- Der deutsche Aktienmarkt gehört mit rund 24 % Plus seit Jahresbeginn zu den stärksten in Europa.
- Konjunkturimpulse durch das Investitionspaket und die EZB-Zinssenkung lassen auf einen Aufschwung im 2. Halbjahr hoffen.
- Zahlreiche deutsche Aktien sind weiterhin unterbewertet. Morningstar-Analysten sehen vor allem Chancen bei Nebenwerten und im Rüstungssektor.
Mit einem Plus von rund 24 % seit Jahresbeginn zählt der deutsche Aktienmarkt bisher zu den stärksten Performern in Europa. Aktuell rangiert der Morningstar Germany Index nahe seinem Allzeithoch von Anfang Juni.
Damit hat der deutsche Aktienmarkt nicht nur geopolitische Turbulenzen und Zolldrohungen aus den USA weitgehend abgeschüttelt, sondern auch das schwache Wachstum im Inland.
Vor allem der Industriesektor, Banken und Versicherungen sowie Technologiewerte gaben Auftrieb, zeigen Daten von Morningstar Direct. Rheinmetall RHM stach mit einem Kursplus von 205 % hervor und war mit einem Indexgewicht von 3,27 % ein wesentlicher Treiber. Konsumgüter - allen voran die zyklischen Autowerte - belasteten hingegen.
Morningstar-Analysten sehen auch nach den jüngsten Kursanstiegen weiteres Potenzial - allerdings selektiv.
Gewinne stagnieren - Hoffnung auf Erholung im 2. Halbjahr
Fundamental fiel der Jahresauftakt indes gemischt aus: Im 1. Quartal stieg der Umsatz der DAX-40-Konzerne zwar um 3,3 %, doch zehn Unternehmen – darunter BMW BMW, Mercedes-Benz MBG, BASF BAS und Bayer BAYN– meldeten Rückgänge. 16 DAX-Konzerne verbuchten weniger Gewinn als im Vorjahr, der Betriebsgewinn sank insgesamt um 8 %, berichtet EY.
Alle Augen richten sich nun auf die anstehende Berichtssaison zum 2. Quartal. Am 22. Juli macht SAP SAP den Aufschlag und legt als erstes der großen deutschen Unternehmen die Bücher fürs 2. Quartal offen.
Die Analysten von Deutsche Bank Research zeigen sich für europäische Aktien positiv gestimmt. Der Konsens geht derzeit zwar von einem Gewinnrückgang von 6 % gegenüber dem 1. Quartal 2025 und von 2 % gegenüber dem Vorjahr aus. Doch es gebe durchaus Raum für positive Überraschungen.
“Wir sind hinsichtlich der Ergebnisse für das 2. Quartal optimistischer als der Konsens und erwarten ein positives Gewinnwachstum im niedrigen einstelligen Bereich gegenüber dem Vorjahr”, heißt es im Ausblick auf die Berichtssaison. “Wir erwarten, dass die Gewinne im Vergleich zum 1. Quartal leicht zurückgegangen sind, da sich erste Auswirkungen der Zölle bemerkbar machten, nachdem die Vorräte aus der Zeit vor den Zollerhebungen vermutlich im 1. Quartal aufgebraucht wurden.” Die Umsätze dürften im 2. Quartal indes stagniert haben, heißt es.
Investitionspaket schürt Hoffnung auf konjunkturellen Aufschwung
Frühindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima und die Einkaufsmanagerindizes deuten auf eine allmähliche Trendwende der deutschen Konjunktur hin. Impulse kommen vom Investitionspaket der neuen Bundesregierung, die mehrere hundert Milliarden Euro für Infrastruktur, Digitalisierung und Verteidigung bereitstellt.
„Deutschland hat erkannt, dass das exportorientierte Wirtschaftsmodell angepasst werden muss“, sagt Ben Leyland, Fondsmanager bei J O Hambro. Die Abkehr von der Austerität eröffne Chancen.
Rüstungswerte im Fokus
Besonders profitieren dürfte aber weiterhin der Verteidigungssektor, dessen Gewicht im deutschen Aktienmarkt zuletzt deutlich zugenommen hat. Abseits des Verteidigungssektors rücken Branchen wie Infrastruktur, Industrie, Werkstoffe oder Bau in den Fokus. „Diese Sektoren galten lange als kapitalintensiv und wachstumsschwach“, sagt Leyland. Doch fiskalische Impulse könnten jetzt nicht nur das Umsatzwachstum beschleunigen, sondern auch Margen und Kapitalrenditen verbessern. Für langfristig orientierte Anleger könnten sich hier attraktive Einstiegschancen bieten.
Zudem gelten Sektoren mit pandemiebedingtem Lagerüberhang wie etwa Life Sciences, Spirituosen oder analoge Halbleiter als Erholungskandidaten.
Dina Ting, Head of Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton, sieht ebenfalls Chancen in Deutschland und dem Euroraum. Diese böten im Vergleich zum IT-lastigen S&P 500 eine differenzierte Sektorallokation. Auch HSBC spricht von einem strukturellen Wandel in Europa und erwartet angesichts attraktiver Bewertungen, stabilisierender Konjunktur und wachsender fiskalischer Unterstützung eine Neubewertung der Region.
Nebenwerte mit Luft nach oben
Auch europäische Small Caps bieten Anlegern Potenzial. Trotz vergleichbarer Gewinnentwicklung wie Large Caps werden sie weiter mit einem Bewertungsabschlag gehandelt. “Wer genauer hinschaut, findet mehr Potenzial bei Small- und Mid-Caps,” sagt Michael Field, Chefstratege für europäische Märkte bei Morningstar. Die Diskrepanz zwischen Large und Small Caps sei in Europa größer als in den USA: Aktuell notieren europäische Nebenwerte mit rund 20 % Abschlag auf den geschätzten fairen Wert. “Das ist im historischen Vergleich äußerst attraktiv”, so Field.
EZB-Zinssenkungen schaffen Spielraum
Rückenwind kommt auch von geldpolitischer Seite: Die EZB hat den Leitzins im Juni auf 2,0 % gesenkt. Weitere Schritte dürften folgen.
Die Finanzierungskonditionen in der Eurozone haben sich damit zuletzt deutlich entspannt, wovon insbesondere mittelständische Unternehmen profitieren.
Konsum bleibt Schwachstelle - aber auch das kann sich ändern
Während sich die Stimmung in der Wirtschaft bessert, bleibt der Konsum allerdings schwach. „Die Investitionspläne der Regierung sind bislang vor allem auf Unternehmen ausgerichtet – nicht auf Haushalte“, so ING-Chefökonom Carsten Brzeski. Trotz Entspannung nach dem Energiepreisschock infolge des Krieges in der Ukraine hemmen hohe Sparquoten, Inflationssorgen und ein unsicherer Arbeitsmarkt die Erholung.
Erst mit wachsender Kaufkraft und besserer Beschäftigungslage erwarten Ökonomen eine Trendwende. Sollten die Infrastrukturmaßnahmen greifen, könnte auch der Konsum im zweiten Halbjahr anspringen.
Ein starker Euro dürfte jedoch den Export zusätzlich zu Trumps Zöllen belasten. „Ein stärkerer Euro wirkt wie ein zusätzlicher Zoll für deutsche Ausfuhren“, warnt Brzeski. Dies könnte vor allem die exportstarke Automobil- und Maschinenbauindustrie bremsen.
Bei diesen Aktien sehen die Morningstar-Analysten Chancen
Morningstar bewertet global Aktien nach fundamentalen Kriterien, darunter 49 deutsche Titel. Jede Aktie erhält ein Sterne-Rating, je nachdem, ob sie als über- oder unterbewertet gilt. Papiere mit 4 oder 5 Sternen gelten als unterbewertet, während Aktien mit 1 oder 2 Sternen als überbewertet eingestuft werden.
Zwar sind die Bewertungen in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, doch bei diesen Branchen und Aktien sehen die Morningstar-Analysten noch Luft nach oben.
Industrie
“Wir identifizieren attraktive Anlagechancen im Bereich Unternehmensdienstleistungen, insbesondere bei Test-, Inspektions- und Zertifizierungsunternehmen, die von den globalen Impulsen in den Bereichen Nachhaltigkeitsprüfung und Lieferkettenmanagement profitieren”, so Field. “Chancen sehen wir auch bei europäischen Luftfahrt- und Rüstungsaktien, die von weltweit steigenden Verteidigungsausgaben der Regierungen profitieren.” Top-Pick in diesem Bereich ist Rheinmetall.
“Die eskalierenden globalen Sicherheitsbedenken treiben das Wachstum im Verteidigungsmarkt an, da viele Länder in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges zu wenig investiert haben. Angesichts der jüngsten Entwicklungen, darunter Sorgen über einen möglichen NATO-Rückzug der USA und zunehmender politischer Druck auf Europa, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen, erwarten wir, dass die europäischen Verteidigungsausgaben bis 2029 von 2,4 % auf 3,1 % des Bruttoinlandsprodukts steigen und bis 2032 3,5 % erreichen werden (bisher 2,8 %)”, so Morningstar-Analystin Loredana Muharremi. Diese Situation bietet Rheinmetall eine Chance, von seiner gut diversifizierten geografischen Präsenz und seinem Produktportfolio zu profitieren.
Technologie
Der Sektor hat in diesem Jahr eher unterdurchschnittlich abgeschnitten. “Im Mai erholten sich die europäischen Technologiewerte jedoch wieder, angeführt von starken Leistungen bei Halbleitern und Zahlungsdienstleistern. Mit der Rückkehr der Dynamik haben Anleger nun eine Vielzahl unterbewerteter Aktien aus verschiedenen Technologiebranchen zur Auswahl”, so Field. Dazu gehören auch zwei deutsche Werte:
Gesundheit
Der Sektor erscheint insgesamt unterbewertet. Der Medianpreis liegt laut den Morningstar Analysten rund 10 % unter den Fair Value-Schätzungen. Zu den unterbewerteten europäischen Titeln gehören laut den Analysten auch folgende deutsche Werte:
Konsumgüter
Vor allem der Automobilsektor geriet im Zuge der US-Zölle unter die Räder. Doch mit dem breiteren Angebot an preislich wettbewerbsfähigen Einstiegs-BEVs dürften europäische Hersteller Marktanteile verteidigen können. “Im bisherigen Jahresverlauf liegen Volkswagen VOW3 und Renault RNO, die früh mit ihren Modellen auf den Markt kamen, wie erwartet über dem Wachstum bei den EU-Neuzulassungen. Dies dürfte helfen, die durch die US-Zölle verursachten Schwankungen abzufedern. Auch wenn das Zollrisiko etwas abgenommen hat, rechnen wir dennoch mit einem Profitabilitätsrückgang von mindestens einer Milliarde Euro über unsere gesamte europäische Abdeckung hinweg. Von den betroffenen Unternehmen scheint BMW am besten aufgestellt zu sein, um die Auswirkungen der Zölle zu begrenzen”, so die Einschätzung der Morningstar-Analysten.
Versorger und Grundstoffe
RWE gehört laut Sektoranalyst Tancrede Fulop weiterhin zu den Favoriten im europäischen Versorgersektor. Er geht davon aus, dass sich das Wachstum im Sektor in den kommenden Quartalen beschleunigen wird.

