Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Mittelzuflüsse in Ölprodukte sind stark gestiegen, da die Rallye Anleger anlockt.
- Die kurzfristigen Ölpreise sind aufgrund des Iran-Kriegs stark angestiegen, während die länger laufende Kontrakte relativ stabil bleiben.
- Privatanleger sollten bedenken, dass der Versuch, den richtigen Zeitpunkt für einen Markteinstieg zu erwischen, riskant sein kann.
Seit Beginn des Krieges im Iran am 28. Februar sind die Ölpreise stark gestiegen, was bei Anlegern ein deutlich gestiegenes Interesse an Ölprodukten ausgelöst hat.
Das spiegelt sich auch in den Mittelzuflüssen wider. Laut Daten von Morningstar verzeichneten Energie-Rohstoff-ETFs in der ersten Woche des Krieges Zuflüsse in Höhe von 180 Millionen Euro, verglichen mit 101 Millionen Euro in der Vorwoche. Europäische Aktien-ETFs aus dem Energiesektor verzeichneten im gleichen Zeitraum Zuflüsse von 797 Millionen Euro, gegenüber 113 Millionen Euro in der Vorwoche.
Die beiden nach Fondsgröße größten ETCs dieser Kategorie – der eine bildet die US-Benchmark WTI ab, der andere die Nordseesorte Brent – sind seit Anfang März um 22,8 % bzw. 20,5 % gestiegen.
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in Öl zu investieren?
Für Anleger, die überlegen, sich am Ölmarkt zu engagieren, geht der derzeitige Preisanstieg jedoch mit erhöhter Volatilität einher, die Portfolios zusätzlichen Risiken aussetzen könnte.
„Privatanleger können über ETFs oder ETNs mit Rohöl handeln, und es besteht ein natürlicher Drang, in Vermögenswerte zu investieren, die Schlagzeilen machen“, sagt Monika Calay, Director of Manager Research bei Morningstar UK. „Derzeit ist das aufgrund des Iran-Konflikts das Öl. Doch als Privatanleger zu versuchen, Höchst- und Tiefststände vorherzusagen, ist riskant, insbesondere bei der Verwendung von gehebelten ETFs.“
Neben ETFs und ETNs greifen Privatanleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz häufig auch auf Zertifikate zurück, um auf Bewegungen des Ölpreises zu setzen - für diese Produkte gelten ähnliche Risiken.
Handelsaktivität steigt mit Ölpreisen im Fokus
Die Preise für Brent-Rohöl stiegen um über 40 %, nachdem am 28. Februar die US-israelischen Luftangriffe auf den Iran begonnen hatten.
Die französische Investmentbank Société Générale, die eine Reihe strukturierter Rohstoffprodukte anbietet, gibt an, bislang keine ungewöhnliche Nachfrage von langfristigen Anlegern verzeichnet zu haben, wohingegen die kurzfristigen Handelsaktivitäten in den letzten Tagen deutlich zugenommen haben.
Die Bank unterscheidet zwischen traditionellen Anlageprodukten ohne Hebelwirkung, die von langfristig orientierten Anlegern genutzt werden, und Produkten mit Hebelwirkung, die hauptsächlich von Händlern eingesetzt werden, um von kurzfristigen Marktbewegungen zu profitieren.
„Bei Hebelprodukten handeln Anleger meist sehr prozyklisch und konzentrieren sich auf die Märkte mit den stärksten Kursbewegungen“, sagt Peter Bösenberg, Head of Public Distribution Germany & Austria bei der Société Générale. „In den vergangenen Wochen waren das vor allem Gold und Silber, zuletzt sind aber auch Brent- und WTI-Öl stark in den Fokus der Trader gerückt.“
Laut seinen Angaben entfiel in der Woche vom 20. März etwa ein Viertel des Handelsvolumens bei Hebelprodukten auf Rohstoffprodukte. Innerhalb dieses Segments entfiel etwa ein Drittel auf Energieprodukte, vor allem Brent, WTI und US-Erdgas.
„Im historischen Vergleich ist das relativ hoch“, sagt Bösenberg. „Ähnlich starke Aktivitäten gab es etwa 2020 während des negativen Ölpreises infolge der Pandemie sowie 2022 beim Ausbruch des Ukraine-Krieges.”
Die Handelsaktivität nimmt tendenziell zu, wenn die Volatilität steigt und geopolitische Entwicklungen die Marktbewegungen bestimmen.
Werden die Ölpreise weiter steigen? Was die Öl-Terminkurve zeigt
Anleger, die mit Ölprodukten handeln, müssen zudem verstehen, wie die Terminkurve funktioniert, fügt Bösenberg hinzu. „Für Anleger ist die Forwardkurve entscheidend, weil viele Produkte ohne feste Laufzeit in den jeweils nächstfälligen Future investieren und diesen monatlich rollen.“
„Bei einer steilen Backwardation verkaufen Long-Produkte dabei den teureren Frontkontrakt und kaufen den günstigeren nächsten Kontrakt, was einen so genannten Rollgewinn erzeugen kann, während Short-Produkte entsprechend Rollverluste erleiden. Das sollten Anleger verstehen, die fallende Ölpreise erwarten.“
„Produkte mit fester Laufzeit orientieren sich dagegen am Futurepreis zum Zeitpunkt der Fälligkeit, weshalb zum Beispiel ein Optionsschein mit Laufzeit bis 2027 deutlich weniger auf kurzfristige Bewegungen reagiert als ein Produkt auf den Frontmonat-Kontrak.“
Unter Backwardation versteht man eine Terminkurvenstruktur, bei der Kontrakte mit kürzerer Laufzeit zu höheren Preisen gehandelt werden als Kontrakte mit längerer Laufzeit. Das geschieht oft, wenn die Märkte kurzfristig Versorgungsengpässe befürchten.
Die Backwardation am Rohölmarkt hat sich in den letzten Wochen deutlich verstärkt. Der Brent-Kontrakt mit der nächsten Fälligkeit stieg zwischen dem 1. und 10. März von 72,87 USD pro Barrel auf 92,92 USD. Im Gegensatz dazu notierte der Brent-Terminkontrakt für Dezember 2026 am 1. März bei rund 66 USD pro Barrel und schloss am 10. März bei rund 69 USD, was darauf hindeutet, dass die Märkte weiterhin davon ausgehen, dass sich die Ölpreise mittelfristig normalisieren könnten, sobald der geopolitische Schock nachlässt..
Ölpreisprognose: Was Analysten als Nächstes erwarten
Abgesehen von diesem kurzfristigen Anstieg bleiben die langfristigen Annahmen von Morningstar hinsichtlich der Ölpreise weitgehend unverändert.
„Derzeit gibt es wirklich nichts, was diese Angebot- und Nachfrage-Kurve langfristig verändern würde oder unsere Annahmen in Bezug auf die langfristigen Aussichten für Öl“, sagt Dave Sekera, Chefstratege für den US-Markt bei Morningstar. Die langfristige Prognose von Morningstar bleibt unverändert: WTI wird bei 60 USD und Brent bei 65 USD erwartet.
Angesichts der jüngsten Kursrallye rät Sekera den Anlegern, über Gewinnmitnahmen nachzudenken.
„Angesichts der Tatsache, dass sich die Ölpreise in den letzten Wochen fast verdoppelt haben, wäre ich hier wahrscheinlich eher ein Verkäufer als ein Käufer“, sagt Sekera. „Ich denke, jetzt ist wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um einen kleinen Gewinn mitzunehmen, aber ich würde sicherlich nicht meine gesamte Position verkaufen.“
Er fügt hinzu, dass Ölaktien ihre Rolle als Absicherung gegen geopolitische Risiken in den Portfolios bereits erfüllt hätten. „Sie haben das getan, was wir von ihnen erwartet haben“, sagt Sekera. „Sie waren eine gute Absicherung gegen geopolitische Risiken in Ihrem Portfolio.“
Fernando Luque hat zu diesem Artikel beigetragen.

