Wichtigste Erkenntnisse
- Die weltweiten Anleihen-Global-Renditen stiegen auf den höchsten Stand seit mehreren Jahrzehnten, während sich der Ausverkauf an den Anleihemärkten weiter verschärfte.
- Angesichts der aktuellsten Eskalation im Nahen Osten sind die Bedenken der Anleger hinsichtlich steigender Inflationsrisiken zunehmend gewachsen.
- Die Märkte passten ihre Erwartungen hinsichtlich weiterer Erhöhungen der Zinsen in diesem Jahr an.
Der weltweite Ausverkauf am Anleihemarkt hält auch am Mittwoch an. Die staatlichen Finanzierungskosten in Deutschland, dem Vereinigsten Königreich und Japan näherten sich den höchsten Niveaus seit mehreren Jahrzehnten, nachdem erneut aufgeflammte Kampfhandlungen im Nahen Osten die Inflationsängste verstärkt hatten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg um 0,03 Prozentpunkte auf 4,78 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit Januar 2025. Die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen kletterte über 3,37 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2011. Japanischer Staatsanleihen stiegen auf 3 Prozent, den höchsten Wert seit 1996.
Auch die Renditen britischer Staatsanleihen stiegen kräftig. Der Markt holte dabei Kursbewegungen nach, nachdem er am Montag wegen eines Feiertags geschlossen geblieben war. Die Rendite zehnjähriger britischer Staatsanleihen, sogenannter Gilts, kletterte deutlich über 5,2 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2008. Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen erreichte mit 5,89 Prozent den höchsten Wert seit 1998.
„Zwar treiben binnenwirtschaftliche Faktoren und die fragile britische Haushaltslage die Renditen weiterhin nach oben. Die aktuellen Bewegungen lassen sich jedoch stärker auf internationale Faktoren zurückführen, insbesondere auf die USA“, sagt Nicolo Bragazza, associate portfolio manager bei Morningstar Wealth.
„Da US-Staatsanleihen im Zentrum der globalen Finanzmärkte stehen, treiben sie die Renditen weltweit nach oben. Länder mit unsichereren Haushaltsperspektiven wie Großbritannien oder Frankreich dürften unter einem Anstieg der US-Renditen am stärksten leiden“, ergänzt er.
Der sprunghafte Anstieg der Kreditkosten folgt auf die jüngste Eskalation im Krieg zwischen den USA und Iran. Sie hat Sorgen geschürt, dass die Zentralbanken die Zinsen anheben werden, um die durch höhere Energiekosten angeheizte Inflation zu bekämpfen. Terminkontrakte auf Rohöl der Sorte Brent verteuerten sich am Dienstag um 3 Prozent auf USD 88 je Barrel.
Die Renditen von Staatsanleihen steigen weltweit bereits seit weiten Teilen dieses Jahres. Anleger sorgen sich zunehmend über steigende Kosten, wachsende Staatsschulden und die verstärkte Ausgabe von Unternehmensanleihen zur Finanzierung des massiven Ausbaus der Infrastruktur für künstliche Intelligenz.
Renditen europäischer Anleihen steigen sprunghaft
Der Ausverkauf erfasste am Dienstag auch die europäischen Anleihemärkte. Nach Veröffentlichung der Inflationsdaten für die Eurozone schossen die Renditen in weiteren großen Volkswirtschaften kurzzeitig nach oben. Steigende Energiepreise trieben die Verbraucherpreise im Euroraum im August um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr nach oben, wie aus der Schnellschätzung von Eurostat hervorgeht. Im Juli hatte die Inflationsrate noch 2,9 Prozent betragen.
Nun wird erwartet, dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins in der kommenden Woche um 0,25 Prozentpunkte anhebt. „Angesichts der weiter steigenden Inflation ist eine Zinserhöhung bei der Sitzung in der kommenden Woche nahezu sicher. Das entspricht unseren Erwartungen“, sagt Leo Barincou, senior economist bei Oxford Economics.
Auch deutsche Staatsanleihen gerieten am Dienstag unter Verkaufsdruck. Die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihe erreichte gegen Mittag 3,36 Prozent, bevor sie im Nachmittagshandel leicht nachgab. Besonders ausgeprägt war der Anstieg bei Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren, deren Renditen auf den höchsten Stand seit 2008 kletterten. Die Renditen 30-jähriger Bundesanleihen veränderten sich dagegen weniger. Renditen kürzer laufender Anleihen reagieren besonders empfindlich auf geldpolitische Erwartungen. Steigende Energiepreise schüren derzeit Inflationsängste und die Erwartung weiterer Zinserhöhungen.
Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen, sogenannter BTPs, erreichte im Handelsverlauf am Dienstag mit 4,17 Prozent zunächst den höchsten Stand seit November 2023. Nach Veröffentlichung der Inflationsdaten für Italien und die Eurozone stieg sie in der Spitze auf 4,22 Prozent, bevor sie am Nachmittag auf das Niveau vom Handelsbeginn zurückfiel. Weniger ausgeprägt war der Anstieg bei 30-jährigen BTPs, deren Rendite 4,94 Prozent erreichte.
Im Vereinigten Königreich erhöht der jüngste Ausverkauf am Anleihemarkt den Druck auf Premierminister Andy Burnham vor der Vorstellung des ersten Haushalts seiner Regierung am 28. Oktober. An den Terminmärkten ist eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte bis Jahresende zur Bekämpfung der steigenden Inflation vollständig eingepreist. Als wahrscheinlichster Termin gilt die Sitzung der Bank of England am 5. November.
In Japan haben die Ausgabenpläne von Premierministerin Sanae Takaichi, einschließlich einer Senkung der Verbrauchsteuer, Sorgen über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen ausgelöst. Das treibt die Anleiherenditen und die Wetten gegen den Yen nach oben. Die Märkte rechnen inzwischen mit einer wahrscheinlichen Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte bei der nächsten Sitzung der Bank of Japan am 18. September.
Zinserhöhung der Fed wird wahrscheinlicher
Die Antrittsrede des neuen US-Notenbankchefs Kevin Warsh beim Wirtschaftssymposium in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming verstärkte den jüngsten Ausverkauf zusätzlich. Warsh bekräftigte dabei seine Entschlossenheit, die Inflation zu bekämpfen. Anleger rechnen inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln mit einer Zinserhöhung der Fed noch in diesem Monat.
„Warshs restriktiver Ton zur PCE-Kerninflation und seine Betonung des Leitzinses als vorrangiges geldpolitisches Instrument erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Straffung. Robuste Konjunkturdaten und der wachsende Einfluss des US-Finanzministeriums auf das lange Ende der Zinskurve verstärken diese Einschätzung“, sagt Michaël Lok, group CIO und co-CEO Asset Management bei UBP.
Nach Einschätzung von Analysten der Bank of America steht Warsh nun unter Zugzwang, im September eine Zinserhöhung vorzunehmen – sofern die Daten nicht „deutlich schwächer als erwartet“ ausfallen.




