Wichtigste Erkenntnisse
- Der Durchbruch bei der Umstrukturierung von Volkswagen ist laut Analysten ein wichtiger Meilenstein.
- Die VW-Aktie legte im Zuge der Transaktion 6 Prozent zu, verzeichnet in diesem Jahr vor dem Hintergrund einer branchenweiten Flaute aber nach wie vor einen Rückgang von 22 Prozent.
- Da die Aktie aktuell mit rund 82 Euro gehandelt wird, stufen Analysten sie allgemein als unterbewertet ein.
Der bahnbrechende Sanierungsplan von Volkswagen VOW3 ist laut Analysten ein Meilenstein für die angeschlagene deutsche Automobilaktie. Sie sind der Ansicht, dass die Bereitschaft des Unternehmens, schwierige Entscheidungen zu treffen, dem größten europäischen Automobilhersteller einen entscheidenden Schub verleihen wird.
Der Aufsichtsrat von Volkswagen billigte in der letzten Woche eine umfassende Umstrukturierung unter deen Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume, die den Abbau von weiteren 50.000 Arbeitsplätzen, eine Reduzierung der Modellpalette sowie mögliche weitere Werksschließungen vorsieht. Die Pläne, die erstmals im Juni angekündigt worden waren, waren Gegenstand heftiger Verhandlungen zwischen der Unternehmensleitung, den Gewerkschaften und dem Land Niedersachsen – dem zweitgrößten Anteilsinhaber von Volkswagen und Standort des Unternehmenshauptsitzes –, bevor am Donnerstag eine Einigung erzielt wurde.
Die Anleger begrüßten die seit langem angestrebte Einigung, woraufhin die Aktie des in Frankfurt notierten Unternehmens Volkswagen nach der Bekanntgabe am Donnerstag über 6 Prozent zulegte. Da die Aktie in diesem Jahr jedoch bislang 22 Prozent fiel – was kürzlich zu ihrem Ausschluss aus dem wichtigen Euro Stoxx 50 und einer Welle von Zwangsverkäufen führte –, warten Anleger jetzt darauf, dass der Future Plan 2030 des Unternehmens in die Tat umgesetzt wird. „Viele Anteilsinhaber möchten erst sehen, dass das Unternehmen Ergebnisse liefert, bevor sie sich darauf einlassen“, sagt Daniel Schwarz, Aktienanalyst bei Metzler Capital Markets.
Wie sieht die Sanierungsstrategie von VW in der Praxis aus?
Volkswagen, zu dessen Marken Audi, Bentley und Lamborghini gehören, hatte in den letzten Jahren ebenso wie andere europäische Automobilhersteller mit zunehmender Konkurrenz aus China, US-Zöllen und schwächeren Verkaufszahlen auf dem heimischen Markt zu kämpfen. Der Betriebsgewinn des Unternehmens ging im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 12 Prozent zurück, nachdem er im Vorjahr bereits um mehr als 50 Prozent gesunken war.
Parallel dazu fiel die Volkswagen-Aktie deutlich und notiert nun bei weniger als einem Drittel ihres Kursniveaus aus dem Jahr 2021. Damit verzeichnet sie die stärksten Kursverluste unter den europäischen Mitbewerbern BMW, Mercedes-Benz MBG und Renault EPA.
Im Rahmen der aktuellsten Umstrukturierungspläne von Blume wird das Unternehmen sein Modellangebot halbieren und die Komplexität seiner Produkte bis 2035 um 75 Prozent reduzieren, um die Rentabilität zu steigern. Die neue Welle von Stellenstreichungen ergänzt die bereits angekündigten Pläne, bis Ende 2030 in Deutschland 50.000 Stellen abzubauen, wodurch die Stellenkürzungen unter Blume auf über 100.000 Mitarbeiter stiegern, etwa einem Sechstel der weltweiten Belegschaft.
Morningstar-Aktienanalystin Rella Suskin bezeichnet den Plan als „großen Schritt“ nach vorne in der 89 Jahre alten „Geschichte der Unflexibilität“ des Unternehmens und als mögliches Signal für eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber künftigen Portfolioentscheidungen.
Während Suskin angibt, dass die Zahl der Stellenstreichungen die Markterwartungen übertroffen habe, bezeichnet sie das Ziel, bis 2030 eine Betriebsmarge von 9 Prozent zu erreichen, als „unrealistisch“ und beschreibt die angekündigten Maßnahmen als „notwendig, um die Margen auf dem derzeitigen niedrigen einstelligen Niveau zu halten“.
Volkswagen verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 eine Betriebsmarge von 3,8 Prozent. Selbst nach einer Reduzierung der Mitarbeiterzahl bleibt die Produktivität des Automobilherstellers laut Morningstar-Modellrechnungen hinter der seines Konkurrenten im Massenmarkt, Toyota, zurück, der eine hohe einstellige Marge erzielt. Unterdessen unterschätzen die Prognosen des Unternehmens, die von unveränderten weltweiten Absatzmengen und stabilen Preisen in Europa ausgehen, das Ausmaß der Absatzrückgänge und des Preisdrucks in Europa, stellt Suskin fest.
Daniel Schwarz, Aktienanalyst bei Metzler Capital Markets, bezeichnet die Umstrukturierung als „proaktiven Schritt“ zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswagen. „Die Produkte sind wettbewerbsfähig, die Kostenstruktur weniger“, sagt er. Bei richtiger Umsetzung, fügt er hinzu, besteht für Volkswagen die Möglichkeit, seine relative Stärke in China gegenüber europäischen Mitbewerbern zu nutzen, um seinen Marktanteil auf dem heimischen Kontinent zu verteidigen.
„Der Wettbewerb wird zunehmen, die Frage ist, wer darunter am meisten leidet“, fährt er fort. „Meiner Meinung nach liegt die Chance für Volkswagen darin, dass das Unternehmen in China nach wie vor ein sehr wichtiger Akteur ist. Wenn nun chinesische OEMs [Erstausrüster] nach Europa kommen – jene OEMs, die in der Vergangenheit aus China verdrängt wurden –, besteht ein größeres Risiko, dass sie Marktanteile an chinesische Modelle verlieren, und in kürzerer Zeit.“
Zudem erwägt der Automobilhersteller die Schließung von vier Produktionswerken – Emden, Zwickau, Neckarsulm und Hannover –, die alle ab 2031 schrittweise stillgelegt werden. Eine am Montag mit einer israelischen Investorengruppe geschlossene Vereinbarung, die Produktion im umkämpften Volkswagen-Werk in Osnabrück auf Komponenten für die israelische Luftabwehr umzustellen, dient laut Stuart Pearson, Leiter der globalen Automobil- und Mobilitätsforschung bei Oxcap Analytik, als „Vorbild“ für andere Standorte.
„Osnabrück hat symbolischen Charakter, wird aber keine entscheidenden Veränderungen bewirken. Sollte es jedoch bedeuten, dass Niedersachsen für derartige Lösungen offen ist, ist es von Bedeutung“, sagt Pearson und verweist dabei auf das wachsende Interesse von Automobilunternehmen und deutschen Behörden, ungenutzte Automobilwerke und Belegschaften in anderen aufstrebenden Branchen einzusetzen.
Welche weiteren Veränderungen sind zu erwarten?
Ein weiterer umstrittener Punkt der Vereinbarung, der bislang noch nicht bestätigt wurde, ist die Ausgliederung der Marke VW und ihres Zuliefergeschäfts in eigenständige Unternehmen. Nach Ansicht von Analysten stellt ein solcher Schritt einen noch bedeutenderen Wendepunkt für das Unternehmen dar.
„Wir sind der Ansicht, dass eine Straffung des Geschäftsportfolios der Gruppe um ein Drittel interessante Möglichkeiten bietet, Wert für die Anteilsinhaber zu erschließen“, sagt Suskin. „Die Ausgliederung von Marken, die nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens – dem Angebot von Massenmarktfahrzeugen – passen, setzt erheblichen Wert frei.“
Bis vor kurzem hat sich Volkswagen gegen eine Aufteilung seiner verschiedenen Geschäftsbereiche gewehrt, da seine Eigentums- und Führungsstruktur einen einheitlichen Ansatz begünstigte. Unter dem Druck, Umstrukturierungen vornehmen und den Unternehmenswert steigern zu müssen, gewinnen diese Pläne jedoch an Fahrt.
„Bei Volkswagen gibt es immer wieder das Argument der Summe der Einzelteile. Die Aktie wird stets mit einem Abschlag gegenüber der Summe der Einzelteile gehandelt“, sagt Schwarz. „Wenn sie auf der Kostenseite keinen Erfolg haben, halte ich die Wahrscheinlichkeit für größer, dass das Unternehmen zerschlagen wird.“
Steht der VW-Aktie vor einem Aufschwung?
Die Volkswagen-Aktie notiert derzeit nahe ihrem Zweijahrestief von 82 Euro bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7,95. Im Vergleich dazu liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse von Renault und Mercedes bei 9,03 bzw. 9,10.
Morningstar behielt nach der Vereinbarung am Donnerstag seine Fair Value-Schätzung für die Aktie in Höhe von 116 Euro bei, was laut FactSet leicht über dem Marktkonsens von 110 Euro liegt. „Unsere Fair Value-Schätzung deutet nach wie vor auf ein erhebliches Aufwärtspotenzial hin, basierend auf praktisch keinem Umsatzwachstum, Margen von 3 Prozent in der Mitte des Konjunkturzyklus und Investitionsausgaben, die über den Zielvorgaben liegen“, so Suskin.
Dennoch gehen einige Analysten davon aus, dass die Aktie noch weiteres Aufwärtspotenzial besitzt, sofern die Vereinbarung der letzten Woche ein Zeichen für die Entschlossenheit des Automobilherstellers ist, den Kurs zu korrigieren.
„Ein wichtiger Bestandteil dieses gesamten Umstrukturierungsplans sind nicht nur höhere Gewinne, sondern auch geringere Investitionsausgaben. Wenn man höhere Gewinne und geringere Investitionsausgaben hat, wirkt sich das in der Regel positiv auf den freien Cashflow aus. Steigt die Cashflow-Konversion, steigen in der Regel auch die Kennzahlen der Bewertung“, sagt Schwarz von Metzler und behält sein Kursziel von 130 Euro bei.
„Es handelt sich um einen Umstrukturierungsplan, der keinerlei Maßnahmen zur Umsatzsteigerung enthält. Er basiert ausschließlich auf Kosteneinsparungen, liegt also wirklich in der Hand von Volkswagen. Angesichts dessen, was sie angekündigt haben, ist er meiner Meinung nach glaubwürdiger.“

