Ausblick auf europäische Anleihen im 3. Quartal: Ist das Schlimmste überstanden?

Der Konflikt im Nahen Osten ist der entscheidende Faktor für die Anleihemärkte, was sich auf die Inflation, die künftigen Entscheidungen der EZB und die öffentlichen Finanzen der Länder der Eurozone auswirkt

Die Frankfurter Bankensilhouette mit Blick auf den Turm der Europäischen Zentralbank.
Boris Roessler/picture alliance via Getty

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Nach einem volatilen ersten Halbjahr werden die Anleihemärkte der Eurozone weiterhin bestimmt von Unsicherheiten im Bezug auf den Krieg im Nahen Osten, die Geldpolitik der EZB und die Entscheidungen einzelner Länder zur ihren öffentlichen Finanzen.
  • Das Angebot an Staatsanleihen dürfte insbesondere in Deutschland und Frankreich steigen, in Italien und Spanien dagegen ist mit einem Rückgang zu rechnen.
  • Nach Ansicht einiger Fondsmanager könnten sich die Rahmenbedingungen für die Anleihemärkte im dritten Quartal im Vergleich zum ersten Halbjahr verbessern, insbesondere wenn sich die Inflation auf einem Niveau einpendelt, das unter dem derzeit von den Märkten eingepreisten Niveau liegt.

Die Anleihemärkte der Eurozone stellen sich angesichts erheblicher geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten auf zwei Inflationsszenarien im dritten Quartal ein. Das erste Szenario geht von einem Ende des Konflikts im Nahen Osten aus, was zu einem Rückgang der Energiepreise und einer Abkühlung der Inflation führen würde. Das zweite Szenario geht davon aus, dass der Krieg andauert, was eine neue Welle von Preissteigerungen nach sich ziehen würde – nicht nur bei Öl und Erdgas, sondern auch bei Düngemitteln und anderen Rohstoffen –, was noch in diesem Jahr ein weiteres Ansteigen der Zinssätze auslösen könnte. Jedes dieser Szenarien hat erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Anleiherenditen und -kurse.

Für den Markt für Staatsanleihen – der in der ersten Jahreshälfte von Schwankungen geprägt war und noch nicht wieder das Niveau vom Januar 2026 erreicht hat – zeichnen sich weitere Monate mit Höhen und Tiefen ab. Seit Jahresbeginn sank der Morningstar Eurozone Treasury Bond Index um 0,6 %.

Geopolitische Risiken bleiben entscheidender Faktor für Staatsanleihen

Nach Ansicht der Portfoliomanager bleiben geopolitische Risiken auch im dritten Quartal ein entscheidender Faktor, da sich die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran offenbar noch einige Zeit hinziehen werden und eine endgültige Einigung derzeit außer Reichweite zu sein scheint.

„Die Unsicherheit wird weiterhin hoch bleiben, insbesondere hinsichtlich der Ölpreise und ihrer Auswirkungen auf die weltweite Inflation“, sagt Mauro Valle, Leiter Fixed Income bei Generali Asset Management. Das wird die Aufgabe der Europäischen Zentralbank erschweren, die nach einer ersten Zinserhöhung im Juni entscheiden muss, ob und wie sie die Geldpolitik weiter strafft, ohne dabei eine Konjunkturabkühlung zu riskieren.

In ihren makroökonomischen Prognosen vom Juni erklärte die EZB, dass der Konflikt im Nahen Osten „die kurzfristigen Wachstumsaussichten belastet, da sich die Energiepreisschocks und die Unsicherheit als stärker und anhaltender erweisen als zuvor erwartet, was die Kaufkraft und das Vertrauen weiter schwächt“. Die EZB senkte ihre BIP-Prognosen für 2026 von 0,9 % auf 0,8 % und für 2027 von 1,3 % auf 1,2 %. Zudem korrigierte sie ihre Inflationsprognosen nach oben, und zwar von 2,6 % auf 3,0 % für dieses Jahr und von 2,0 % auf 2,3 % für das nächste.

Flavio Carpenzano, Leiter Fixed Income für Europa und Asien bei Capital Group, erwartet, dass das Wachstum im dritten Quartal „relativ stabil“ bleibt, sieht jedoch ein erhöhtes Risiko für negative Überraschungen bei der Inflation. „Das derzeitige Umfeld lässt sich am besten beschreiben als eine Phase moderaten, aber dennoch positiven Wachstums, das von einer weit verbreiteten, aber beherrschbaren Inflation begleitet wird.“

Energiekrise und Verteidigungsausgaben belasten öffentliche Finanzen

Geopolitische Erschütterungen verschlechtern die Lage der öffentlichen Finanzen, sodass – laut Goldman Sachs – in diesem Jahr zehn Länder der Europäischen Union einem Defizitverfahren unterzogen werden dürften. Die Gründe reichen von der Energiekrise bis zu gestiegenen Verteidigungsausgaben, von struktureller wirtschaftlicher Schwäche bis zu Inflationsdruck.

„Die jüngste Haushaltsentwicklung deutet auf höhere Defizite in der gesamten Eurozone hin, wobei das Gesamtdefizit der Eurozone für das Jahr 2026 auf 3,3 % des BIP prognostiziert wird“, schrieb Goldman Sachs in einer Mitteilung vom 19. Juni. Im Gegensatz dazu weisen die Analysten darauf hin, dass die EU-Länder in den Jahren 2012 bis 2019 „im Zuge der Staatsschuldenkrise erhebliche Maßnahmen zur Konsolidierung der Haushalte ergriffen haben, wodurch 2018 das Gesamtdefizit der Eurozone auf 0,5 % des BIP gesenkt wurde.“

Um sich zu finanzieren, könnten Regierungen gezwungen sein, die Emission von Staatsanleihen zu erhöhen, was zu einem Anstieg des Angebots an Schuldtiteln führt. Andrea Campisi, Senior Investment Manager bei Pictet Asset Management, erklärt jedoch, dass Anleger ihr Augenmerk auf das Nettoangebot richten sollten – das die fälligen Anleihen berücksichtigt –, weil das der entscheidende Faktor für die Märkte sei.

„Das Nettoangebot für den Euroraum wird 2026 lediglich um 10 Mrd. höher ausfallen als 2025 – eine Größenordnung, die für Anleger problemlos zu bewältigen ist –, wobei es jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern geben wird. Bei Kernemittenten wie Deutschland und Frankreich wird das Nettoangebot im Vergleich zu 2025 deutlich steigen, während es in Ländern wie Italien und Spanien zurückgehen wird“, so Campisi.

Die wichtigsten Faktoren, die es in den nächsten Monaten an den Staatsanleihemärkten der Eurozone zu beobachten gilt, sind laut Sylvain De Bus, stellvertretender Leiter Anleihen Global bei Candriam, die Entwicklung des Konflikts im Nahen Osten, der geldpolitische Kurs der Europäischen Zentralbank sowie die fiskalischen und politischen Entwicklungen auf nationaler Ebene, insbesondere in Frankreich und Italien.

Wird die EZB die Zinsen 2026 erneut anheben?

Die Märkte preisen weitere Zinserhöhungen durch die EZB im Jahr 2026 ein, wägen jedoch gleichzeitig die möglichen Auswirkungen eines weiteren Inflationsanstiegs auf das Wirtschaftswachstum ab. Zwar lässt sich die Möglichkeit einer Stagflation – einer Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und hohen Preisen – nicht ausschließen, doch geht man davon aus, dass eine Verlangsamung des Wachstums die Inflation dämpfen könnte. Laut Campisi von Pictet sind „die aktuellen Markterwartungen von eineinhalb Zinserhöhungen in diesem Jahr überzogen“. Gerechnet wird mit einer einzigen weiteren Zinserhöhung, sollten die Energie- und Lohnschocks überraschend hoch ausfallen.

Laut Carpenzano von Capital Group wird die EZB „nach ihrer Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Juni im dritten Quartal eine vorsichtig restriktive Haltung beibehalten und voraussichtlich im September eine weitere Zinserhöhung vornehmen“.

Mark Dowding, CIO Fixed Income bei RBC BlueBay AM, geht davon aus, dass die EZB die Zinsen bei ihren nächsten Sitzungen unverändert lassen wird. „Vor dem Hintergrund eines schwächeren Wirtschaftswachstums dürfte die Inflation schneller zurückgehen als in den Vereinigten Staaten“, schreibt er in einer Mitteilung vom 19. Juni.

Die Zentralbank berücksichtigt jedoch nicht nur die Verbraucherpreisdaten, sondern auch die Inflationserwartungen. Die Möglichkeit, dass sich der durch den Krieg im Nahen Osten verursachte Angebotsschock auf Düngemittel, Flüssigerdgas, Aluminium und andere Rohstoffe ausweiten könnte – ganz zu schweigen von den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Inflation –, birgt die Gefahr, dass die Erwartungen der Verbraucher hinsichtlich immer höherer Preise weiter angeheizt werden.

„Das Risiko, dass die Inflationserwartungen ihren Anker verlieren, kompliziert für die Zentralbanken die geldpolitischen Aussichten und schürt eine neue Welle der Volatilität an den Anleihemärkten“, so François Rimeu, Senior-Stratege bei Crédit Mutuel AM, in einer Mitteilung vom 18. Juni. „In der Eurozone war dieser Trend [im Vergleich zu den Vereinigten Staaten] noch ausgeprägter: Die 30-Tage-Volatilität der französischen 9-jährigen Staatsanleihe stieg von etwa 3 % auf über 8 %.“

Staatsanleihen: Wo sollte man im dritten Quartal investieren?

Nach Ansicht einiger Fondsmanager könnten sich die Bedingungen für die Anleihemärkte im dritten Quartal im Vergleich zur ersten Jahreshälfte verbessern, insbesondere wenn sich die Inflation auf einem Niveau einpendelt, das unter dem derzeit von den Märkten eingepreisten Niveau liegt. Ein Nachlassen des Inflationsdrucks könnte zu einem Rückgang der Renditen von Staatsanleihen und folglich zu einem Kursanstieg führen. Die beiden Variablen entwickeln sich gegenläufig.

„Wir erwarten, dass sich die Stimmung am Anleihemarkt verbessert“, sagt Daniel Kittler, Senior-Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei der DWS. Er tendiert zu Anleihen mit mittleren bis längeren Laufzeiten.

Die Portfolios von Pictet Asset Management „spiegeln positive Erwartungen hinsichtlich auf Euro lautender Staatsanleihen im dritten Quartal wider, wobei mittelfristige Laufzeiten bevorzugt werden, da diese im Falle von Überraschungen im Zusammenhang mit Zweitrundeneffekten auf die Verbraucherpreise besser vor möglichen Anstiegen der kurzfristigen Renditen schützen“, so Campisi.

De Bus von Candriam erklärt, er konzentriere sich auf 10-jährige Anleihen, werde jedoch hinsichtlich der Spreads – also der Differenzen zwischen Anleihen aus Peripherieländern wie Italien und deutschen Bundesanleihen – selektiv vorgehen. Sollten die geopolitischen Spannungen nachlassen und zu einem Rückgang der Energiepreise führen, „halten wir eine auf Euro lautende Duration bei Renditen über 2,9 % für attraktiv“. Die Duration ist ein Maß für die Preissensitivität einer Anleihe gegenüber Zinsänderungen. De Bus verlängert zudem sein selektives Engagement in bestimmten mittel- und osteuropäischen Ländern wie Slowenien und der Slowakei, die von ihrer Aufnahme in einige auf Euro lautende Anleiheindizes im Jahr 2026 profitieren könnten.

Carpenzano von Capital Group verfolgt weiterhin einen vorsichtigeren Ansatz hinsichtlich der EUR-Duration und „bevorzugt Renditen mit kürzeren Laufzeiten sowie Zinssätze aus dem europäischen Nicht-Kernbereich“. Er ist weiterhin übergewichtet in Staatsanleihen von Ländern wie Griechenland und Italien, weil zu erwarten ist, dass sich die Spreads sowohl kurz- als auch langfristig weiter verengen – gestützt auf verbesserte Fundamentaldaten und den finanzpolitischen Kurswechsel Deutschlands. Bei französischen Staatsanleihen ist er hingegen untergewichtet.

Da die Inflation zunehmend zu einem strukturellen Risiko wird, hält Rimeu von Crédit Mutuel AM variabel verzinsliche Anleihen schließlich für „die am besten geeignete Lösung, da ihre Kupons regelmäßig neu festgelegt werden, wodurch sie sich an geldpolitische Veränderungen und höhere Zinssätze anpassen können. Darüber hinaus ist ihre Sensitivität gegenüber Zinsschwankungen nach wie vor sehr begrenzt, was zu einem minimalen Durationsrisiko führt.“

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