. „Kryptowährungen waren die einzigen Vermögenswerte, die verkauft werden konnten, um Liquidität zu schaffen und sich gegen einen Marktabschwung abzusichern“, sagt er und fügt hinzu, dass „die Fundamentaldaten nach wie vor solide sind“ und dass diese Episode als kurzfristig anzusehen ist.
„In weniger als 24 Stunden wurden an den Börsen Liquidationen in Höhe von rund 19 Mrd. USD getätigt, was zu einer starken Liquiditätskrise und einer Risikoscheu vieler Anleger führte“, so Dovile Silenskyte, Director Research für digitale Vermögenswerte bei WisdomTree. „Seitdem verarbeitet der Markt diesen Schock.“
Matthew Kimmell, Analyst für digitale Vermögenswerte bei CoinShares, sieht eine Reihe weiterer Belastungsfaktoren. Er erklärt, dass langjährige Bitcoin-Inhaber nach einem halben Jahrzehnt oder mehr volatiler Entwicklungen Gewinne realisieren und dass eine „umfangreiche Liquidationswelle Mitte Oktober“ eine breitere Risikoscheu ausgelöst habe. Auch die Nachfrage von Unternehmen habe nachgelassen, während „die makroökonomische Unsicherheit wahrscheinlich die allgemeine Risikobereitschaft beeinträchtigt“.
Ist dies das Ende der Krypto-Rallye?
Ob der Rückgang den Beginn dessen markiert, was Händler als „Krypto-Winter“ bezeichnen, ist komplexer. Bitcoin hat bereits drei längere Winter durchlebt: von Dezember 2013 bis Januar 2015, von Dezember 2017 bis Dezember 2018 und von November 2021 bis November 2022. In diesen Zeiträumen verlor Bitcoin rund 75 %, 83 % und 73 % an Wert.
„Der heutige Rückgang ist im Vergleich dazu gering“, erklärt Silenskyte. „Zwar hat sich die Stimmung nach dem Flash Crash im Oktober abgekühlt, aber die Marktstruktur ist wesentlich stabiler als in früheren Zyklen.“
Kimmell von CoinShares sagt: „Sollte der Markt seinem historischen Vierjahresmuster folgen, entspricht der aktuelle Zeitpunkt auch dem Zeitpunkt, zu dem frühere Bullenmärkte in der Regel ihren Höhepunkt erreicht haben.“ Er betont jedoch, was diesmal anders ist: Die Hebelwirkung scheint geringer zu sein als bei früheren Höchstständen, die makroökonomischen Erwartungen tendieren zu einer lockereren Politik, und Altcoins haben nicht das euphorische „Blow-off-Top“-Verhalten gezeigt, das für einen echten Zyklusgipfel typisch ist.
Ndinga von 21Shares ist der Ansicht, dass das bisherige Muster an Bedeutung verliert. Er argumentiert, dass 2025 „das erste Jahr ist, in dem sich das übliche Muster ‚Hausse, starker Abschwung, lange Erholung‘ geändert hat“, und verweist dabei auf die Tatsache, dass Bitcoin fast zwei Jahre nach dem Halving 2024 weiterhin über 100.000 US-Dollar liegt und dabei eine überraschend geringe Volatilität aufweist.
Zu- und Abflüsse bei Krypto-ETFs
Institutionelle Akteure sind entscheidende, um den aktuellen Markt verstehen zu können. Der Oktober war für Krypto-ETF-Zuflüsse positiv, insbesondere für Bitcoin und Ethereum, jedoch wurden ETFs in den letzten zwei Wochen in moderatem Umfang verkauft. Interessanterweise verzeichnet Solana seit April jede Woche weiterhin stetige Zuflüsse.
„Professionelle Anleger zeigen sich vorsichtig, ziehen sich jedoch nicht vollständig zurück“, erklärt Kimmell von CoinShares. „Wäre das der Fall, würden wir deutlich größere Abflüsse aus Krypto-ETFs beobachten.“
„Der Ausverkauf wurde in erster Linie durch kurzfristige Positionierungen und die Auflösung von Derivaten verursacht und nicht durch grundlegende Veränderungen in der Überzeugung“, erklärt Silenskyte von WisdomTree. „Langfristige Anleger halten trotz der Volatilität weiterhin an ihren Positionen fest. Das scheint eher eine zyklische Korrektur innerhalb einer anhaltenden Phase institutioneller Akzeptanz zu sein als der Beginn eines weiteren Krypto-Winters“, fügt er hinzu.
Ndinga von 21Shares geht noch weiter und argumentiert, dass das institutionelle Engagement nicht ab-, sondern zunimmt. „Einer der Hauptgründe, warum wir davon überzeugt sind, dass diese Turbulenzen nur vorübergehend sind, ist genau die Tatsache, dass institutionelle Anleger, die langfristige Inhaber sind, sich nicht aus dem Markt zurückgezogen haben“, erklärt er.
Wie geht es weiter mit Bitcoin?
Unabhängig davon, ob der Markt letztendlich in einen weiteren „Krypto-Winter“ eintritt oder nach einem intensiven Jahr lediglich etwas an Dynamik verliert, kommen sowohl Ndinga als auch Kimmell zu einem ähnlichen Schluss: Bitcoin verhält sich weniger wie eine spekulative Nischenanlage, sondern eher wie ein Makro-Asset, das empfindlich auf reale Renditen, Liquiditätsströme und die Risikobereitschaft des Marktes reagiert – in jeder Hinsicht Teil des globalen Finanzsystems.
Kimmell seinerseits erklärt, dass „ein echter Krypto-Winter in der Regel von anhaltenden Wellen von Leverage-Liquidationen, starken Abflüssen aus Börsen, der Aktivierung großer Wallet-Bestände, sinkendem Interesse institutioneller Anleger, Insolvenzen in der Krypto-Branche und einem risikoaversen makroökonomischen Umfeld gekennzeichnet ist.“
Stattdessen geht Kimmell davon aus, dass Bitcoin „innerhalb einer Bandbreite weiterhin Phasen der Volatilität haben wird, die mit Makrodaten, Regulierung und Marktpositionierung zusammenhängen“, während er hinsichtlich der mittelfristigen Aussichten optimistisch bleibt, da sich die monetären Bedingungen entspannen und die Beteiligung institutioneller Anleger zunimmt. Ndinga bezeichnet die kurzfristige Volatilität nach einer langen Rallye und Rekordzuflüssen als „gesund“ und behauptet, dass „solange BTC über 100.000 USD bleibt, der strukturelle Aufwärtstrend intakt ist“.
Laut Silenskyte von WisdomTree könnte sich Bitcoin „mit der Normalisierung der Liquiditätsbedingungen und dem Nachlassen der makroökonomischen Unsicherheit stabilisieren und frühere Höchststände erneut testen. Die entscheidende Variable wird das allgemeine Risikoumfeld sein: Eine verbesserte Stimmung und stetige institutionelle Zuflüsse könnten die Voraussetzungen für eine Erholung bis zum Jahresende schaffen.“

