Wichtige Erkenntnisse
- Selbst wenn die Inflation abklingt, erschwert die hartnäckige Inflation in den Bereichen Wohnen, Gesundheitswesen und anderen Sektoren die Aufgabe der Federal Reserve, so Rick Rieder von BlackRock.
- Bei japanischen Staatsanleihen, europäischen Unternehmensanleihen und Anleihen aus Schwellenländern zeichnen sich Wertpotenziale ab.
- Zudem sind die Erträge und die Bonität von US-Anleihen mit Investment-Grade-Rating attraktiv.
Der starke Renditeanstieg langfristiger Anleihen ist 2026 ein zentraler Trend, und die weitere Matktentwicklung hängt maßgeblich von den Inflationsaussichten ab. Rick Rieder, Chief Investment Officer für globale festverzinsliche Wertpapiere bei BlackRock und Leiter des Investmentteams für globale Allokation, gehört zu denjenigen, die davon ausgehen, dass sich die Inflation verbessert – was aber die Aufgabe der Federal Reserve vermutlich nicht erleichtert.
Wir sprachen mit Rieder, der auch den 50 Milliarden US-Dollar schweren BlackRock Strategic Income Opportunities Fund BSIIX verwaltet, darüber, was ein Produktivitätsboom für die Inflationsaussichten bedeutet, wo die Fed bei ihrem Kampf gegen die Inflation auf Gegenwind stoßen könnte und wo höhere Renditen Chancen eröffnen, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gab. Diese Chancen, so sagt er, lassen sich in den USA, in Europa und in Japan finden.
Leslie Norton: Die Fed führte bei ihrer Zinserhöhung in diesem Monat die anhaltend hohe Inflation als Grund an. Wie sehen Ihre Inflationsprognosen aus?
Rick Rieder: Wir erwarten, dass die Kerninflation ihren Höchststand erreicht und dann zurückgeht. Wir erwarten zudem, dass die Kerninflation des PCE [im Juli lag der Kernindex der Preise für persönliche Konsumausgaben um 3,3 Prozent über dem Vorjahreswert] in den nächsten Monaten auf Werte im mittleren Zweierbereich sinkt. Das Problem beim Gesamt-PCE besteht darin, dass der Krieg die Energiepreise auf einem hohen Niveau hält. Wir sind zuversichtlich, dass die Inflation in den nächsten Monaten zurückgeht. Wir erleben derzeit eine Produktivitätsrevolution. Die Produktivität steigt rasant an, was die Art und Weise betrifft, wie Unternehmen Logistik, Bestandsverwaltung und Kundenbeschaffung einsetzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Inflation ihren Höchststand erreicht hat und in den nächsten Jahren zurückgeht. Der genaue Zeitpunkt ist schwer einzuschätzen, aber das wird es der Fed ermöglichen, die Zinserhöhungen zu beenden und im Lauf des nächsten Jahres mit Zinssenkungen zu beginnen.
Norton: Was sorgt dafür, dass die Inflation hoch bleibt?
Rieder: Die wichtigsten Wirtschaftssektoren, die die Inflation auf einem hohen Niveau halten, sind das Gesundheitswesen, das Bildungswesen, die Versicherung und der Wohnungsmarkt. Diese Sektoren reagieren nicht auf Änderungen der Zinsen und unterliegen im Allgemeinen keinen starken zyklischen Schwankungen, aber die Inflation blieb in diesen Bereichen hartnäckig. Ironischerweise ist die Inflation auf dem Wohnungsmarkt hoch, weil wir keine Häuser bauen. Es ist nicht möglich, Häuser zu bauen, weil die Hypothekenzinsen zu hoch sind. Angesichts der Hypothekenkosten müssten die Immobilienpreise um 35 Prozent sinken, damit sie dem heutigen Mietpreisniveau entsprechen. Das ist einer der Gründe, warum ich glaube, dass eine Zinserhöhung nichts bringt. Das Gesundheitswesen in einer alternden Gesellschaft, Versicherungen, Studiengebühren – all das ist ein sehr, sehr schwieriges Thema. Das bedeutet nicht, dass die Fed aufgeben sollte. Doch wenn man bedenkt, um wie viel man die Zinsen anheben müsste, um diese Preise tatsächlich spürbar zu senken, müsste man die Wirtschaft regelrecht in eine Rezession treiben. Das setzt den Großteil des Landes unter Druck – kleine Unternehmen, Geringverdiener, alle, die ein Haus kaufen möchten, junge Menschen. Tatsächlich sind die einzigen, die Kredite zum Tagesgeldsatz aufnehmen, Kreditnehmer mit variablen Zinssätzen – also Kreditkarten, Autokredite, Hypotheken – und diese befinden sich bereits in einer Rezession.
Was ist von der Fed zu erwarten?
Norton: Was erwarten wir noch von der Fed?
Rieder: Angesichts des Dot-Plots, der Äußerungen des Vorsitzenden und der Tatsache, dass es noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird, bis sich der Kern-PCE dem Zielwert von 2,0 Prozent nähert, ist in diesem Jahr mit einer weiteren Zinserhöhung zu rechnen. Im nächsten Jahr ist eine weitere möglich. Meiner Einschätzung nach wird sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen und die Inflation zurückgehen, insbesondere wenn wir den Krieg hinter uns haben.
Funktioniert der Rückkaufplan des Finanzministeriums?
Norton: Das US-Finanzministerium überraschte den Markt im letzten Monat mit der Ankündigung, den Kauf langfristiger Anleihen zu verstärken, um den Anstieg der Renditen einzudämmen. Zeigt der Rückkaufplan des Finanzministeriums Wirkung?
Rieder: Es ist schwer, das eindeutig zu belegen. Es verankert die Vorstellung in den Köpfen der Menschen, dass das US-Finanzministerium über Instrumente verfügt, um deutlich höhere Zinsen zu bekämpfen. Im hinteren Bereich der Zinskurve gab es bisher keine disruptiven, ungebremsten Bewegungen. Finanzminister [Scott] Bessent hat [bislang] noch kein nennenswertes Geld ausgegeben.
Norton: Welche Note geben Sie Minister Bessent?
Rieder: Ich denke, Bessent leistet sehr solide Arbeit, aber ich möchte keine Note vergeben. Er erhält ein ausreichend gute Note, um zu bestehen, was eine bessere Bewertung ist, als viele ihm geben würden. Die USA haben Schulden in Höhe von 40 Billionen US-Dollar. Wir haben ein Problem mit dem Zinseszins. EWrhöht man die Zinsen, verstärkt man den Zinseszinseffekt. Er kauft sicherlich mehr zurück. Wir haben Gold in der Bilanz. Die Schwierigkeit besteht darin, dass 89 Prozent der US-Schulden eine Laufzeit von zwei Jahren oder weniger haben. Der Rückkauf von Anleihen am langen Ende verkürzt per Definition die gewichtete durchschnittliche Laufzeit der Schulden, statt - wie es notwendig wäre - die durchschnittliche Laufzeit zu verlängern, um eine stabilere Laufzeitstruktur der Staatsschulden zu schaffen. Erhöhen wir als Land damit nicht einfach unsere Zinskosten erheblich? Der Finanzminister versucht, einen Teil dieses Schadens abzumildern.
Norton: Um wie viel steigen die langfristigen Zinsen der USA noch?
Rieder: Es kommen möglicherweise noch weitere 25 bis 40 Basispunkte hinzu. Doch aufgrund der alternden Bevölkerung wird es für Stiftungen und Pensionskassen äußerst attraktiv, ihr Kapital zu diesen Realzinsen anzulegen. Das ist eine Gelegenheit, die sich nur einmal in einer Generation bietet. Ich verwalte einen börsengehandelten Fonds namens iShares Flexible Income Active ETF BINC. Er hat eine Rendite von 7,2 Prozent, eine Duration von unter drei Jahren und ein A-Rating. Darauf habe ich vier Jahrzehnte gewartet. Das ist verdammt attraktiv.
Norton: Gehen wir noch etwas näher darauf ein, welche Faktoren dem Anstieg der langfristigen Renditen zugrunde liegen. Die Renditen japanischer Staatsanleihen sind gestiegen. Wie beurteilen Sie die Lage an diesem Markt?
Rieder: Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit finde ich japanische Staatsanleihen mit langer Laufzeit attraktiv. Die Bank of Japan zeigt derzeit eine echte Bereitschaft zur Anhebung der Zinsen. Die Auswirkungen der Entwicklung bei japanischen Staatsanleihen auf die US-Zinssätze sind heute deutlich geringer als früher. Derzeit sind japanische Staatsanleihen mit langer Laufzeit in einem US-Inlandsportfolio sinnvoll. Seit einiger Zeit habe ich kaum noch Zinsanlagen mit langer Laufzeit aus den Developed Markets gefunden, die lohnenswert wären. Wir haben den Anteil an US-Anlagen leicht erhöht und etwas Japan hinzugefügt.
Norton: Was gefällt Ihnen sonst noch?
Rieder: Wir schätzen europäische Unternehmensanleihen. In Europa herrschten neun Jahre lang negative Zinsen. Es liegt auf der Hand, dass die Europäische Zentralbank das alleinige Mandat hat, Preisdruck zu verhindern. Die Renditen in Europa, insbesondere bei Unternehmensanleihen und bei Verbriefungen, sind sehr attraktiv.
Zudem schätze ich Schwellenländer. In einer Reihe von Ländern geht die Inflation zurück. Und bis vor kurzem mochte ich keine Investment-Grade-Anleihen aus den USA, da die Spreads nicht attraktiv waren. Angesichts der jüngsten Zinsbewegung werden die Renditen von Investment-Grade-Anleihen jedoch für Versicherungsgesellschaften oder Pensionsfonds sehr interessant. Wir haben erst kürzlich Investment-Grade-Anleihen in unser Portfolio aufgenommen, da sie angesichts dieser Renditen und der soliden Bonität gut zu unseren Portfolios passen.
Risiken bei der KI-Finanzierung
Norton: Inwieweit wirkt sich das zunehmende Begeben von Unternehmensanleihen zur Finanzierung des Ausbaus Künstlicher Intelligenz auf die langfristigen Renditen aus?
Rieder: Sehr viel. Zweifellos hat der Krieg einen großen Einfluss darauf, wo der Zinssatz kurzfristig liegen wird. Doch das Emissionsvolumen war beträchtlich. Ich denke, 20 bis 25 Basispunkte des Zinssatzes lassen sich auf den Krieg und die Ölpreise zurückführen. Der Rest ergibt sich aus einer Kombination anderer Faktoren, wobei meiner Meinung nach das Angebot eine große Rolle spielt.
Norton: Wo liegen für Anleihenanleger die Risiken im Zusammenhang mit dem KI-Finanzierungsboom?
Rieder: Seien Sie vorsichtig, wenn Sie neue Technologien finanzieren. Ein Teil der Finanzierungen im Zusammenhang mit Hyperscalern ist attraktiv, da man weiß, dass sie über einen längeren Zeitraum über einen stabilen Cashflow verfügen. Das Risiko besteht darin, dass einige der Unternehmen keinen dauerhaften Cashflow aufweisen oder dass die Kapitalrendite nicht so hoch ist, wie man annimmt. Man verlässt sich darauf, dass der Bau eines Datenzentrums reibungslos verläuft, dass ausreichend Strom zur Verfügung steht oder dass die GPUs eingebaut werden. Wenn wir eine Struktur der Finanzierung prüfen, berücksichtigen wir das Umsetzungsrisiko und den Wandel der Technologie. Für welchen Zeitraum finanzieren wir? Wer ist der letztendliche Schuldner? Und wie hoch ist das Umsetzungsrisiko?
Norton: Vielen Dank, Rick.

