Schock für globale Lieferketten erschüttert Aktienmärkte: Gewinner und Verlierer im Iran-Konflikt

Ein anfänglicher Energieschock entwickelt sich zu einem weitreichenderen Rückschlag für Aktiensektoren darunter Lebensmittel, Transport und Fertigung

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Branchen wie die Chemie-, Technologie- und Automobilindustrie leiden unter Disruptkonen - ausgelöst durch die Einschränkung der Handelsströme in der Straße von Hormus.
  • Analysten warnen davor, dass die Inputkosten deutlich steigen und sich Engpässe bei einigen wichtigen Produkten bereits auf den Finanzmärkten bemerkbar machen.
  • Die Risiken einer längeren Sperrung der Meerenge drohen, das Konsumverhalten der Verbraucher zu verändern und den europäischen Volkswirtschaften Schaden zuzufügen.

Der anhaltende Iran-Konflikt und die Sperrung der Straße von Hormus verwandeln einen anfänglichen Schock bei der Energieversorgung in einen weitreichenden Rückschlag für die Lebensmittelversorgung, das verarbeitende Gewerbe und den Transportsektor, wodurch an den Aktienmärkten viele Verlierer und nur wenige Gewinner entstehen.

Die Aktienmärkte haben die anfängliche Volatilität hinter sich gelassen und in den letzten Monaten neue Rekordstände erreicht, doch Unternehmen aus Branchen wie Chemie und Werkstoffe, Technologie und Automobilbau gehören zu denen, die in ihren Ergebnisberichten für das erste Quartal auf Störungen in der Lieferkette hingewiesen haben. Und während das einigen Branchen Auftrieb verliehen hat, sagen Experten, die Euphorie an den Märkten verschleiere die tiefe Unsicherheit und die bevorstehenden wirtschaftlichen Turbulenzen, die noch bevorstehen.

„Der Iran-Konflikt ist nicht nur ein Problem eines einzelnen Sektors: Er ist die bestimmende makroökonomische Variable für die gesamte Realwirtschaft“, sagt Lauren Hyslop, Fondsmanagerin bei Mattioli Woods.

„Die Folgewirkungen sind allgegenwärtig: Dieselknappheit, Bergbaubetriebe, aus Asien umgeleitete Schiffsladungen, die die Transportzeiten verdoppeln, Engpässe bei Flugbenzin sowie steigende Baukosten aufgrund von Treibstoffzuschlägen“, fügt sie hinzu.

Engpässe in Energieversorgung stören Verkehr

Die Auswirkungen auf die weltweite Energieversorgung, vor allem bei Rohöl und Flüssigerdgas (LNG), sind hinlänglich bekannt. Raffinerieprodukte wie Benzin und Diesel sind jedoch von den schwerwiegendsten Disruptionen betroffen, sowohl was Schäden an den Raffinerien selbst als auch an den Transportwegen betrifft.

Die Preise für Flugbenzin, die seit Kriegsbeginn um 60 % gestiegen sind, haben beispielsweise bei den Fluggesellschaften im Vorfeld der wichtigen Sommerreisezeit Besorgnis ausgelöst. Das hat viele internationale Fluggesellschaften dazu veranlasst, Strecken zu streichen, und europäische Fluggesellschaften, die sich in der Regel gegen Kostenschwankungen absichern, befürchten höhere Preise, sobald ihre Verträge auslaufen.

Cameron Love, Wirtschaftsanalyst bei Aberdeen, erklärt, dass die Kosten für Flugbenzin die ohnehin schon knappen Margen der Fluggesellschaften belasten, da der Treibstoffanteil in der Regel 20 bis 40 Prozent der Betriebskosten ausmacht. „Da die operativen Margen der Fluggesellschaften oft nur im niedrigen einstelligen Bereich liegen, ist der Spielraum zur Abfederung eines großen Kostenschocks begrenzt.“

Billigfluggesellschaften gelten als besonders anfällig sowohl für die steigenden Kerosinpreise als auch für den Rückgang der frei verfügbaren Konsumausgaben, weshalb viele von ihnen derzeit Sonderangebote verwenden, um die Buchungsdynamik aufrechtzuerhalten.

EasyJet (EZJ) teilte mit, dass der Konflikt bereits zu höheren Treibstoffkosten geführt habe, während Ryanair seine Gewinnprognose ausgesetzt hat und dabei auf „erhebliche“ Schwankungen der Treibstoffpreise sowie mögliche Versorgungsengpässe verweist. EasyJet notiert nach einem Kursrückgang von 33 % in diesem Jahr fast 50 % unter seiner Fair Value-Schätzung, während Ryanair (RYA) und Wizz Air (WIZZ) mit einem Abschlag von 27 % bzw. 22 % gehandelt werden.

Versorgungsengpässe bei Chemikalien und Werkstoffen

Auch in der Chemie- und Werkstoffindustrie kommt es zu erheblichen Störungen sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb. Während das einigen europäischen Chemieunternehmen, die von Lieferengpässen aus dem Nahen Osten und Asien profitierten, kurzfristig Auftrieb verliehen hat, so ist die weltweite Düngemittelversorgung besonders anfällig.

Etwa ein Drittel der weltweit auf dem Seeweg transportierten Rohstoffe für Düngemittel wird durch die Straße von Hormus befördert, während die Düngemittelproduktion in anderen Regionen häufig auf LNG-Lieferungen aus der Golfregion angewiesen ist. Und obwohl Vergleiche mit dem Düngemittelschock des Jahres 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gezogen wurden, macht Love von Aberdeen einen Unterschied deutlich. „Die [russischen] Lieferungen gingen nicht wirklich verloren: Sie wurden lediglich umgeleitet … Die Lieferungen aus dem Golf hingegen erleben einen echten physischen Engpass.“

Tatsächlich haben Chemieunternehmen davor gewarnt, dass Düngemittelengpässe künftige Ernten gefährden. Große Lebensmittelkonzerne wie Unilever (ULVR) haben es unterdessen vermieden, auf Engpässe hinzuweisen, und stattdessen vor höheren Produktionskosten infolge des Krieges gewarnt.

„Je länger diese Probleme andauern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solchen Ausstrahlungseffekten“ auf Düngemittel und letztendlich auf die Lebensmittelpreise kommt, sagt James Knightley, Chefökonom für internationale Angelegenheiten bei ING in den USA.

Fachkräftemangel gefährdet KI-Wettlauf: Südkoreanische Aktien im Fokus

Gleichzeitig drohen bei anderen wichtigen Chemikalien und Materialien wie Helium, Brom und Aluminium erhebliche Versorgungsengpässe, was die Produktion wichtiger Güter gefährdet – von Halbleitern über medizinische Geräte bis hin zu Kernreaktoren.

„Am knappsten ist es wahrscheinlich bei Helium“, sagt Rico Luman, Senior-Branchenökonom bei ING. Katar deckt mehr als ein Drittel des weltweiten Heliumbedarfs und gewinnt es als Nebenprodukt der LNG-Produktion. Nun verschärft die Einstellung der Produktion in Katar die ohnehin schon angespannten Lieferketten im Halbleiterbereich. „Dies hat die Preise bereits in die Höhe getrieben, könnte aber auch zu Versorgungsengpässen führen, wie wir sie in der jüngsten Vergangenheit erlebt haben“, fügt Luman hinzu.

Obwohl Halbleiteraktien angesichts des anhaltenden KI-Booms weiter zulegen, dürften Asiens Chiphersteller laut Analysten zu den größten Verlierern der Helium-Versorgungsknappheit zählen. Das hat zu Schwankungen im technologieorientierten südkoreanischen Leitindex KOSPI geführt und Samsung (005930) sowie SK Hynix (000660) kürzlich dazu veranlasst, Vereinbarungen zu treffen, um ihre Lieferungen aus den USA abzusichern. Die beiden Aktien werden nach starken Kursgewinnen in diesem Jahr mit einem Aufschlag von 77 % bzw. 46 % gegenüber ihren Fair Value-Schätzungen gehandelt.

Love von Aberdeen meint, dass Halbleiterhersteller aufgrund von Lieferengpässen selektiver vorgehen und hochwertigen Produkten für die KI-Verarbeitung sowie Speicher mit hoher Bandbreite Vorrang einräumen könnten – „auf Kosten von Speicher für Verbraucher- und Industrieanwendungen“. Tatsächlich könnten anhaltende und gravierende Engpässe sogar die KI-Rallye selbst belasten, so Love. „Neben höheren Energiekosten könnten etwaige Lieferengpässe bei Halbleitern den Ausbau der KI behindern und sich auf die Kurse von Technologieaktien auswirken.“

Verzögerungen bei Autos und Konsumgütern

Auch für andere Branchen von der Automobilindustrie über den Einzelhandel bis hin zu anderen Konsumgütern sind die Folgedwirkungen offensichtlich, sollte die Blockade der Straße von Hormus andauern. Fast 300 Unternehmen, vor allem in Europa und Asien, haben laut einer Analyse von Reuters zu Unternehmensveröffentlichungen bislang darauf hingewiesen, dass Abwehrmaßnahmen erforderlich sind, um die finanziellen Auswirkungen des Iran-Konflikts abzufedern, darunter Preiserhöhungen und Produktionskürzungen.

Autos beispielsweise sind nicht nur auf technische Komponenten wie Halbleiter angewiesen, sondern auch auf Aluminium und Erdölderivate wie Gummi und Kunststoff. Toyota 7203 rechnet für dieses Jahr mit einem Verlust von 4,3 Mrd. USD infolge des Krieges, der auf höhere Material-, Energie- und Transportkosten zurückzuführen ist.

Luman von der ING erklärt, dass es derzeit eher „Angebotsengpässe sind, die die Preise in die Höhe treiben, als echte physische Knappheit“. Je länger die Störungen in der Lieferkette jedoch andauern, desto stärker wirkt sich das auf das Verbraucherverhalten aus, und die sich verschlechternden makroökonomischen Aussichten werden die Konsumgüterbranche wahrscheinlich noch weiter belasten. „Zudem ist die Nachfrageseite der Automobilbranche – Unternehmen und Verbraucher – von den höheren Kraftstoffpreisen betroffen. Dies könnte ebenfalls zu einem gewissen Nachfragerückgang führen“, fügt Luman hinzu.

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